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Der schwarze Kater - Page 3

Bild von Edgar Allan Poe
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deswegen lieb, denn sie besaß, wie ich schon gesagt habe, in hohem Maße jene Gefühlsmilde, die einst auch mein hervorstechender Charakterzug und die Quelle meiner einfachsten und reinsten Freuden gewesen war.

Mit meinem Widerwillen gegen diesen Kater schien aber nur seine Vorliebe für mich zu wachsen. Er folgte meinen Fußstapfen mit einer Hartnäckigkeit, die ich einfach dem Leser nicht begreiflich machen kann. Sobald ich mich setzte, kroch er unter meinen Stuhl oder sprang auf meine Knie und drängte mir seine widerwärtigen Liebkosungen auf. Sobald ich mich zum Gehen erhob, schmiegte er sich zwischen meine Füße, so daß ich in Gefahr geriet, hinzufallen, oder schlug seine langen und scharfen Krallen in meinen Anzug und kletterte auf diese Weise bis zu meiner Brust empor. Obgleich mich bei solchen Gelegenheiten oft das Verlangen überkam, ihn durch einen Hieb zu töten, wurde ich immer wieder davon zurückgeschreckt, zum Teil durch die Erinnerung an mein früheres Verbrechen, in der Hauptsache aber – ich will es nur ohne weiteres gestehen – durch eine unbezähmbare Furcht vor dem Tier.

Es war dies eigentlich keine physische Furcht – obgleich es schwer ist, sie anders zu bezeichnen. Ich schäme mich fast, einzugestehen – selbst in dieser Verbrecherzelle schäme ich mich, es zu sagen, – daß die Furcht und Angst, die das Tier mir einflößte, durch ein ganz lächerliches Hirngespinst verstärkt wurde. Meine Frau hatte mehr als einmal meine Aufmerksamkeit auf die Form des weißen Flecks gelenkt, von dem ich schon gesprochen habe, und der den einzigen Unterschied zwischen dem fremden Tier und dem von mir getöteten bildete. Der Leser wird sich erinnern, daß dieser Fleck zwar groß, aber ursprünglich von sehr unbestimmter Form war. Doch durch kleine Veränderungen – Veränderungen, die so unmerklich waren, daß meine Vernunft sie lange Zeit als Einbildungen bekämpfte – hatte er schließlich einen genau erkennbaren Umriß angenommen. Er stellte jetzt etwas dar, das ich nur schaudernd nennen kann – und schon deshalb allein flößte mir das Untier Abscheu und Furcht ein, und ich würde mich längst von ihm befreit haben, wenn ich es nur gewagt hätte. Es stellte nämlich jetzt einen entsetzlichen, unheimlichen Gegenstand dar, einen Galgen. O dieses trauervolle und schreckliche Wahrzeichen von Schmach und Verbrechen, von Seelenangst und Tod!

Und jetzt war ich wirklich über alle menschlichen Begriffe elend. Ein unvernünftiges Tier – dessen Gefährten ich mit Absicht getötet hatte –, ein Tier ohne Verstand war bestimmt, mir, einem nach dem Ebenbilde Gottes geschaffenen Menschen, ein solches unerträgliches Leid zuzufügen. Weh mir! Weder bei Tage noch bei Nacht fand ich von da ab den Segen der Ruhe. Am Tage ließ mich das Tier keinen Augenblick allein, und des Nachts wachte ich stündlich aus Träumen voll unsagbarer Angst auf, um den heißen Atem der Bestie auf meinem Gesicht zu fühlen, während sein Gewicht wie ein verkörpertes Alpdrücken, das ich nicht abschütteln konnte, in ewig gleicher Schwere auf meinem Herzen lastete.

Unter dem Druck solcher Qualen verschwanden die letzten schwachen Spuren des Guten aus meiner Seele. Böse Gedanken wurden meine einzigen Vertrauten – die schwärzesten und teuflischsten Gedanken. Meine gewöhnliche, verdrossene Stimmung steigerte sich zu einem Haß auf alle Dinge und Menschen, und leider war bei den häufigen und unbezähmbaren Wutausbrüchen, denen ich mich blind überließ, gerade meine Frau, die sich nie beklagte, stets das geduldige Opfer.

