Der Käufer auf dem Flohmarkt - Page 80

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sieht man sich wieder!«
Sprach Thorsten.
»Stimmt … Wie ich gehört habe, können Sie nicht mehr rausfahren?«
Fragte Tim und das schlechte Gewissen schweigt.
»Die Ausfahrtsschranke geht nicht hoch … Ich habe das Ticket schon mehrfach reingesteckt und bin trotzdem noch hier.«
Erzählte Thorsten und gibt Tim das Ticket.
»Ich werde es selber probieren. – Steigen Sie in den Wagen …«
Sagte Tim und ahnt einen merkwürdigen Gedanken … Merkwürdigerweise geht die Schranke auch bei Tims Versuch tatsächlich nicht hoch.
»Hat der Kassenautomat beim Bezahlen irgendetwas angezeigt?«
Fragte Tim.
»Nein, ich habe die Karte reingesteckt und habe dann anschließend ganz normal bezahlt.«
Verkündete Thorsten.
»Wie viel haben sie bezahlt?«
Fragte misstrauisch Tim.
»Vier Euro. Glaube ich …«
Antwortete Thorsten.
»Gut … Dann werde ich Sie so rauslassen! – Dafür brauche ich dann Ihre alte Karte.«
Sprach Tim und wartet, bis Thorsten die alte Karte wiederfindet. Die Suche geht nicht lange, aber dennoch sehr verdächtig und irgendwie auch zeitraubend.
»Hier ist das alte Ticket!«
Äußerte sich Thorsten und gibt Tim die Karte. Die betrügerische Vermutung hat sich bestätigt, die Tim nicht anmerken möchte. Vielleicht ist es ein Ausgleich der Gerechtigkeit, die ständig auch ohne Bestrafung zufriedengestellt werden kann. Da Tim diesen Wagen beschädigt hatte, verlangt die Gerechtigkeit nun eine Strafe, und da Thorsten betrügerische Absichten gezeigt hat, sollte man dies zum Ausgleich als Bestrafung ansehen.
»Das alte Ticket muss ich behalten.«
Sagte Tim und fragt sich, ob sich der Mann im Klaren ist, was er da macht.
»Wenn Sie das müssen, dann sollten Sie es behalten.«
Antwortete freundlich Thorsten.
»Ach, ich habe da eine andere Karte für Sie … Vielleicht wird sie Ihnen helfen.«
Sagte Tim und holt aus der Hosentasche die „Nam-Myoho-Renge-Kyo“-Karte.
»Es ist eine ‚Nam Miah Renge Kio‘-Karte, die einen Hilfe-Spruch besitzt. Sollte man sich in Schwierigkeiten befinden, kann man das aussprechen, was auf der Karte steht. Ich kann Ihnen berichten, dass mir die Karte schon sehr oft geholfen hat.«
Erzählte Tim und gibt Thorsten die Karte.
»Danke … Werde ich jetzt rausgelassen?«
Fragte ein bisschen frech Thorsten, der sich irgendwie selbst in falsche Angelegenheiten gebracht hat. Aus der Hosentasche nimmt Tim seine eigene Funktions-Karte und entlässt damit Thorsten in die Freiheit. Beim Rausfahren bedankt sich Thorsten, und Tims Gewissen verabschiedet sich eigenwillig von Schuldgefühlen. Die Befreiung braucht kein Geständnis, um sich mit reinem Gewissen zu vereinen. Zu viele betrügerischen Begebenheiten war Tim ständig ausgeliefert und solche eine Erfahrung überdauert die Fantasie der Betrügerei. Auf jedem Ticket wird die Uhrzeit und das Datum beim Einfahren an der Einfahrtsschranke registriert und auf das Ticket aufgedruckt … Die Karte, die Tim gerade in der Hand hält, zeigt, dass diese Karte vor Wochen an der Einfahrtsschranke gezogen wurde! Auch ist das Datum leicht zerkratzt … Der Weg ist nicht weit und der Hafen-Container ist gut zu sehen. Auch steht vor der Tür Tina, die eine große Tüte bei sich hat.
»Wo warst du?«
Schrie freundlich Tina.
