Gespräch mit Claus

Bild von Michael Dahm
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Heute haben wir den fünfundzwanzigsten Dezember und ich glaube immer noch zu träumen.
Dennoch bin ich hellwach und erinnere mich an jede Einzelheit.
Ich bin Hausmeister in der Seniorenresidenz „Langes Leben“. Eigentlich sind wir zwei Hausmeister und wechseln uns jährlich am Heiligen Tag mit unserem Dienst ab. In diesem Jahr war ich dran.
Doch ich kann mich damit gut arrangieren, denn ich arbeite wirklich gern hier. Die alten Leute wissen gerade an Weihnachten Personen zu schätzen, die ein offenes Ohr und liebe Worte für sie übrig haben. Trotzdem lässt sich das Weihnachten von heute nicht mit den Weihnachten von einst vergleichen und viele Senioren vermissen das in doppelter Hinsicht.
Der Tag war mit einem Haufen Arbeit verbunden, denn es hatte viel geschneit. Doch das Schneeräumen macht mir Spaß und die Feiertage werden doppelt honoriert.
Gegen späten Nachmittag hörte der Schneefall dann auf. Die Heimbewohner und das anwesende Personal freuten sich schon auf den Abend und das Gesellige, als es plötzlich empfindlich kühl im Haus wurde. Klar, die Temperatur draußen war auf unter zwanzig Grad minus gefallen. Doch die Heizkörper waren kalt. Ich tippte darauf, dass die Heizanlage eine Störung hatte. Öl hatte ich jedenfalls im letzten Monat geordert. Die Tanks waren voll.
Wohl oder übel musste ich zum Heizhaus, das sich am anderen Ende des ziemlich großen Areals befindet.
Ich nahm mir also den Schlüssel vom Haken und marschierte los. Immerhin sind es gute fünfhundert Meter bis dorthin. Vermutlich würde ich bloß einen Knopf drücken brauchen und gleich wieder zurück sein.
Ich warf mir meine alte Wattejacke über und begab mich in die froststarre Winterlandschaft. Die ersten Sterne funkelten bereits über den dick bepuderten Bäumen und die Atemluft stand wie eine Sprechblase über meinem Kopf.
Auf der uralten Douglasie balancierte der Halbmond, er war heute von einer ungewöhnlichen Aura umgeben. Ich beschleunigte meine Schritte, denn ich merkte förmlich, wie der Frost anzog. Schnell wurde es dunkler und der Schnee knirschte unter meinen eiligen Schritten. Ich mochte diese Atmosphäre, denn nichts passt besser zum Heiligen Abend.
Am Heizhaus angekommen, musste ich mit einiger Kraftanstrengung die schwere Eisentür einen Spalt aufstemmen.
Auch hier lag der Schnee einen halben Meter hoch, denn inzwischen hatte der Wind angehoben und blies hier und dort die weiße Pracht zu ansehnlichen Wehen zusammen.
Das Heizhaus ist ein sehr altes Gemäuer und hatte die Anlage bereits in den Fünfzigern mit wohliger Wärme versorgt. Ich bin gern hier und fühle mich stets in der Zeit zurückversetzt.
Es ist aus wunderschönen roten Backsteinen errichtet und die Maurer hatten einst herrliche Accessoires eingefügt, die es heute nicht mehr gibt und die für mich einzigartig sind.
Im Inneren gibt es unzählige Nischen und Ecken, die rätselhaft erscheinen und meine Phantasie anregen. Sehr viele Geschichten und Gedichte entfleuchten hier meinem Hirn und verdankten ihre Existenz vermutlich diesem geheimnisvollen Bauwerk. Niemand ahnt etwas von meiner literarischen Neigung, denn ich halte mich nicht für gut genug, sie je zu veröffentlichen.
Nachdem ich mich durch den Spalt gezwängt hatte, schlug der Wind die Türe zu und sie ließ sich beim besten Willen nicht mehr öffnen. >Verdammt<, dachte ich, > das ist ja eine schöne Bescherung.< Ich tastete nach meinem Handy. Doch ich hatte ja die alte Wattejacke an und das Handy steckte warm und trocken in meiner neuen Softshelljacke, die im Büro am Haken hing.
Egal, ich musste mich erst einmal um die Heizung kümmern. Mit Sicherheit war es im Heim noch kühler geworden.
Am Sicherungskasten war, wie ich es mir gedacht hatte, die Hauptsicherung herausgesprungen. Ich drückte sie herein. Doch die Anlage sprang noch immer nicht an. Ich baute den Brenner auseinander und säuberte ihn. Danach waren die Filter dran. Dann pustete ich noch mal die Leitungen durch … nichts. Was sollte ich denn nun machen? Allmählich war der Zeitpunkt der Bescherung gekommen und ich war ohne Kommunikation mit der Außenwelt eingesperrt. Die Alten würden sich die Gebisse herausklappern.