Eines Tages begleitete sie mich in einer Wirtschaftsangelegenheit in den Keller des alten Gebäudes, das wir jetzt, durch unsere Armut gezwungen, bewohnen mußten. Der Kater folgte mir die steile Treppe hinab, und da er mich beinahe zu Fall brachte, geriet ich in eine wahnsinnige Wut. Ich vergaß in meinem Zorn die kindische Furcht, die bisher meine Hand gelähmt hatte, erhob eine Axt und schlug damit nach dem Tier, das sicher des Todes gewesen wäre, wenn ich es getroffen hätte. Aber der Hieb wurde durch die Hand meiner Frau eingehalten. Über diese Einmischung erfaßte mich eine mehr als höllische Raserei. Ich riß mich von ihr los und begrub die Axt in ihrem Gehirn. Ohne einen Laut von sich zu geben, fiel sie tot auf den Fleck hin. Als der entsetzliche Mord geschehen war, machte ich mich sofort und mit kühler Überlegung daran, den Leichnam zu verbergen. Ich wußte, daß ich ihn weder bei Tage noch bei Nacht aus dem Hause entfernen konnte, ohne daß mich die Nachbarn bei dem Unternehmen gesehen hätten. Allerlei Pläne drangen in mein Gehirn. Einmal wollte ich den Körper in kleine Stücke zerteilen und sie durch Feuer zerstören. Ein andermal beschloß ich, im Keller eine Grube zu graben. Auch überlegte ich, ob ich ihn in den Brunnen im Hofe werfen könnte, oder dachte daran, ihn wie eine Ware in eine Kiste zu packen, um ihn durch einen Lastträger fortschaffen zu lassen. Schließlich kam ich auf den Plan, den ich für besser als alle andern hielt. Ich beschloß, ihn im Keller zu vermauern, wie es nach alten Berichten die mittelalterlichen Mönche mit ihren Opfern gemacht haben.

Der Keller war auch für ein solches Vorhaben wohl geeignet. Die Mauern waren leicht gebaut und erst kürzlich mit einem groben Mörtelbelag beworfen worden, der infolge der feuchten Luft nicht hatte trocknen können. Auch sprang an der Wand ein blinder Kamin vor, der hohl und nur angelegt war, um ein gleichmäßiges Aussehen des Kellers zu erzielen. Ich zweifelte nicht, daß ich hier leicht die Ziegelsteine entfernen, den Körper hineinstecken und alles wieder so in seinen früheren Zustand bringen konnte, daß sicherlich kein Auge etwas Verdächtiges bemerken würde.

Meine Berechnung erwies sich auch als richtig. Mit einem Brecheisen entfernte ich ohne Mühe die Steine, lehnte den Körper gegen die eigentliche Mauer, stützte ihn in der Lage und stellte in kurzer Zeit alles wieder so her, wie es früher gewesen war. Ich hatte mir mit größtmöglicher Vorsicht Mörtel und Sand verschafft und machte davon einen Bewurf, den man nicht von dem alten unterscheiden konnte, und den ich dann über die neue Mauerung strich. Als ich fertig war, überkam mich das befriedigende Gefühl, daß nun alles in Ordnung sei. An der Mauer war auch nicht die leiseste Spur von der stattgefundenen Veränderung mehr zu sehen. Mit größter Sorgfalt hatte ich den Schutt von dem Boden aufgelesen. Ich sah mich triumphierend um und sagte zu mir selber: »Hier ist wenigstens meine Arbeit nicht vergebens gewesen.«

Mein nächstes war, nach dem Tier zu suchen, das mir so viel Elend verursacht hatte, denn ich war jetzt fest entschlossen, es zu töten. Hätte ich es jetzt getroffen, so wäre sein Schicksal besiegelt gewesen. Aber es schien, als ob die schlaue Bestie durch meinen heftigen Wutausbruch gewarnt worden sei, denn sie floh mich offenbar in meiner jetzigen Stimmung. Ich kann unmöglich beschreiben oder nur andeuten, welches wundervolle Gefühl der Erleichterung mir die Abwesenheit des abscheulichen Geschöpfes bereitete. Auch während der Nacht ließ es sich nicht sehen, und so verbrachte ich zum ersten Male, seit es ins Haus gekommen war, eine Nacht voll ruhigem und gesundem Schlaf. Ja, ich schlief fest, trotzdem eine Mordtat auf meiner Seele lastete.

