Intelligenzija II

Die universale Cloud

Im „Denker-Stübchen“ fand man sich ein. Prof. Fjodor Nikolajewitsch Borschtsch, die verarmte Gräfin Gruschenka Warwara Allegrowa, und der stets finster dreinblickende frühere Revolutionär Valentin Akula (Der Hai) Schtscherbakow, ein pockennarbiger und mit einer prächtigen Zahnlücke ausgestatteter Mann mit Baskenmütze, die mit seinem wirren Haupthaar verwachsen zu sein schien.

Einmal im Quartal trafen diese drei Individuen aufeinander. Das ‘Denker-Stübchen’ befindet sich in Sankt Petersburg, unweit der Bar „Fidel“, auf der Straße Dumskaja, nahe der Metrostation Gostiny Dwor.

Es hatte sich so entwickelt. Einer der 3 spult einen langen Monolog ab, die anderen schweigen, trinken, hören zu. Der Redner wechselt jeweils. Ein Thema darf immer frei gewählt werden. Heute erhob Prof. Borschtsch das Wort. Die 9. Lage: frisch geordert.

„Ich, meine sehr geliebten Zeitgenossen und Angehörige der Intelligenzija, habe die folgende Theorie entwickelt. Über uns wabert eine gewaltige Cloud, unfassbar groß, das gesamte Universum umspannend. Mit der Expansion des Universums wächst auch die Cloud. Über das Multiversum und allerlei Parallelwelten möchte ich mich in dieser Stunde gar nicht auslassen, Freunde. Ich will nicht von der Theorie hunderter von Milliarden Parallel-Universen phantasieren, ich möchte nur über meine ureigene Theorie dieser universalen >Cloud< sprechen.

Woraus wird sie gespeist? Von woher kommt die Energie? Nun, liebe Freunde, alle bereits verstorbenen Seelen und alle, die noch geboren werden sollen, befinden sich inmitten der Cloud. Ihr Bewusstsein durchdringt die Cloud, die sich ständig verändert. So kann, über die Jahrmillionen, der friedliche Aspekt erhalten bleiben, oder eben die martialische, aggressive und destruktive Phase eingeleitet werden. Je nachdem, wie die Beschaffenheit des wabernden Geistes gerade ausfällt. Es gibt Zeiten, in denen die Wissenschaft triumphiert, es gibt Zyklen, in denen die nackte Gewalt dominiert. Meiner Meinung nach befinden wir uns derzeitig im Umbruch. Je weiser die Seelen der bereits Verstorbenen sind, desto reifer und umfassend rationaler auch die Cloud. Und das färbt quasi auf die noch zu Gebärenden ab. Sie nehmen entsprechend sehr viel mehr Weisheit mit auf den Weg.

Alle Wörter und alle Sätze, alles, was Menschen überhaupt von sich zu geben in der Lage sind, wabert in dieser Cloud vor sich hin. Alles, was bereits gesprochen und in letzter Konsequenz natürlich auch geschrieben wurde, ist hier gespeichert. Aber auch alles, was noch gesprochen oder geschrieben werden wird. Jedwedes Wort gibt´s in der Cloud. In allen Sprachen.

In ganz besonderen Augenblicken, wenn wir „freien Geistes“ und völlig konzentriert sind, wird es uns möglich sein, die Cloud anzuzapfen. Nehmen wir nur das Beispiel eines jungen, aufstrebenden Schriftstellers. Er hat eine Idee für einen Roman, setzt sich hin und beginnt, die Charaktere zu zeichnen, die Basis zu zementieren. Seine Personen entwickeln sich langsam, nehmen Form und Farbe an. Er nähert sich dem zuvor erdachten Skript im Kopf an. Die Protagonisten bekommen ein Eigenleben. Es ist für den jungen Schriftsteller unfassbar, wie eigenständig sich die Figuren in dieser Novelle zu entwickeln suchen. Er baut Nebenstränge ein, die plötzlich zu einer Art Hauptthema werden. Er wollte einer Nebenfigur nicht gar so viel Aufmerksamkeit schenken und bemerkt, wie sie sich mehr und mehr in den Vordergrund spielt. Wie ist so etwas möglich? Diese Eigendynamik. Woher stammt die?