Da fiel mein Blick auf den riesigen, uralten, gusseisernen Heizkessel aus der Anfangszeit des Seniorenheimes, der hier noch immer sein Dasein fristete. Was, wenn …
Ein schlauer Fuchs hatte damals die alte Anlage mit der Neuen verbunden, was sich nun als überaus nützlich erweisen konnte.
Ich wusste, dass in einer Ecke des Gebäudes noch ein paar Meter Holz und Kohle lagerten.
Auf einem Regal in der Nähe des Kessels fand ich eine Schachtel mit Zündhölzern, in der eine Spinne schlief.
Eine Zeitung von 1952 diente zum Anzünden des Holzes, das nach ein paar Jahrzehnten hervorragend trocken war.
Der Schlund des Methusalems schluckte Holzscheit für Holzscheit und langsam aber sicher zeigte das Thermometer steigende Temperaturen an. Bei sechzig Grad warf ich Kohlen nach und bei achtzig regelte die alte Technik ab.
Ich war schon immer ein Freund des Alten, Echten und Unkomplizierten und freute mich über die einfache, aber überaus effiziente Funktionsweise dieser Anlage. Zumindest war die Weihnachtsfeier der Heimbewohner jetzt wärmetechnisch gerettet. Doch was war mit mir? Leider hatte ich niemandem gesagt, wo ich mich befand und was geschehen war. Demnach würde mich heute hier wohl niemand mehr suchen kommen.
Also fing ich an mich umzusehen.
In einem kleinen Nebenraum stand ein verstaubter Schrank. Motten, Fliegen und andere Insekten hatten darauf ihre Spuren hinterlassen. Ein Kalender von 1967 zeigte für damalige Verhältnisse ziemlich freizügige Damen und ich dachte mir, dass der ehemalige Heizer wohl kein Kostverächter war.
Ich öffnete eine Tür des Schrankes und hinter zerrissenen, vergilbten Zeitungen und Büchern fand ich eine original verschlossene Flasche Jim Beam. >Na, Jimmy < , dachte ich, > wenigstens bin ich jetzt nicht mehr allein.<
Zu einem anderen Zeitpunkt hätte ich sicher versucht herauszufinden, welchen Wert wohl so eine alte Flasche hätte.
Doch in diesem Augenblick war mir das relativ egal, sie würde mich etwas ablenken. Ich hatte hier nun also innere und äußere Wärme und dachte, wenn ich nun noch etwas zu essen hätte, dann wäre es gar nicht so schlimm. Doch man kann natürlich nicht immer alles haben.
Ich fand einen Bleistift und genügend Papier und begann Poetisches niederzuschreiben. Ab und zu ließ ich Jimmy heraus und so ging es eine ganze Weile. Gelegentlich warf ich Kohle nach und so wurde es rasch zwanzig Uhr.
Plötzlich knarzte und polterte es auf dem Dach. Aus der mannshohen Reinigungsklappe des riesigen Schlotes qualmte es unversehens. Es hörte sich an, als würde etwas dort hinunterrutschen. Das Ganze wurde begleitet von Husten und Prusten, Gezeter und Schimpfen. Es klopfte jemand und trat von innen gegen die Reinigungstür. > Was ist denn das nun wieder? < , hustete es hinter der Tür, > Seit vierzig Jahren komme ich schon durch diesen Schornstein und nie war es so wie heute. < Jetzt wurde es mir doch zu bunt. Mit dem Mut einer halben Flasche Whiskey riss ich die alte Reinigungsklappe auf und war vom Donner gerührt. In einer Wolke aus Rauch und Asche stand dort ein dicker Kerl mit rotem Anzug und weißem Bart. Er war nicht weniger erschrocken als ich und riss die Augen auf. > Potz Blitz im Himmel <, entfuhr es ihm. > Was machst denn du hier, Melville? <
Warte, dachte ich, woher kennt dieser Rübezahl meinen Namen? Ich kannte seinen jedenfalls nicht.
Der Dicke kletterte heraus und schüttelte sich und seinen Rauschebart, dass es hier drinnen qualmte wie in einer Opiumhöhle.
Völlig neben der Spur schloss ich die Schornsteinklappe. >Wer zum Bockfüßigen sind Sie?< fragte ich ihn und er runzelte die Stirn. > Na, den Beelzebub lassen wir mal außen vor <, entgegnete er. > Der hat heute Nacht gar nichts zu melden, denn schließlich ist heute heilige Nacht, Melville.< > Moment, woher kennen Sie meinen Namen? <
Lächelnd erwiderte er: > Gestatten, mein Name ist Santa … Claus Santa. Und ich kenne die Namen aller Menschen der Welt. Auch derer, die schon gegangen sind. Kurzum, man kennt mich gemeinhin als den Weihnachtsmann. Seit vielen Jahren komme ich hierher, weil dieses Gebäude ein Umschlagplatz für Weihnachtsgeschenke ist.
