Ein Traum

von Hans Werner
Mitglied

Ein Traum

Erzählung von
Hans Werner

Schon lange habe ich nicht mehr zur Feder gegriffen. Nun habe ich vor genau zwei Stunden – länger ist es nicht her – einen Traum erlebt, der mir ins Innerste der Seele griff und mich in einer Weise erschütterte, wie ich es in vergangener Zeit kaum erfahren habe. Ich will den Traum hier erzählen, aber vorausschicken, dass ich mich als durchaus aufgeklärten Menschen betrachte, der jeder Form des Aberglaubens grundsätzlich abhold ist. Auch zu meiner angestammten Religion, dem Katholizismus, habe ich, bedingt durch gewisse Erfahrungen, die ich hier nicht näher ausführen möchte, eher ein distanziertes Verhältnis gewonnen. Und gerade deshalb ist dieser Traum für mich so erschütternd, weil er einen Realitätscharakter besitzt, den ich nicht wegleugnen kann oder auch nur in Zweifel ziehen will. Doch genug der Präambel.
Ich stand vor meinem Elternhaus, in der Hardtstraße. Ich ging hinein, und mehrere Personen waren anwesend, befanden sich zum Teil schon oben auf der Treppe im Hausflur, wo sie mich erwarteten. Welche Personen das genau waren, kann ich nicht mehr sagen, vielleicht Verwandte oder engere Familienmitglieder. Auf jeden Fall kannte ich sie alle gut. Und wie ich mich umwandte, stand plötzlich mein eigener Vater vor mir, der nun schon seit über 50 Jahren tot ist. Er war so, wie er in seiner letzten Zeit ausgesehen haben mag. Aber sein Gesicht wirkte so überdeutlich, wie von einem Lichtschimmer umgeben. Ich möchte sagen, es wirkte irgendwie verschönert, verklärt. Das Seltsame war: ich wusste im Traum, dass ich als Erwachsener, in meinem jetzigen Alter von 68 Jahren, hier in diesem elterlichen Hausflur stand. Und ich wusste auch, dass mein Vater schon lange nicht mehr am Leben war. Ich war damals gerade mal 15 Jahre alt, als er starb.
Ich sagte zu ihm:
„Aber Dich gibt es doch gar nicht mehr. Du bist doch schon lange tot.“
Er antwortete:
„Ich darf nur für kurze Zeit bei Euch sein.“
Diese Worte habe ich deutlich vernommen. Und dann gingen wir alle hinauf, wohl in die Wohnung, in die gute Wohnstube, die ich noch von früher kannte, um das Wiedersehen zu feiern. Ich war von einer unbeschreiblichen Freude erfüllt.
Danach bin ich aufgewacht, stand aber noch ganz im Banne der Erscheinung – anders kann ich es nicht nennen – meines Vaters im Traum.
Ich habe mir dann überlegt, wie ein solcher Traum zustande kommen konnte. Ich weiß sehr wohl, dass sich in Träumen oft unverarbeitete Alltagsreste zu einer imaginären Traumhandlung verdichten können. Das alles weiß ich, und ich bin überhaupt nicht der Mensch, der bei solchen Dingen spiritistisch herumfantasieren will. Aber zwei Dinge will ich in diesem Zusammenhang erwähnen.
Gestern Abend, vor dem Schlafengehen, stieß ich im Internet zufällig auf You-Tube-Veröffentlichungen über den Schlagersänger Ronny. Ich erinnerte mich daran, dass meine Mutter von einem seiner Titel schwärmte: „Wenn der Tag zu Ende geht“. Ich suchte diesen Titel und hörte mir die Musik zweimal an. Mich ergriffen die Liedzeilen, weil sie den romantischen Spaziergang eines Liebespaars durch die Getreidefelder beschreiben. Und dann heißt es immer „Ich denk an dich“. Meine Mutter schwärmte gerade von dieser Liedstelle, denn sie dachte wohl oft an ihren verstorbenen Mann. Und ich selbst war beim Hören des Liedes innerlich ergriffen im Gedenken an meine Mutter.
Dann kommt noch ein anderer Punkt hinzu. Für meine Theatergruppe hatte ich gestern die Einführung zu der Oper “Orpheus und Eurydike“ geschrieben. Darin ist bekanntlich die Rede von der Sehnsucht des Sängers Orpheus nach seiner verstorbenen Eurydike. Er darf sie aus der Unterwelt zurückholen, kann aber das Gebot der Götter nicht einhalten, sich mit seinen Blicken nicht Eurydike zuzuwenden. Er schaut sie an und sie sinkt tot zu Boden. Auf seine erneute Klage hin erbarmt sich Amor und gibt ihm Eurydike noch einmal lebend zurück.
Damit hatte ich mich beschäftigt. Tatsache ist, dass ich im Traum meinen Vater gesehen habe, in einer so ergreifend schönen Erscheinung, dass ich es hier mit Worten nicht ausdrücken kann.
Seither bin ich, durch diese Traumerfahrung, wieder fest davon überzeugt, dass die Verstorbenen nicht gänzlich tot und verschwunden sind, sondern irgendwo und irgendwie, und wohl nicht nur in meinem Herzen oder meiner sehnsüchtigen Erinnerung – weiterleben.

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