»Bei der Arbeit! – Hier war ein Mann, den hättest du sehen sollen …«
Sprach Tim und die beiden stehen voreinander.
»Wieso! Hat er wieder rumgeschrien?«
Fragte Tina.
»Wäre mir lieber gewesen … Abgezogen wurde ich!«
Offenbarte Tim die schmerzliche Tatsache.
»Wie denn das?«
Fragte Tina, die den Mann vorhin zum Glück nicht gesehen hat.
»Herr Müller hat mich vor ein paar Minuten angerufen und gesagt, dass an der Ausfahrtsschranke ein Kunde steht, der nicht rausfahren kann. – Vorhin hat der Mann sein Ticket verloren und von mir eine neue Karte erhalten. Auch sagte er mir, dass die alte Karte im Auto stecken geblieben ist. Und plötzlich fand er die alte Karte bei sich in der Hosentasche wieder. – Die Rückerstattung hat er von mir ebenfalls bekommen und musste nur noch die alte Karte am Kassenautomaten abbezahlen. – Nun steht er vor der Ausfahrtsschranke und kann mit der Karte nicht mehr rausfahren!«
Erzählte Tim.
»Und dann?«
Fragte Tina.
»Ich habe ihn einfach rausgelassen …«
Antwortete Tim.
»Und wo ist das Problem? Er hat doch bezahlt …«
Fragte wieder Tina.
»Schau dir das Ticket an! Das Ticket wurde vor zwei Wochen gezogen und bei der Suche hat der Mann die Karte absichtlich zerkratzt. Außerdem kann man sehen, dass er nicht bezahlt hat. – Vor zwei Wochen hat irgendein Fahrer die Ausfahrtsschranke mit dem Wagen abgebrochen und ist einfach rausgefahren. Und wenn du logisch nachdenkst, begreifst du, dass das der Kerl war. Der selbstverständlich auch das Ticket behalten hat.«
Sprach Tim die unverständliche Wahrheit aus.
»Verstehe ich nicht …«
Fragte Tina, die darüber bildungsbedürftig bleibt.
»Wenn du an der Ausfahrtsschranke ohne Betrügerei rausfahren möchtest, wird die Schranke das Ticket einziehen und es behalten. Das Ticket, das er tatsächlich verloren hat, lag in seiner Hosentasche, und als er bei mir bezahlt hat, fand er die Karte nun doch wieder, die er vor zwei Wochen beim Rausfahren im Auto liegengelassen hatte. – Die Karte, die ich in der Hand halte, wurde vor Wochen gezogen.«
Erzählte Tim seine Gedanken-Welt, die sehr undurchsichtig und unverständlich ist.
»O … Warte! Hat er jetzt drei Tickets gehabt und dir das falsche gegeben?«
Fragte Tina, die den Überblick verloren hat.
»Ich erzähle es dir von vorne … Herr Müller hat mich vor ein paar Minuten angerufen und …«
Sagte Tim und wird zum Glück beim Reden unterbrochen.
»Ja, ja! – Ich habe es schon verstanden, du muss es mir nicht wieder erklären. – Ich habe das Gemälde dabei!«
Offenbarte Tina und zeigt die große Tüte.
»Wir sollten ins Büro reingehen. Die Wände hier haben große Ohren.«
Sprach Tim und sie gehen voller Spannung und Freude ins Büro rein. Klein ist die Tüte nicht, die das Gemälde vor fremden Augen verstecken sollte.
»Einen Tag und eine Nacht habe ich für das Abmalen und Kopieren gebraucht. – Zum Glück hat auch Vincent van Gogh sehr schnell gemalt!«
Sagte Tina und zeigt das Gemälde, welches exakt so aussieht wie das von Vincent van Gogh.
»O … Und ich dachte schon, es sei das echte Gemälde! – Ist die Leinwand nicht ein wenig zu groß?«
Fragte Tim, der die beste Fälschung zu Gesicht bekommen hat.
»Ich hatte keine andere … Ich bin mir ziemlich sicher, dass Wolfgang Beltracchi auf mich stolz sein würde!«
Sprach Tina.
