Die Entscheidung - Page 2

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ein Haus gebaut, und darauf angesprochen, pflegte er scherzhaft zu antworten: „Ach, wissen Sie, ich habe bisher noch nicht das passende Fundament gefunden.“ Aber im übertragenen Sinne war er mit dieser Einstellung stets gut gefahren. Und das hatte sich im Laufe der Jahre auch auf den Sohn übertragen. Also wird er, bevor er sich mit diesem Brief näher befaßt, die vorhandenen Unterlagen heraussuchen und feststellen, was er in dieser Angelegenheit bereits unternommen hat, denn irgend etwas ist ihm da in Erinnerung.
     Bedächtig räumt er den Frühstückstisch ab, holt den Korrespondenzordner aus dem Wohnzimmer und schlägt ihn auf. Ach ja, der alte Ladenmietvertrag, das ist nun auch schon über vier Jahre her. ‚Wilhelm Vomhofe – An- und Verkauf‘. „Antiquariat – eigentlich haben wir ein Antiquariat“, hat er die Stimme seines Vaters im Ohr „aber hier in der Gegend, da mögen die Leute das nicht so hochgestochen“. ‚Die Leute‘, das waren meist einfache Menschen aus der Nachbarschaft, die gelegentlich den Keller aufräumten und das, was irgendwie wertvoll erschien, zum Willi Vomhofe trugen. Hin und wieder auch eine Entrümpelung, bei der dann tatsächlich mal die eine oder andere kleine Kostbarkeit hängenblieb. Im Gegensatz zu seinem Sohn Herbert, war der Vater sehr mitteilsam und hatte den Laden stets gern voller Kunden, wobei für ihn das Gespräch beinahe wichtiger war als der Verkauf. Und anläßlich solcher Gespräche hatte Herbert Vomhofe schon das Gefühl, daß sein Vater doch eigentlich ganz gern ein ‚richtiges‘ Antiquariat gehabt hätte. So war es dann auch keine Frage, daß sich der Sohn das notwendige Grundwissen an der Hochschule für Bildende Künste aneignen sollte. Doch dann starb die Mutter, und der Vater verlor jede Freude am Leben. Herbert Vomhofe brach das Studium ab und widmete sich fortan seinem Vater und dem Laden. Tatsächlich war es aber wohl eher so, daß er sich im Laden verkroch und bei der Gelegenheit seinem Vater Gesellschaft leistete. Als dann der Vater nach längerer Krankheit starb, kapselte sich der Sohn noch mehr ab. Und wäre da nicht der Laden gewesen, er hätte die Verbindung zur Außenwelt völlig abgebrochen. Der Laden, das war die Erinnerung an früher, und für den Erhalt dieser Erinnerung tat er alles, was in seinen Kräften stand. Der Laden, das war eine andere Welt, die mit dem, was draußen geschah, nur wenig gemein hatte. Vielleicht lag darin auch der Reiz für die ihm noch verbliebenen Stammkunden, die sich nicht selten für Stunden, ohne ein Wort zu sagen, in dieser anderen Welt aufhielten. Höflich beriet er weiterhin die wenigen Fremden, besuchte gelegentlich Messen und Flohmärkte, immer, wenn auch eher unbewußt, auf der Suche nach Überbleibseln einer Zeit, die draußen, vor der Ladentür, nicht mehr existierte. Vielleicht, so sinnierte er gelegentlich, vielleicht hat sich gar nicht die Zeit verändert, sondern der Umgang mit ihr. Die Menschen, ja, so wird es sein, die Menschen haben sich verändert. So war es auch nur folgerichtig, daß er private Verbindungen mied, und Menschen, die mit ihm Kontakt aufnehmen wollten, merkten das recht bald. Das laute Leben draußen, das war nicht seine Welt. So hörte er von den Sanierungsvorhaben im Stadtviertel auch erst im Zusammenhang mit der Kündigung seines Ladens und der kleinen Wohnung im gleichen Haus. Herbert Vomhofe erinnert sich jetzt an diesen Tag, als sei es gestern gewesen. Er hatte den Laden verschlossen, sich im Hinterzimmer in den Sessel gesetzt, in dem auch sein Vater die letzten Jahre verbracht hatte, und geweint, einfach nur geweint. Der Abschied ging fast über seine Kräfte, und es brauchte Monate, bis er in dieser kleinen Kate am Rande des Dorfes zur Ruhe kam.
