Kapitän Per Lüders

von * noé *
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Die Hand in seiner Tasche spielte mit den Münzen. Immer wieder ließ er sie durch die Finger gleiten, hob sie vom Taschengrund auf und ließ sie wieder fallen: 1-2-3-4, 1-2-3-4.

Ole tat das auch immer, wenn er nachdachte. Dann lehnte er an der Katenwand, der kalte Zigarrenstummel wanderte von einem Mundwinkel in den anderen, und das Kleingeld in der Hosentasche klimperte aufgeregt zwischen den unruhigen Fingern.

Unbewusst hatte auch Per sich angelehnt. Er spürte das rissige Holz zwischen den Schulterblättern, der verwitterte Zaunrest hielt dem Gewicht seines schmächtigen Körpers gerade noch Stand. Wenn ihm auch der Stumpen zwischen den Lippen fehlte, er fühlte sich doch ganz erwachsen und seinem großen Vorbild gleich.

Der innere Groll warf Schatten über seine Augen. Per sah nicht die fast unbewegte Wasserfläche, die nahtlos in einen bleigrauen Himmel überging. Das Knistern des Sandes, wenn die schaumigen Wellen sich zurückzogen, drang so wenig an sein Ohr, wie die schrillen Klagelaute der Sturzflug übenden Möwen. Er spürte nicht die auffrischende Brise, die mit seinen Haaren spielte wie mit dem Strandhafer ringsum.

Zu vertraut war ihm die Dünenlandschaft, als dass sie noch in sein Bewusstsein dringen konnte und zu groß die in ihm lodernde Wut. Sie würden schon sehen, was ihnen das einbrachte, aber dann wäre es zu spät. Auch Tante Lenes Jammern brächte ihn nicht mehr zurück.

Trotzig stieß er den Stock in den Sand und schluckte ein paarmal. Tränen waren nicht erlaubt, Erwachsene weinten nicht, auch nicht vor Wut.

Buttscher kam ihm in den Sinn. Ole hatte immer behauptet: "Is' zwar nur 'ne Töle, aber die Mischung macht's, mien Dschung, die Mischung." Tante Lene hatte immer über den "verdammten Mistköter" geschimpft, und er solle sich dahin scheren, wo er hingehöre, zum Teufel nämlich, aber dann hatte sie Buttscher doch die Fischköppe vor die Tür geschüttet; und als der besoffene Petersen ihm mit dem Ruder den Schädel gespalten hatte, da hatte auch Tante Lene ein bisschen geweint, er hatte es genau gehört.

Per setzte sich in den warmen Sand, den Rücken noch immer gegen den Zaunpfahl gelehnt. Die Ellenbogen auf die Knie gestützt, hielt er den Stock mit beiden Händen. Zwischen seinen aufgestellten Knien grub er tiefe Muster in den Sand.

Er sah Tante Lene vor sich, das graue Haar und den Knust im Nacken, ihre blaue Kittelschürze mit den grauen Längsstreifen, ihre harten Hände, die manchmal schwer über seine Haare strichen. Er hatte ihren Seifengeruch in der Nase und dachte an die dicke Milch, auf die sie ihm Zucker streute, wenn Ole nicht hinsah.

Er dachte daran, wie sie ihn im Bollerwagen hinter sich her zog und wie sie süßsauer gucken konnte: Mit dem Mund schimpfte sie, aber in ihren Augen sah er das Lachen versteckt. Dann wusste er, dass er ruhig noch was riskieren konnte. Schlimm wurde es erst, wenn ihr Mund freundlich aussah, aber die Blicke Blitze schleuderten.

Er würde weit fortgehen, bis nach Amerika. Er würde auf einem Schiff anheuern und zur See fahren, bis er ein eigenes Schiff hätte. Kapitän Per Lüders würde als stolzer und reicher Mann zurückkommen, und allen würde der Mund offen stehen. Dann würde ER lachen!

Er warf den Stock nach den gierigen Möwen, die genau wussten, was Tante Lene in das große karierte Handtuch geknotet hatte. Dann schnappte er sich das Bündel und stapfte barfuß grimmig durch den Sand zur Mole, wo Ole bestimmt schon fuchsteufelswild auf sein Essen wartete. IHM doch egal, wenn es inzwischen kalt geworden war!

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