Die Weihnachtswichtel bauen die Geschenke und verstecken sie an vielen geheimen Orten in der Welt, weil ich beim besten Willen nicht alle auf einmal mitnehmen kann. So hole ich sie immer etappenweise, bis eine Ladung weg ist und so weiter. Doch heute hast du diesen uralten Ofen in Betrieb genommen und mir meinen einzigen Arbeitstag im Jahr ziemlich verkokelt. <
Ich schüttelte den Kopf. Was redete dieser Heini? Er sei der Weihnachtsmann?
Da ich nun aber poetisch und philosophisch angehaucht und zudem noch Wassermann bin, versuchte ich das vielleicht einzige Körnchen Wahrheit aus dem Dicken herauszukitzeln.
> Wenn du der Weihnachtsmann bist, Claus <, sprach ich listig, > was habe ich mir als Kind denn am meisten gewünscht?<
Nachsichtig nickte er, vermutlich hatte er diese Frage schon erwartet. > Eigentlich muss ich dir das gar nicht beantworten, denn üblicherweise bekommt niemand den Weihnachtsmann zu Gesicht, geschweige denn unterhält sich mit ihm. Aber- alle hundert Jahre passiert es eben doch, dass ich jemandem in der Heiligen Nacht begegne und so schlecht ist es auch nicht. Ich will ja das Sprechen nicht verlernen.
Also, was du dir am meisten als Kind gewünscht hast, ich dir aber nicht erfüllen konnte, war, dass du deine Omi wiederhaben wolltest.
Es traf mich hart. Genau das war mein Wunsch gewesen. Woher konnte er das wissen? > Warum hast du ihn mir nicht erfüllt, ich habe mir viele Weihnachten nichts anderes gewünscht.<
> Genau, das ist es <, sprach der Dicke. >Ein Wunsch ist das eine, aber ob ich ihn erfüllen kann und darf, ist das andere. Ich kann und will nicht in die Geschicke der Welt eingreifen. Alles muss seinen natürlichen Gang gehen. Ich kann selbstverständlich mit dem Geist von Weihnachten etwas in gewünschte Richtungen schieben, jedoch müssen alle irdischen Normalitäten normal bleiben. Wo käme die Welt hin, wenn ich Terroristen oder Despoten ihre innigsten Wünsche erfüllen würde? Nein, nein, Melville! Die Menschen haben es selbst in der Hand, die größten Wünsche wie Frieden, Liebe und Glück zu finden. Und ganz unter uns, indem du immer und gerade an Weihnachten an deine Omi denkst, ist sie bei dir und deinen Wunsch hast du mindestens zu fünfzig Prozent selbst erfüllt. Ihre physische Präsenz bleibt in deiner Erinnerung bestehen. Glaube mir, sie ist bei dir und liebt dich wie früher. Weihnachten ist das Fest der Liebe und der Gaben, jedoch haben die größten Gaben nicht viel mit Liebe zu tun. Dieses haben die Menschen im Laufe der Jahre vergessen, diese Entgleisung der Empathie, die immer schneller voranschreitet, macht mich immer nachdenklicher. Doch trotz dieser Verrohung der Gefühle bin ich sehr froh, dass ich ab und zu auf Menschen wie dich treffe, die ehrlich sind, ihrer Arbeit nachgehen und niemandem etwas Böses wollen. Kleine Ausrutscher sind zu verzeihen. Nicht wahr, mein Melville? < Dabei sah er mir mit warmen, lächelnden Augen in meine und mir schien, er sah bis in die letzte Ecke meiner Seele.
Ich wusste, was er sah, und dieses wussten nur wir zwei …
> Nun muss ich aber weiter. Die Erde ist rund und ich habe noch viel zu tun.< Damit schob er einen Schrank zur Seite, öffnete eine geheime Tür und holte einen riesigen Sack hervor. Ehe ich begreifen konnte, wie er ihn passend in den Schornstein bekam, war der Sack auch schon drin.
> Du erzählst das hier doch nicht weiter, oder?<, fragte er schelmisch, dass seine Augen funkelten.> Sonst schreibe ich das in die Spalte „Ausrutscher“!< Er lachte dröhnend, gab dem Sack einen Tritt, dass dieser funkensprühend aus dem Schornstein schoss. > Ich wünsche dir fröhliche Weihnachten, mein Kind, und dein sehnlichster Augenblickswunsch ist jetzt schon erfüllt … Die Tür ist auf.< Ich hörte noch sein „Ho! Ho! Ho!“ auf dem Dach, dann war der Spuk vorbei.
Ich stand da mit offenem Mund und starrte den Schornstein an. Ich schloss vorsichtig die Klappe und lauschte einen Augenblick. Doch es war alles ruhig im Schlot.
Bevor ich aus der Tür und zur Bescherung der Alten ging, warf ich noch einige Schaufeln Kohle nach.
Durch den Schnee stapfend, betrachtete ich die Jim-Beam-Flasche. Geiles Zeug, fuhr es mir durch den Kopf.
Auf alle Fälle und sicherheitshalber habe ich davon nichts erzählt ... nur aufgeschrieben … Das ist ja dann kein Ausrutscher … ;-)

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