Die Selbstporträts

Bild von René Oberholzer
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Sie stützte ihren Kopf auf ihre linke Hand, schaute umher. Sie trug einen grellroten Lippenstift und eine Perlenkette am Handgelenk. Sie hatte schulterlanges, dunkelbraunes Haar mit Mittelscheitel und trug ein schwarzes Seidenkleid mit Kunstpelz an den Kragenenden. In der rechten Hand hielt sie ein Glas Rotwein zwischen Mittel- und Ringfinger. Unsere Augen trafen sich im Halbdunkel einer Bar in Berlin. Sie lächelte mich an, ich lächelte zurück, schaute verlegen nach rechts. Ich schaute sie wieder an, sie lächelte noch immer, sie hatte mandelförmige Augen. Sie begann leise zu lachen, ihre Mundwinkel zogen sich nach hinten. An der rechten Hand trug sie einen Verband, der sich vom Handwurzelknochen bis übers Handgelenk erstreckte. Ich stand auf, nahm mein Glas Gin Tonic, ging auf sie zu. «Sie haben ein schönes Lächeln», sagte ich. «Gut beobachtet», sagte sie, «setzen Sie sich doch, der Platz hier ist noch frei.» «Was haben Sie mit ihrer Hand gemacht?» «Nichts Schlimmes, ist bei der Arbeit passiert.» «Gute Besserung», sagte ich und konnte nicht von ihren strahlenden Augen lassen. «Ich bin das erste Mal hier, und Sie?», fragte ich. «Nach der Arbeit komme ich ab und zu hierher und trinke ein Glas Wein, ich bin Künstlerin.» «Das erstaunt mich», sagte ich, «die Künstlerin hätte ich Ihnen nicht gegeben, eher die Immobilienmaklerin.» «Ich schlüpfe gerne in andere Rollen, da gehört das Verkleiden dazu. Aber eigentlich bin ich Malerin, ich kann Ihnen gerne ein paar Arbeiten zeigen, mein Atelier ist gleich um die Ecke.» «Gerne», sagte ich, «ich liebe Kunst.»

Nach ein paar Drinks waren wir beim Du angekommen, ich zahlte, sie bedankte sich. Sie hiess Annalena, ich half ihr in den Mantel, wir verliessen die Bar. Sie hängte sich bei mir ein, wir gingen ein paar Schritte schweigend nebeneinander her, bis sie sagte: «Da ist mein Atelier.» Sie schloss die Türe auf, wir traten ein, sie machte Licht, liess den Rollladen herunter. «Das sind meine Bilder», sagte sie. Ich liess meinen Blick schweifen und sah, wie Annalena strahlte, wenn ich sie anschaute. «Die sind sehr ausdrucksstark», sagte ich. «Was siehst du?», fragte sie. «Ich sehe lauter Selbstporträts, mit Verbänden an verschiedenen Körperstellen. Haben diese Verbände etwas mit dem Verband an deiner Hand zu tun?» «Gut beobachtet, finde es heraus», sagte sie und holte eine Flasche Wein aus dem Nebenraum hervor. Wir sprachen über Kunst, über Musik der 60er-, 70er- und 80er-Jahre, über Gefühle, über den Himmel, über Zwischenräume. Wir vergassen die Zeit, lachten, weinten, schauten uns immer wieder lange an.

Als sie mich später umarmte, sagte sie: «Schau dir meine Bilder noch einmal genau an. Sie haben viel mit mir zu tun. Dann entscheide dich und sag mir, ob du die folgenden Tage und Nächte bei mir bleiben möchtest.»

© René Oberholzer, 2021

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