Eine tierische Schöpfungsgeschichte

Bild von Swantje Baumgart
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Diese Geschichte begab sich einst vor langer, langer Zeit. Na ja, ganz so lange kann es noch gar nicht zurückliegen, denn es gab schon Menschen auf der Welt. Sie lebten auch nicht mehr auf den Bäumen oder in einfachen Holzhäusern. Um genau zu sein, könnte sich diese Geschichte genau jetzt abspielen. Vielleicht ist es auch noch gar nicht so lange her, und wir haben es nur nicht bemerkt.
Wie auch immer, plötzlich gab es auf der Erde keine Menschen mehr. Keine Häuser mehr, keine Felder, nichts mehr, was von Menschenhand geschaffen wurde. Die Erde sah wieder beinahe so aus wie vor vielen tausend Jahren, als die Menschen noch im Einklang mit der Natur lebten. Aber wie schon gesagt, es gab plötzlich gar keine Menschen mehr. Sie waren einfach verschwunden.
Die Tiere waren von einem Tag auf den anderen wieder auf sich gestellt, wie es viele Jahre zuvor schon gewesen war. Sie sollten sich glücklich schätzen, denn die Menschen hatten den Tieren bekanntlich nicht nur Nutzen gebracht. Im Gegenteil, sie hatten ihnen nachgestellt, ihre Lebensräume zerstört. Und was die Menschen vernichtet hatten, das blieb vernichtet.
Stattdessen aber herrschte an diesem Tag Ratlosigkeit unter den Tieren. So, wie die Menschen die Lebensräume zerstört, Wälder abgeholzt, Flüsse trockengelegt und Wüsten scheinbar fruchtbar gemacht hatten, so hatten sich viele Menschen letzten Endes bemüht, so viel wie möglich von dem wiederherzustellen, was sie zuvor zerstört hatten.
Die Rehe standen mit fragenden Blicken dort, wo einmal Futterraufen gestanden hatten, denn auch diese waren selbstverständlich verschwunden. Die Tiere, die bisher in Zoos und Wildparks gelebt hatten, wussten nicht mehr, wie man sich ernährt. Sie waren hilflos ohne die Menschen, die ihnen mundgerechte Fleischbrocken hinwarfen.
Die Tiere, die sich nun nicht mehr zu helfen wussten, versammelten sich, um zu beraten. Und so kam es, dass die Tiere eines jeden Kontinents zwei würdige Vertreter auswählten, die zu ihrem Schöpfer gehen und ihn um Rat fragen sollten.

In Asien war man sich schnell einig, den Panda-Bären zu schicken. Gab es denn ein typischeres Tier für diesen Kontinent?
„Und wer soll mich begleiten?“, fragte der Panda.
Betretenes Schweigen war die Antwort.
„Wie wär´s mit mir?“, schlug der Sibirische Tiger vor. „Ich könnte den Panda beschützen.“ Er setzte sich auf seine Hinterpfoten und reckte seinen großen Schädel stolz in die Höhe.
Die anderen Tiere nickten zustimmend. Nur der Panda warf dem Tiger einen beleidigten Blick zu. Was bildete diese Katze sich eigentlich ein, dass er einen Beschützer brauchen könnte? Aber der Panda ist ein recht gutmütiges Tier, das nur selten einen Streit vom Zaun bricht. Und so machte sich das ungleiche Paar ohne lange Diskussionen auf den Weg. Lediglich den großen Vorrat an Bambus, den der Panda mit sich nahm, betrachtete der Tiger als ausgesprochen hinderlich. Er sagte jedoch nichts.

