Die alte Dame (nach Wolfgang Borchert)

Bild von Anita Zöhrer
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Graue Wolken verdecken die Sonne. Düsterkeit legt sich über meine Stadt. Ein kalter Wind bringt mich zum Frösteln. Ein schauriges Klagen einer alten Frau ertönt in den Straßen; ich erschaudere. Sie nähert sich mir von hinten. Ich bleibe stehen und wende mich zaghaft um. Mir stockt der Atem. Ihr Gesicht ist eingefallen, ihre Augenhöhlen sind leer. Sie trägt einen Hut, eine Handtasche und ein Kostüm und scheint beim Gehen kaum den Boden zu berühren.

Es beginnt, zu schütten. Die alte Dame schwebt an mir vorbei, doch sie beachtet mich nicht. Ihr Heulen schmerzt in meinen Ohren, ich halte sie mir zu. Die Regentropfen fallen durch sie hindurch, als wäre sie gar nicht da. Ihre Gestalt färbt sich in ein helles Weiß. Bei jedem Fenster klopft sie an, aber niemand öffnet ihr. Ob sie wohl auf der Suche nach jemandem ist? Ich folge ihr.

Der Wind wird stärker und mit ihm das Gejammer der Frau. Immer mühseliger kommt sie voran, bis sie plötzlich zu Boden fällt. Ein Auto fährt direkt auf sie zu, ich erleide beinahe einen Herzstillstand. Doch das Auto fährt über sie hinweg, als wäre sie nur Luft. Nicht den geringsten Kratzer erleidet sie dabei.

Noch weiter nimmt die Windgeschwindigkeit zu. Die Frau versucht, aufzustehen, doch sie schafft es nicht. Ich eile zu ihr, will ihr helfen. Vor meinen Augen reißt sie der Sturm mit sich. Einen Moment lang habe ich das Gefühl, dass sie ihre Hand nach mir ausstreckt, bevor sie im Regen verschwindet und ihr Klagen verstummt.

Das Unwetter beruhigt sich und die Sonne gelangt wieder zum Vorschein. Was da geschehen ist, ich kann es mir nicht erklären. Und noch weniger, warum ich offenbar die Einzige gewesen bin, die diese Frau gesehen hat.

Das Gedicht "Regen" von Wolfgang Borchart hat mich zu dieser Geschichte inspiriert.

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