Das ist die Cloud, meine Freunde. Sie existiert nach ganz eigenen Regeln. Warum kann der Lyriker geniale Reime einfach so, quasi aus dem Hut, zaubern? Wie kam denn der von Beruf als Arzt ausgewiesene geniale Anton Pawlowitsch Tschechow auf die Idee zu den Romanen „Der Kirschgarten“, „Drei Schwestern“ oder auch „Die Möwe“? Er hat die Cloud angezapft. Und konnte dadurch solch unfassbar herrliche Sätze konstruieren wie diese, die ich nunmehr aus dem Gedächtnis zu rezitieren weiß, liebwerte Freunde...“ Der Professor trank Wodka, räusperte sich und begann:

„Ich glaube nicht an unsere Intelligenz, die heuchlerisch, falsch, hysterisch, fatal, ungebildet und faul ist, ich glaube ihr sogar dann nicht, wenn sie leidet und klagt, denn ihre Unterdrücker kommen doch aus ihrem eigenen Schoß. Ich glaube an den einzelnen Menschen, ich sehe die Rettung in den Einzelpersönlichkeiten, die über ganz Russland verstreut sind – ob Intellektuelle oder Bauern –, in ihnen liegt die Kraft, obwohl ihrer nur wenige sind […] Die Wissenschaft schreitet immer weiter vorwärts, das gesellschaftliche Selbstbewusstsein nimmt zu, die Fragen der Moral beginnen uns zu beunruhigen und so weiter und so fort – und das alles geschieht ohne Wissen der Staatsanwälte, Ingenieure, der Gouverneure, ohne Wissen der Intelligenzija en masse und trotz allem.“

Prof. Borschtsch hüstelte, trank rasch zwei Schnäpse und meinte dann lakonisch: „Hört ihr, stoisch trunkenes Volk, hört ihr das? Ohne Wissen der Intelligenzija en masse... Habt ihr es vernommen? Wir drei wissen rein gar nichts. Nur ich allein, allein ich, ahne ein wenig. Und so teile ich meiner Weisheit Worte mit euch, die ihr träge und lustlos lebt, ohne Sinn und Verstand. Lasst euch von der Cloud berichten. Euphorie, Wahnsinn, Genie, Tragik, Leid und Ruhm, all das steckt in der Cloud. Und noch so viel mehr. Jeder einst gedachte Gedanke und jeder noch zu denkende ist in ihr. Es war einmal, meine trunkenen Gesellen, und also wird es auch sein... Versteht ihr Kaputniks mich? Nein, ich sehe es euch an. Ihr könntet mich auch dann nicht verstehen, wenn ihr nüchtern wärt, sofern das überhaupt möglich ist.

Sie ist All umfassend, allwissend und sie wächst ständig. In ihr gibt es alle Patente, alle Lieder, alle Heilmittel zur Bekämpfung von Krebs, AIDS oder SARS-CoV-2 bis -6 und natürlich auch alle künftigen Erfindungen der Welt. Von neuer und erneuerbarer Energie über die Verhinderung von Hunger-Katastrophen in der Welt, Vermeidung der finalen Klimakatastrophe und der Verhinderung des Artensterbens. Alles befindet sich in der Cloud. Wenn ein genialer Denker scherzhaft sagt: Das ist mir einfach so zugeflogen, dann könnt ihr ihm das durchaus glauben. Es ist ihm buchstäblich einfach zugeflogen und in den Schoß gelegt worden. Ein Mozart hatte die Cloud nahezu unentwegt und im Dauerstreaming-Prozess bemüht, sein Gegenpart und Widersacher jedoch, der miesepetrige Antonio Salieri, versuchte es fortwährend und nahezu unausgesetzt, doch konnte er diesen Zugriff, wie ihn A. Mozart erhielt, niemals für sich verbuchen.

Es gibt keinen Zugangscode, kein besonderes Ritual, um Zutritt zur Cloud erhalten zu können. Du musst dich lediglich als würdig erweisen. Meditiere, geh in dich und erfahre die umfassende Weisheit. Im trunkenen Schädel erschließt sich diese Welt jedoch nicht für dich, Valentin Akula, du solltest übrigens noch eine Lage bestellen, hirnloses Monster, und auch dir, Gräfin, scheint der Zugriff für immer verwehrt zu bleiben. Gar zu sehr hast du dich bereits dem Suff ergeben. Aber mir, liebe Freunde und Zeitgenossen, mir steht es zu, und zudem gut zu Gesicht, die Cloud anzuzapfen, mich ihrer zu bedienen. Ich habe in seltenen Momenten das immanent große Glück, ihrer teilhaftig werden zu dürfen. Das bleibt euch peinlichen Wesenheiten verwehrt...“

Und der pockennarbige, schrecklich hässliche Valentin Akula Schtscherbakow warf dem Redner hier einen Blick zu, der jeden Zuseher hätte schaudern machen können. Schtscherbakow sah den Professor finster an. Man mag sich gar nicht ausmalen, welch grauenvolles Gedankengut sich hier durch des trunkenen Mannes Wirrkopf Bahn brach. Der Blick, wie sagt man so schön in Sankt Petersburg, sprach gewaltige Bände. Und wenn es ein Volk mit beeindruckenden Folianten gibt, dann doch wohl das russische.

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