     Mehr als vier Jahre sind seitdem vergangen, und einige wenige Gegenstände, die er in die endgültige Einsamkeit hinüber gerettet hat, umgeben ihn auch weiterhin, sind seine „Gesprächspartner“. Ja, auch das Quietschen der Gartenpforte gehört dazu. Damals, zu Vaters Zeiten, war es die Ladentür: „Herr Vomhofe, Sie müßten die Scharniere mal ölen...“ Aber Wilhelm Vomhofe dachte gar nicht daran, denn dieses Quietschen ersetzte die Ladenklingel, wenn er im Hinterzimmer in ein Buch vertieft war oder kleinere Reparaturen ausführte. Und später, für den Sohn, da war es schon unverzichtbarer Teil einer Erinnerung, zu der auch der Sessel und das Konversationslexikon gehörten. Er betrachtet den Mietvertrag und überlegt, was er eigentlich wollte. Zum erstenmal wird er sich des Zusammenhangs zwischen der quietschenden Gartenpforte und der Ladentür von Vaters ‚Antiquariat‘ bewußt und wehrt sich nicht gegen ein kleines Lächeln, das seine Lippen umspielt und in den letzten Jahren schon zu den ausgesprochenen Seltenheiten gehörte. Der Briefträger fällt ihm wieder ein. Richtig, da war doch was – Altersruhesitz... Er blättert im Ordner und findet schließlich unter „S“ das Gesuchte. Zwei Zeitungsausschnitte, ein Bericht in der Verlagsbeilage „Schöner leben im Alter“, außerdem die Kopie seines Lebenslaufs, den er noch auf der alten ‚Adler‘ getippt hatte, und ein handgeschriebener Zettel: Informationen in der Schublade unten rechts. Jetzt wird er doch neugierig und beginnt zu lesen. Der Artikel handelt von Altersruhesitzen im allgemeinen und von einer Stiftung, die alleinstehenden Menschen in aller Welt zu einem ausgefüllten Lebensabend verhelfen will, im besonderen. Langsam erinnert er sich jetzt: Das war Ende des letzten Winters, und er mußte in die Kreisstadt zum Hauptpostamt, um eine Einschreibesendung abzuholen. Wie sich herausstellte, war es der Bescheid seiner privaten Rentenversicherung, daß er nun vereinbarungsgemäß mit einer monatlichen Zahlung in Höhe von DM 1937.- rechnen könne, wenn die beglaubigte Lebensbescheinigung (die Beglaubigung nimmt auch das Einwohnermeldeamt vor) bei der Versicherung vorliegt. Er hatte das dann alles in einem Zuge erledigt, eine Zeitung gekauft und sich ausnahmsweise ein Glas heißen Tee im Café unter den Rathauskolonnaden geleistet. Es mußte wohl mit dem Rentenbescheid zu tun gehabt haben, daß er sich, angeregt durch die Verlagsbeilage, mit seiner näheren Zukunft beschäftigte. Seine Ersparnisse waren in den letzten Jahren zusammengeschmolzen, und die Rentenzusage kam genau zur rechten Zeit. Überschlägig konnte er davon ausgehen, daß sich an seinem Lebensstil nichts ändern würde. Und so hatte er den Artikel eigentlich ohne größeres Interesse gelesen, denn ein Seniorenheim, welcher Art auch immer, war nicht nur aus finanziellen Gründen eine Angelegenheit,

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Veröffentlicht / Quelle: 
DIE BRÜCKE 2007/1 Zeitschr.

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