Der kleine Mann aus den Bergen

Bild von Anita Zöhrer
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In den Bergen lebte einst ein kleiner Mann mit einem großen Hut und einer großen Klappe. Kaum jemand konnte sein Geschwätz noch ertragen. Selbst die Bienen, die er betreute, nahmen vor ihm Reißaus.

Ein jeder Imker beneidete ihn. Nie wurde er gestochen – er selbst jedoch war darüber sehr traurig. Gerne hätte er seine Bienen einmal zu Gesicht bekommen.
Eines Tages hatte der kleine Mann mit dem großen Hut und der großen Klappe eine grandiose Idee. Tief in der Nacht, als sein kleines Volk in seinem Zuhause versammelt war, schlich er sich leise an ihn heran und platzierte in seiner Nähe eine Stange Dynamit. Dass die Bienen taub wurden und nicht mehr vor seinen Ansprachen flüchteten, war sein Ziel, dass es bei der Explosion jedoch den gesamten Stock in alle Einzelteile zerreißen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Die Bienen überlebten, doch sie waren sauer. Ihr schönes Zuhause – komplett ruiniert. Was der kleine Mann mit dem großen Hut und der großen Klappe ihnen da angetan hatte, war für sie unverzeihlich.

Zum ersten Mal in seinem Leben fehlten dem kleinen Mann die Worte, erst, als die Bienen brummend in seine Richtung steuerten, lief er schreiend davon.
In der Hoffnung, seinem kleinen Volk damit eine Freude zu bereiten, baute der kleine Mann ihm einen noch viel größeren und schöneren Stock in der Form seiner Lieblingsspeise – nämlich einem Pilz. Dieses außergewöhnliche Geschenk sollte auch als Entschuldigung dienen, doch bedachte er nicht die kurze Lebensdauer seiner kleinen Lieblinge. Bis er seine Arbeit fertig hatte, war jene Generation, dessen Zuhause er in die Luft gejagt hatte, bereits ausgestorben und die nächste Generation von den Erzählungen ihrer Vorfahren geprägt.
Nehmt euch ihn Acht vor diesem verrückten Zwerg so hatte es geheißen, alle Gute – Nacht – Erzählungen hatten von jenem verhängnisvollen Tag gehandelt. Dass der kleine Mann mit dem großen Hut und der großen Klappe sie nun von ihrem neuen Zuhause, einer gemütlichen Höhle in einem Baum fortholen und sie in seinen selbst gebauten Pilz einquartieren wollte, unterstrich weiter ihre Annahme, dass er verrückt war.

Tief in der Nacht, als der kleine Mann schlief, hatte nun auch das kleine Volk eine Idee. Einen Umzug ins Tal, wo Artgenossen von ihm hausten, beschloss es im Stillen und Geheimen, Flucht war seine einzige Rettung. So flogen die Bienen nach und nach davon und nahmen alles aus ihrem Stock mit, was sie tragen konnten.

Die Jahre vergingen und aus dem kleinen Mann mit dem großen Hut und der großen Klappe wurde ein alter Greis, der vor lauter Selbstgespräche nach und nach heiser wurde, bis er schließlich seine Stimme verlor. Er war traurig. So gerne hatte er sich selbst sprechen gehört, keinen Sinn sah er mehr in seinem einsamen Leben, bis er eines Tages eine Biene vor seinem Fenster sitzen sah. Der kleine Mann mit dem großen Hut und der einst großen Klappe konnte seinen Augen kaum trauen. Seit Jahren hatte er keine Bienen mehr gesehen. All jene, die in seiner Umgebung wohnten, waren von seinem einstigen Volk gewarnt worden und mieden ihn so gut es ging.

Zwar konnte der kleine Mann es nicht wissen, doch die Biene, die dort vor dem Fenster gelandet war und nun zu ihm hinein blickte, war ein Nachkomme seines einstigen Volkes. Nur zu gut kannte diese Biene daher die Erzählungen rund um ihn, nur zu gut die Ausschmückungen, die sich von Generation zu Generation gebildet hatten, und diese hatte sie neugierig gemacht. Unbedingt wollte die den Verrückten kennenlernen, der eine wahre Legende in ihrer Familie war, umso mehr war sie erstaunt, als der kleine Mann das Fenster öffnete und sie mit Freudentränen auf seinen Zeigefinger krabbeln ließ. Kein Wort sprach er, dabei hatte sie einen wahren Wasserfall an diesen erwartet. Zärtlich streichelte er sie und führte sie durch sein Haus, dass er verrückt war, konnte die Biene wirklich nicht bestätigen.

Zuletzt zeigte der Mann mit dem großen Hut und der einst großen Klappe der Biene seinen Bienenstock in der Form eines Pilzes und begeistert flog die kleine Biene umher. Sie liebte Pilze ebenso sehr wie er, liebte ihre Formen, liebte ihre Farben. Sogleich düste sie davon, um ihrer Familie davon zu berichten, der kleine Mann war traurig, nun war er wieder allein.

Den Rest des Tages saß der kleine Mann mit dem großen Hut und der einst großen Klappe vor seinem außergewöhnlichen Bienenstock und weinte. So gerne hätte er wieder Bienen gehabt, gerne wieder mit ihnen zusammengelebt, doch woher hätte er sie nehmen sollen, wenn überall, wo er hinkam, alle Bienen sich vor ihm versteckten?

Gar tief war er in seiner Traurigkeit versunken, so sehr, sodass er noch nicht einmal das laute Geräusch bemerkte, das sich ihm näherte. Es war ein großer Schwarm von Bienen, angeführt von jener neugierigen Biene, die es gewagt hatte, sich als Erste nach all den Jahren ihm anzunähern. Die Bienen waren bestürzt, als sie das Häufchen Elend am Boden sitzen sahen, sogleich berieten sie, was zu tun war.

Der kleine Mann mit dem großen Hut und einstigen großen Klappe, zuckte erschrocken zusammen, als er plötzlich etwas auf seiner Hand krabbeln spürte. Es war die neugierige Biene, die seine Aufmerksamkeit auf ihre Familie lenken wollte, und es gelang ihr auch. Dem kleinen Mann blieb der Mund offen stehen bei dem Anblick, der sich ihm bot. Tausende von Bienen schwebten vor ihm in der Luft, gebildet zu einem großen Herzen. Der kleine Mann glaubte zu träumen, doch es war kein Traum. Die Bienen waren gekommen, um in seinen Pilz einzuziehen, und da der kleine Mann kein Wort mehr von sich geben konnte, nahmen sie auch nicht wieder vor ihm Reißaus.

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