Der zweite und der dritte Tag vergingen, und mein Quälgeist erschien noch immer nicht. Endlich einmal konnte ich wieder frei aufatmen. Der Unhold war von Angst erfüllt von meiner Schwelle geflohen. Nie würde ich ihn wiedersehen! Mein Glücksgefühl war unendlich! Das Schuldbewußtsein meiner schwarzen Tat störte mich dabei nur wenig. Man hatte ein paar Fragen an mich gestellt, aber diese waren leicht beantwortet. Selbst eine Haussuchung hatte man abgehalten, aber dabei natürlich nichts gefunden. Ich sah dem Glück meiner Zukunft mit Ruhe entgegen.

Am vierten Tag nach der Ermordung kam eine Abteilung von Polizeibeamten ganz unerwartet in das Haus und begann aufs neue, alle Räume sorgfältig zu untersuchen. In dem sicheren Gefühl, daß das Versteck nicht gefunden werden konnte, machte mir das aber wenig Sorgen. Die Beamten baten mich, sie bei ihrem Forschen zu begleiten. Kein Winkel und keine Ecke blieb undurchsucht.

Schließlich stiegen sie, und zwar zum dritten oder vierten Male, in den Keller hinab. Ich zuckte mit keiner Muskel, und mein Herz schlug ruhig wie bei einem, der in einen unschuldigen Schlaf versunken ist. Ich ging durch den Keller von einem zum anderen Ende, ich faltete meine Arme auf der Brust und schritt behaglich auf und ab. Die Polizeibeamten waren schließlich zufriedengestellt und schickten sich an, zu gehen. Die Freude in meinem Innern war aber zu stark, als daß ich sie zurückhalten konnte. Es brannte mich, ihnen wenigstens ein Wort des Triumphes zu sagen und ihren Glauben an meine Schuldlosigkeit zu verstärken.

»Meine Herren«, sagte ich zuletzt, als die Abteilung die Treppe hinaufstieg, »ich freue mich, Ihren Verdacht beseitigt zu haben. Ich wünsche Ihnen allen Wohlsein und etwas mehr Höflichkeit. Übrigens, meine Herren, ist dies ein sehr gut gebautes Haus.« (In dem tollen Wunsch, etwas Unbefangenes zu sagen, wußte ich überhaupt nicht mehr, was ich äußerte.) »Es ist ein ausgezeichnet gut gebautes Haus. Diese Mauern – Sie wollen gehen, meine Herren? – sind aus solidem Material.« Und dann schlug ich rein aus Übermut mit einem Spazierstock, den ich in der Hand trug, laut gegen das Mauerwerk, hinter dem der Leichnam meiner Frau stand.

Gott möge mich schützen und bewahren vor den Klauen des Erbfeindes! Kaum war der Widerhall meiner Schläge durch die Stille gedrungen, als er durch einen Laut aus dem Innern des Grabes beantwortet wurde! Es war ein Schrei, der anfangs erstickt und gebrochen klang wie das Schluchzen eines Kindes. Dann aber schwoll er schnell zu einem langen, lauten und ununterbrochenen Schreien, einem ganz unnatürlichen und unmenschlichen Heulen an. Es war ein Wehklagen, aus dem Angst und Triumph zugleich tönten, so wie man es vielleicht aus den Tiefen der Hölle hören könnte, wenn sich das verzweifelte Stöhnen der Verdammten mit dem schadenfrohen Jauchzen der Dämonen mischt.

Es wäre Wahnsinn, über meine Gedanken etwas zu sagen. Halb ohnmächtig taumelte ich gegen die andere Wand. Die Abteilung blieb einen Augenblick bewegungslos auf der Treppe, wie gelähmt von Schreck und Grauen. Dann aber begann ein Dutzend starker Arme an der Wand zu arbeiten. Sie stürzte ein, und vor den Augen der Anwesenden stand aufrecht der schon ziemlich verweste und mit geronnenem Blut befleckte Leichnam. Auf seinem Kopf saß mit rotem, aufgerissenem Rachen und dem einzigen glühenden Auge die abscheuliche Bestie, deren List mich zum Mord verführt hatte, und die mich jetzt mit ihrer anklagenden Stimme dem Henker überlieferte. Ich hatte den Unhold in das Grab mit eingemauert.

Veröffentlicht / Quelle: 
United States Saturday Post vom 19. August 1843

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