In Europa wurde man sich nicht ganz so schnell einig. Rabe, Fuchs, Wolf, Hirsch und allerlei Vögel, alle redeten wild durcheinander. Selbstverständlich wollte jeder von ihnen der Auserwählte sein, der dazu beitrug, die Welt zu retten. Jeder von ihnen betrachtete sich als typischer Vertreter des europäischen Kontinents. Bis die Wildkatze endlich ein furchterregendes Fauchen ausstieß.
„So kommen wir nicht weiter!“, rief sie, als endlich Ruhe herrschte. „Ich schlage den Fuchs vor. Er ist gewitzt und schlau. Er wird hoffentlich wissen, was zu tun ist.“
„Und wer geht mit mir?“, fragte der Fuchs, der sich sichtlich geschmeichelt fühlte.
„Wie wär´s mit dem Hasen“, schlug der Wolf vor.
Aller Augen waren nun auf den Hasen gerichtet, der nervös mit seinen langen Ohren wackelte. Er richtete sich auf die Hinterpfoten auf und betrachtete über die anderen Tiere hinweg den Fuchs. Dann schüttelte er heftig den Kopf. „Ihr seid wohl wahnsinnig!“, rief er und verschwand eilig in einem Erdloch. „Ich bin doch nicht lebensmüde“, tönte es nun dumpf aus der Höhle. „Schickt doch die Wildkatze. Die kann sich wenigstens wehren.“
„Also schön“, sagte der Fuchs. „Dann lasst den Angsthasen hierbleiben, und ich gehe mit der Katze.“
Die Katze war davon nicht ganz so begeistert. Ein Fußmarsch, von dem niemand wusste, wie anstrengend und lang er sein würde, von dem man nur wusste, dass er ziemlich anstrengend und lang werden würde... Das versetzte sie nicht gerade in Begeisterungsstürme. Das zuzugeben ließ aber ihr Stolz nicht zu. Und so verließen der Fuchs und die Wildkatze ihre Heimat Europa, begleitet von den besten Wünschen ihrer Nachbarn.

In Südamerika, das eigentlich schon immer eine eigene Welt gewesen ist, taten sich die Tiere ähnlich schwer, zwei geeignete Vertreter zu finden. Einst war der Kontinent fast ganz vom Regenwald bedeckt gewesen. Noch immer lebten Unmengen verschiedener Tiere versteckt in den dichten Wäldern. Welches von ihnen war wirklich typisch für Südamerika?
„Wie wär´s mit dem Ozelot?“, warf einer der vielen bunten Vögel ein, die hoch oben in den Zweigen hockten und die ungewöhnliche Versammlung beobachteten. Alle Augen richteten sich auf die mittelgroße Katze, die sich redlich bemühte, einen unbeteiligten Eindruck zu machen. Tatsächlich fühlte sie sich äußerst geehrt, für diese wichtige Mission überhaupt vorgeschlagen zu werden. Da sie ein sehr zurückgezogenes Leben führt, hört und sieht man nicht viel von ihr.
„Auf jeden Fall ist er auffällig“, rief ein vorlautes Äffchen. „Das wird unseren Schöpfer vielleicht beeindrucken.“
„Auffällig bin ich auch“, erwiderte ein zweiter Vogel und wedelte heftig mit seinen bunt leuchtenden Schwanzfedern. Augenblicklich entbrannte ein heftiger Streit unter den Vögeln, denn jeder von ihnen war der Meinung, der schönste und auffälligste unter ihnen zu sein. Die Tiere Südamerikas standen den anderen in nichts nach.
„Also gut, vergessen wir das“, mischte sich die Anakonda ein und richtete sich auf dem Ast auf, um den sie ihren langen Körper geschlungen hatte. „Wenn ihr euch nicht einig werdet, scheidet ihr von vornherein aus, denn für Schönheitswettbewerbe haben wir keine Zeit. Ich werde den Ozelot begleiten.“
Mit dieser Entscheidung stieß die Riesenschlange nicht unbedingt auf Begeisterung. Aber niemand wagte ihr zu widersprechen. Ein vielstimmiges Gemurmel erhob sich, wobei niemand wirklich seine Stimme hob.
Niemand bis auf den Ozelot. „Du bist doch viel zu langsam. Du hast ja noch nicht einmal Beine.“ Respektvoll wich der Ozelot zurück, nachdem es diese unüberlegte Äußerung gemacht hatte.
Die Schlange sagte nichts. Stattdessen löste sie ihren Körper von dem Ast, ließ

Ich freue mich, wenn meine Werke Menschen gefallen und auch anderswo bekanntgemacht werden. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich hier den Überblick behalten möchte. Eine kurze Anfrage per Email genügt, wenn Sie diese Geschichte nutzen möchten. Vielen Dank!

Veröffentlicht / Quelle: 
"Andy - Desert Mix I", erschienen bei edition ginga, ISBN 978-3947737079

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Kommentare

13. Sep 2020

Danke, Swantje,
Dein Erstling bei LiteratPro hat uns sehr berührt...

Dein Vater Dieter J

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