Flugenten

von Dieter J Baumgart
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     Immer, wenn ich fliegende Enten sehe, denke ich an eine Begebenheit im Südwesten Frankreichs, in einem dieser kleinen Dörfer in der Languedoc, in denen die Häuser mehr über- als nebeneinander stehen; wo die Leute abends auf den Mäuerchen sitzen und den Hunden und Katzen zuschauen.
     Das Dorf, das ich meine  –  der Name ist mir entfallen, und er tut auch nichts zur Sache  –  liegt abseits der Touristenstrecken. Auch die Landstraße, eine Distriktstraße vierter oder fünfter Ordnung, führt eigentlich am Dorf vorbei. Nur das Rathaus steht allein auf der anderen Seite der Landstraße. Ihm gegenüber gelangt man durch eine schmale Einfahrt, links und rechts Sperrschilder sauf riverains, in das Dorf  –  und ist überrascht. Winzige Gäßchen, die in Treppen oder Wege übergehen, führen zwischen und unter den ineinander verschachtelten Natursteinhäusern hindurch oder enden unerwartet in einem Hof. Und überall Blumen: auf den Treppen, vor den Fenstern, an den Wänden der Häuser und wo auch immer sich eine Möglichkeit findet, einen Topf unterzubringen. Begeistert von den malerischen Winkeln, die ich auf meinem Streifzug entdeckte, erkundete ich die Gäßchen, erkannte gelegentlich eine besonders hübsche Stelle wieder, ohne zu wissen, auf welchen verschlungenen Pfaden ich nochmals dahin geraten war.
     Neben der Kirche, im buvette des Dorfes, hatte ich Rast gemacht, ein Glas erfrischenden Cidre getrunken und die Kühle des Raumes genossen. Als ich mich dann nach einiger Zeit, ausgeruht und gestärkt, wieder auf den Weg zum Parkplatz an der Landstraße machte, hatte ich die Orientierung bald verloren. All die Winkel und Innenhöfe, die ich jetzt auf unterschiedlichen Wegen erreichte, kamen mir bekannt vor; allein der Weg zur Landstraße blieb mir verborgen, und in der nachmittäglichen Hitze war kaum jemand außerhalb der Häuser anzutreffen, den ich hätte fragen können. So beschloß ich, noch einmal das buvette aufzusuchen, und hatte mich bereits auf den Weg Richtung Kirche gemacht, als ich in einem Seitengäßchen einen Mann entdeckte, der offenbar mit einer Handarbeit beschäftigt war. Beim Näherkommen erkannte ich auch ein dickes Brett, das längs des Hauses auf zwei Böcken lag und wohl als Arbeitstisch diente. Neben einer riesigen Kaffeetasse stand ein Leimtopf, daneben lagen Schleifpapiere, dünne Holzbrettchen, Handsäge und Feilen. Der Mann, der so um die fünfzig bis sechzig Jahre alt sein mochte, trug einen schwarzen, annähernd in Hutform gebrachten Filz auf dem Kopf. Sein Gesicht wurde von einem langen grauen Bart  –  Wildwuchs, hätte meine Frau gesagt  –  und grauen Haaren eingerahmt. An der Wand, über dem als Arbeitstisch dienenden Brett, hing ein Pappschild mit der Aufschrift „Flugenten, das Stück zu F 90.-, Handarbeit aus alten Apfelsinenkisten von der Müllkippe“.
     Und dann sah ich auch das Produkt. Es hing an einem Nylonfaden, befestigt an einem Schilfrohr, das zwischen Hauswand und Bock eingeklemmt war, über dem Arbeitstisch. Das Ganze so provisorisch und aus dem Augenblick entstanden, wie es der Mentalität der Leute hier entsprach. Um so mehr überraschte mich die Feststellung, daß der Mann offenbar kein Einheimischer war. Die sich anbahnende Unterhaltung jedenfalls führten wir in einem Gemisch aus Französisch, Englisch und Deutsch. Gesprächsthema waren natürlich die „Flugenten“ aus Apfelsinenkisten, das Stück zu 90 Franc   –  eine Spezies, von der Altvater Brehm in seinem „Tierleben“ sicher nicht einmal geträumt hatte.
     Ich habe keine Schwierigkeiten, sie aus der Erinnerung zu beschreiben. Hauptteil war die Silhouette des Körpers einer fliegenden Ente, in einer Linienführung, die wirklich den Eindruck schnellen Dahinfliegens vermittelte. Statt der Flügel  –  und das war das Faszinierende an dieser außergewöhnlichen Kreation  –  verfügte die Flugente beidseitig über Propeller aus dünnen Brettchen. Schon ein mäßiger Luftzug ließ die Propeller unabhängig voneinander rotieren, was der Ente eine Fortbewegungsart verlieh, die man als ein Mittelding zwischen Fliegen und Rudern bezeichnen könnte. Da die Ente sich gelegentlich auch  –  bei ruhenden Propellerflügeln  –  wie eine Windfahne um die eigene Achse zu drehen beliebte, um dann urplötzlich mit durchdrehenden „Flügeln“ zu starten, schien es, als erkunde sie das Gelände, den günstigsten Augenblick abwartend, um auf das erkannte Ziel loszuschießen. Ja, es war wohl diese ungewohnte und doch harmonische Verbindung von Form und Bewegung, was mich diese Flugente und damit die Begegnung in Erinnerung behalten ließ.