»Ist es eigendlich strafbar, wenn man Gemälde kopiert und dann anschließend versucht, sie zu verkaufen?«
Fragte Tim.
»Oh, ja … Sowas ist strafbar, jedoch nur die Signatur! – Soll aber nicht unsere Sorge bleiben. Wir haben das echte Gemälde, und Herr Müller wird meine Fälschung beschlagnahmen und sich sicherlich daran freuen. Was er damit machen wird, werden wir in den Nachrichten erfahren. – Ich glaube, du musst deine Arbeit kündigen …«
Erzählte Tina.
»Wenn ich die Deutsche Meisterschaft gewonnen habe, dann ja. – Obwohl … Herr Müller bezahlt die Telefonrechnungen immer eigenständig und wird sowieso herauskriegen, dass wir versucht haben, Kontakt mit Auktionshäusern aufzunehmen.«
Offenbarte Tim die Konsequenzen. Tina nimmt das Gemälde und befestigt es an der Wand, wo früher der Playboy-Kalender war.
»Das sollten wir unbedingt feiern gehen … Lass uns die ‚Stein sein Mann sein‘-Bäckerei besuchen. – Ach, es gibt noch einen aussagekräftigen Grund zum Feiern!«
Sprach Tina.
»Und der wäre?«
Fragte Tim und wundert sich, welcher Grund die Stimmung noch schöner gestalten kann.
»Mein Jobcenter-Berater wurde vor einem Kino ermordet …«
Sagte Tina und lächelt.
»Oh! – Das ist ein überaus wichtiger Grund, die Bäckerei zu besuchen. Auch sollten wir irgendwann zusammen den Flohmarkt besuchen. Vielleicht finden wir die Frau wieder, die womöglich noch mehrere wertvolle Gemälde verkauft.«
Erzählte ansprechend Tim.
»Die Frau möchte ich auch gerne sehen! – Wann kommt Thomas?«
Fragte Tina.
»Er sollte in ein paar Minuten hier sein …«
Sagte Tim und erkennt, dass Thomas seine Ankunft verschieben wird.
»Komm … Wir gehen in die Bäckerei!«
Verkündete Tina und Tim nimmt die Einladung erfreut an.
»Ich war noch nie da und bin echt gespannt, ob ein Essen überhaupt gut schmecken kann, wenn es auf einem großen Stein gemacht wurde. – Doch bevor wir gehen, muss ich noch das machen!«
Erzählte Tim und nimmt die Reichs-Zigarette in die Hand und zündet sie an.
»Was machst du da! – Ich dachte, du willst die Zigarette aufrauchen, wenn es dir schlecht geht?«
Fragte schreckhaft Tina.
»Ich glaube, dass die Zigarette nicht für schlechte Zeiten aufbewahrt wurde, sondern für diesen Moment, wo die Freude einfach einen großen Zuschlag dazu bekommen möchte. – Es ist nun dieser Augenblick, auf den ich seit vielen Tagen gewartet habe … Komm, wir gehen!«
Offenbarte Tim endlich diese Zielvorstellung, die die Zigarette ständig mit Hoffnungen angestrebt hat. Rund um die Uhr gibt es viele Geschichten, die sehnsüchtig erzählt werden möchten, und unsere Geschichte endet so, wie sie begonnen hat … Mit unbedeutender Schadenfreude, weil sie die schönste Freude geblieben ist. Nun bleibt alles so, wie es früher schon immer war: Der Hafen-Container bleibt mit der Wandschmiererei versehen; die Möbelstücke im Büro kriegen Angst, weil das Gemälde ununterbrochen spricht; das Benehmen der Kunden bleibt im Rahmen der Erträglichkeit; Herr Müller bleibt auf der siebten Wolke, weil er glaubt, das Gemälde sei echt; in puncto Deutsche Meisterschaft bleibt ungewiss, ob Tim überhaupt daran teilnehmen wird. Alles ist so geblieben, wie es war, und die Schadenfreude bleibt die schönste Freude, die man auf einem Flohmarkt nicht kaufen kann …

Lektor: Axel C. Englert

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