Die kleine Hütte

Bild von Anita Zöhrer
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Blitze zuckten über mir, ich konnte gar nicht hinsehen. Noch viel schlimmer fand ich jedoch den Donner, der mich jedes Mal aufs Neue vor Schreck erstarren ließ. Zusammengekauert lag ich im Gras und bangte um mein Leben. Dass ich in dieses Unwetter hineingeraten musste, war ja wieder klar gewesen.

Ich spürte die ersten Regentropfen – das hatte mir gerade noch gefehlt. Ich wollte nicht krank werden, hatte zu viel zu tun, um mir das auch noch zu leisten. Es nützte somit alles nichts. Ich musste von hier fort und so schnell wie möglich ins Trockene.

Eine Wand aus Wasser tat sich vor mir auf. Wohin ich rannte, konnte ich nicht mehr erkennen. Immer nur gerade aus führte mein Weg - in der Hoffnung, bald irgendwo anzugelangen.

Eine kleine Hütte aus Holz war meine Rettung. Ohne zu klopfen, stürmte ich hinein und traf dort auf einen verwahrlosten Mann etwa in meinem Alter. Seine Kleidung hatte Löcher, die an Brandlöcher erinnerten, doch sie war sauber gewaschen. Mein Kommen schien ihn nicht im Geringsten zu überraschen, so ruhig wie er vor seinem Kaminfeuer saß und mich anlächelte.

Der Mann hatte zum Glück trockene Kleidung für mich. Rasch zog ich mich um setzte ich mich ebenfalls vor das Kaminfeuer, um mich daran zu wärmen. Kurz darauf brachte der Mann mir eine kuschelige Wolldecke und legte sie mir um, sogar eine Tasse heißen Tee bereitete er mir zu.

Wer er war und seit wann er in dieser gemütlichen Hütte wohnte, bekam ich von ihm in der darauffolgenden Nacht nicht heraus. Er ließ mich zwar nie allein, doch er sprach kein Wort. Nur ein Lächeln war stets seine Antwort auf meine Fragen. Ob er nicht reden konnte oder einfach nur nicht wollte – ich hatte keine Ahnung.

Mit der Nacht verschwand auch das Unwetter. Die ersten Sonnenstrahlen begrüßten den Morgen, schön glitzerten die Wassertropfen auf den Pflanzen um uns herum. Mit einem Kuss auf die Wange verabschiedete ich mich von dem Mann und versprach ihm, wiederzukommen. Lange Zeit blickte er mir nach, bestimmt war er einsam so ganz ohne einen Mitbewohner oder einem Nachbarn. Aus diesem Grund wollte ich ihm wenige Tage später erneut einen Besuch abstatten, aber ich kam zu spät. Die Hütte war nicht mehr da. Ich konnte meinen Augen kaum trauen.

Dort, wo sie in jener Nacht gestanden hatte, stand nur noch ein Stein mit der Inschrift, dass hier jemand vor Jahren bereits verstorben sei. Der Name war mir fremd, dafür das Foto daneben umso vertrauter. Es war der Mann, an dessen Kaminfeuer ich mich aufwärmen hatte dürfen.

Später erzählten mir Einheimische, dass der Mann zu Lebzeiten ein wahrer Engel gewesen sei – stets zu Diensten, wenn jemand seine Unterstützung benötigt hatte, freundlich zu allen, selbst zu jenen, die es nicht waren. Es war ein heftiger Schlag für sie alle gewesen, als eines Tages ein Blitz in seine Hütte eingeschlagen hatte und diese mitsamt ihm niedergebrannt war. Nur dann und wann erschienen seine Hütte und er bei Unwettern und verschafften nach einer Unterkunft suchenden Menschen wie wir ein Obdach.

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