     „Verkauft sich das Tier gut?“ fragte ich.

     „Nein!“ lautete die Antwort, von einem Lächeln begleitet, denn offenbar war ich nicht der erste, der diese Frage stellte.

     „Ich weiß, sie sind zu teuer, und ich sollte nicht dazu sagen, daß ich sie aus Abfall, aus Holz von der Müllkippe, gemacht habe  –  es ist keine gute Werbung ...“, setzte er lächelnd hinzu.

     „Warum tun Sie es dann?“

     „Ach, sehen Sie, diese Ente schmückt sich nicht mit falschen Federn  –  sie ist, was sie ist. Es ist richtig, ich habe keinen centime für das Material bezahlt. Und das Herstellen hat mir keine Mühe, sondern Spaß bereitet. Aber ich habe das Wertvollste eingesetzt, was ich habe: meine Zeit! Ich weiß nicht, wieviel ich davon habe. Und es ist gut, daß ich es nicht weiß. Aber daß es das Wertvollste ist, über das ich verfüge, dessen bin ich mir sicher. Schauen Sie, da unten“, und er wies unter den Arbeitstisch, wo der Schatten der aufgehängten Flugente ein faszinierendes Eigenleben entwickelte. „Sonne und Wind. Sie schaffen ein lebendiges Abbild meiner Ente  –  mir zuliebe“, fügte er hinzu. „Und sie tun es für jeden, der es sehen will.
Abfall? Totes Material? Es ist eine Frage der inneren Einstellung zu den Dingen. Wenn das Zeug auf der Müllkippe totes Material wäre, voilà, dann wäre ich ein Schöpfer, denn ich hätte es wieder zum Leben erweckt.  –  Aber ich bin kein Schöpfer. Und diese Apfelsinenkistenbretter sind noch genauso lebendig wie vor Jahren als Baum.  –  Aber ich halte Sie auf. Entschuldigen Sie.“ Er wandte sich um und verschwand im Haus.
     Seine Ausführungen hatten mich so angerührt, daß ich einige Zeit brauchte, um in die Wirklichkeit zurückzufinden. „Aber ich bitte Sie“, rief ich ihm nach, „ich habe Ihnen gern zugehört. Ich habe ein solches Gespräch nicht erwartet.  –  Nicht hier.“

     „Oh“, meinte er und trat wieder aus der Tür, „es liegt an der Umgebung. Die Menschen hier, sie gehen anders mit der Zeit um.  –  Das prägt.“ Und nach einer kurzen Pause: „Mögen Sie einen Kaffee?  –  Er ist noch heiß.“ Er hatte eine zweite, ebenso große Tasse mitgebracht und stellte sie auf das Arbeitsbrett. „Nehmen Sie“, meinte er und schob mir einen Karton mit braunem Würfelzucker zu. „Milch habe ich nicht da.“

     Die Tasse war nur halb voll. Aber es war ein Gebräu, das man üblicherweise nach dem Essen aus Mokkatäßchen trinkt. Der braune Zucker nahm die Bitterkeit der schwarz gebrannten Bohnen und unterstützte die Würze.

     „Ach ja, die Flugenten“, nahm er das Gespräch wieder auf. „Wissen Sie, als ich die erste fertig hatte  –  ja, es ist die, die hier hängt, und unser Nachbar, er ist ébéniste, Tischler, sehen Sie  –  er hat mir auch dieses Arbeitsbrett geschenkt. Es hat ein paar Risse, und er kann es nicht mehr verarbeiten.  –  Es ist Kastanie. Und weil er bald umzieht ins Nachbardorf, er hat da ein altes Haus gekauft, da räumt er jetzt hier auf. Und  –  ach, was wollte ich eigentlich sagen?  –  Ach so, ja, also er war so begeistert von der Ente und hat es überall im Dorf erzählt. Und kurze Zeit später kam unser Nachbar von gegenüber und meinte: ‘Ich habe gehört, es gibt Enten im Dorf?’ Und alle hatten sie ihren Spaß an der Flugente ... Da ist es doch ganz gleich, ob ich welche verkaufe oder nicht, nicht wahr? Ich meine, es steht jedem frei, sie nachzumachen. Ich habe sie ja auch nicht erfunden. Bei Freunden sah ich sie erstmals. Allerdings, da saß sie auf einem Stock. Eine Stockente also, eine Stockflugente. Na ja, ich habe sie dann  –  wie sagt man?  –  ein wenig modifiziert. Eine Kreuzung zwischen Flugzeug und Paddelboot.“ Er sah mich an und lachte.

     Die Sonne war inzwischen weiter gewandert, das Schattenspiel unter dem Arbeitstisch hatte ein Ende gefunden. Geblieben aber war eine Ahnung davon, was in unseren Breiten gern als „Lebensqualität“ bezeichnet wird. Die Leute hier, sie gehen anders mit der Zeit um, hatte er gesagt.

     Viel später erst fiel mir ein, ich hätte ihn fragen sollen, woher er kam, was er tat, wenn er keine Flugenten aus Apfelsinenkistenbrettern baute.  –   Aber, war das wichtig?

Flugente, Skulptur und Foto: Dieter J Baumgart
Veröffentlicht / Quelle: 
Flugenten - 19 unordentliche Geschichten (Buch)
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