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Der schwarze Kater - Page 2

Bild von Edgar Allan Poe
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Gebot zu übertreten, gerade weil es ein Gebot ist? Der Geist der Verstocktheit also führte zu meinem völligen Verderb, Es war dieses unergründliche Verlangen der Seele, sich selbst zu quälen, die eigene Natur zu verderben, das Böse um des Bösen willen zu tun, was mich dazu trieb, das Unrecht, das ich dem armen, unschuldigen Tier zugefügt hatte, fortzusetzen und es schließlich zum äußersten zu treiben. Eines Tages warf ich dem Kater mit kaltem Blut eine Schlinge um den Hals und hing ihn an dem Ast eines Baumes auf. Ich erhängte ihn, während mir die Tränen aus den Augen strömten, während die bittersten Vorwürfe an meinem Herzen nagten. Ich erhängte ihn, weil ich wußte, daß er mich geliebt, weil ich fühlte, daß er mir keinen Grund zu meiner Schandtat gegeben hatte. Ich tat es, weil ich wußte, daß mein Tun eine Sünde, eine Todsünde war, die meine unsterbliche Seele so tief hinabstieß, daß, wenn das möglich war, selbst die unendliche Gnade des allbarmherzigen und allgerechten Gottes sie nicht mehr erreichen konnte.

In der Nacht, die auf diese grausame Tat folgte, wurde ich durch Feuerlärm aus dem Schlafe geweckt. Die Vorhänge an meinem Bett brannten, das ganze Haus stand in Flammen. Nur mit großer Mühe gelang es meiner Frau, einem Diener und mir, der Feuersglut zu entkommen. Die Zerstörung war eine vollständige. Mein ganzes Hab und Gut ging dabei verloren, und mir blieb nichts als völlige Verzweiflung.

Ich will hier nicht der Neigung verfallen, zwischen dem Unheil und meiner Grausamkeit eine Verbindung zu suchen. Aber ich berichte eine Kette von Tatsachen und wünsche nicht, auch nur ein Glied auszulassen. Am Tage nach der Feuersbrunst besichtigte ich die Ruinen. Alle Wände bis auf eine waren eingestürzt. Diese nun war eine nicht gerade dicke Zwischenwand, die sich in der Mitte des Hauses erhob, dort, wo das Kopfende meines Bettes gestanden hatte. Der Mörtelbewurf hatte hier ziemlich gut der Einwirkung des Feuers widerstanden, wahrscheinlich, weil er kürzlich erst erneuert war. Vor dieser Mauer hatte sich eine dichte Menschenmenge gesammelt, und viele Leute schienen eine besondere Stelle mit schärfster Genauigkeit zu betrachten. Worte wie »seltsam«, »eigentümlich« und ähnliche Bemerkungen erregten meine Neugierde. Ich trat deshalb näher und sah auf der weißen Fläche wie in Basrelief die Figur einer riesigen Katze. Der Eindruck war wunderbar genau. Um den Hals des Tieres hing ein Strick.

Als ich zuerst diese gespenstige Erscheinung sah – denn ich konnte sie kaum für etwas anderes halten – waren mein Erstaunen und mein Schreck riesig. Schließlich aber kam mir mein Nachdenken zuhilfe. Ich erinnerte mich, daß ich die Katze in einem Garten bei dem Hause erhängt hatte. Beim Feuerlärm war der Garten sofort von einer Volksmenge erfüllt worden, und irgend jemand mußte das Tier abgeschnitten und es durch ein offenes Fenster in mein Zimmer geworfen haben. Natürlich war das geschehen, um mich vom Schlafe zu erwecken. Der Zusammensturz der andern Wände hatte das Opfer meiner Grausamkeit gegen die Masse des noch nicht trockenen Mörtelbewurfs gedrückt, und dadurch war in Verbindung mit den Flammen und dem Ammoniak des toten Körpers das nun sichtbare Bild entstanden.

Obgleich ich durch solche Gedanken schnell meine Vernunft (wenn auch nicht ganz mein Gewissen) über den sehr sonderbaren Fall beruhigte, machte er trotzdem einen tiefen Eindruck auf meine Phantasie. Monatelang konnte ich mich nicht von dem Bild der Katze freimachen, und wahrend dieser Zeit kam in meine Seele ein unbestimmtes Gefühl, das Reue zu sein schien und doch keine war. Ich ging soweit, daß ich den Verlust des Tieres bedauerte, und in den elenden Schenken, in denen ich jetzt immer verkehrte, begann ich, nach einem Ersatz für den einstigen Liebling auszuschauen, nach einem Tier, das vielleicht ähnlich aussah.

Eines Abends, als ich wieder halbbetrunken in einer mehr als gemeinen Schnapskneipe saß, lenkte sich meine Aufmerksamkeit plötzlich auf einen schwarzen Gegenstand, der oben auf einem der riesigen Gin- oder Rumfässer lag, die die Hauptausstattung des Raumes bildeten. Ich hatte seit einigen Minuten unverwandt gerade auf dieses Faß gestarrt, und es setzte mich jetzt in großes Erstaunen, daß ich den Gegenstand nicht früher bemerkt hatte. Ich näherte mich ihm und berührte ihn mit der Hand. Es war ein sehr großer schwarzer Kater, mindestens so groß wie Pluto und ihm genau ähnlich bis auf eine Abweichung. Pluto hatte am ganzen Körper kein weißes Haar, dieser Kater aber hatte einen großen, wenn auch unbestimmten Fleck, der fast die ganze Brust bedeckte.

Als ich ihn berührte, erhob er sich sofort, schnurrte laut, rieb sich an meiner Hand und schien von meiner Anwesenheit entzückt zu sein. Dieses war wirklich das Tier, das ich suchte. Ich bot sofort dem Wirt an, es zu kaufen, aber er machte keinen Anspruch darauf, er wußte nichts von ihm und hatte es nie gesehen.

Ich fuhr fort, das Tier zu liebkosen, und als ich aufbrach, um nach Hause zu gehen, schien es mich begleiten zu wollen. Ich nahm es auch mit, wobei ich mich unterwegs öfter bückte und es streichelte. Als es in meiner Wohnung war, richtete es sich sofort häuslich ein und war bald der bevorzugte Liebling meiner Frau.

Was mich anging, so fühlte ich schnell in mir eine Abneigung gegen den Kater aufsteigen. Dies war nun gerade das Gegenteil von dem, was ich erwartet hatte, aber wie es nun auch kam, jedenfalls stieß mich gerade seine ausgesprochene Neigung zu mir ab. Und langsam verwandelten sich diese Gefühle von Unbehagen und Abneigung in bittersten Haß um. Ich ging dem Tier aus dem Wege. Ein gewisses Schamgefühl und die Erinnerung an meine einstige Untat hinderten mich, es körperlich zu mißhandeln. Einige Wochen vergingen, ohne daß ich es schlug oder ihm sonst Gewalt zufügte, aber langsam begann ich, es mit einem unaussprechlichen Abscheu zu betrachten und vor seiner verhaßten Nähe wie vor dem Atem der Pest zu fliehen.

Was meinen Haß gegen das Tier noch vermehrte, war die Entdeckung, die ich am Morgen, nachdem ich es mitgebracht hatte, machte. Genau wie Pluto fehlte ihm ein Auge. Aber meine Frau gewann es gerade

Veröffentlicht / Quelle: 
United States Saturday Post vom 19. August 1843

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