Leben in Gefahr

Bild von Anita Zöhrer
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Wir standen uns nahe. Umso härter traf es mich, als er eines Nachts seiner Wege ging. Er musste fort. Polizisten hatten es auf ihn abgesehen, sein Leben war in Gefahr.
Wohin er verschwand, behielt er für sich. In seine Probleme wollte er mich nicht mit hineinziehen.

Kein Auge tat ich vor Sorge mehr zu. Immerzu kreisten meine Gedanken um ihn. Er war ein Kämpfer, geschickt und intelligent. Gerade deswegen hat er eine Meute gegen sich aufgebracht, mit der nicht zu spaßen war. Außerdem vermisste ich ihn.

Bei seinen Freunden bemühte ich mich, in Erfahrung zu bringen, wo er abgeblieben war. Sie hätten selbst keine Ahnung, bedauerten sie. Nicht recht wollte ich ihren Worten Glauben schenken. Ich vermutete eher, dass sie ihm versprochen hatten, mir nichts zu sagen, und ließ daher nicht locker.

Genervt von meiner Aufdringlichkeit gab einer seiner Kameraden schließlich nach und verriet mir seinen Aufenthaltsort. Sogleich fuhr ich in meinem Auto hin und suchte nach ihm. Ein schwerer Fehler, wie es sich bald herausstellte.

Unterschätzt hatte ich die Polizei. Dass sie sich an meine Fersen heften würden, damit ich sie zu ihm führte, hätte ich ihr nicht zugetraut. Ein Schuss. Ein ohrenbetäubender Knall. Ein einziger Moment, der meine gesamte Welt einstürzen ließ. Dabei hatte er nicht das Geringste verbrochen. Lediglich einem Kameraden hatte er vor Wochen zur Flucht verholfen, der in seiner Hungersnot etwas zu essen gestohlen hatte.

Seine Verletzung war ernstzunehmend. Dass er überhaupt noch am Leben war, grenzte für die Ärzte an ein Wunder. Mich überraschte es jedoch nicht. Zäh wie er war, musste man schon schwerere Geschütze auffahren als eine winzige Kugel, um ihn auszuschalten.

Tag und Nacht wachte ich an seiner Seite und wartete, dass er wieder aufwachte. Sein Zustand blieb unverändert schlecht. Ich schimpfte mit ihm. Ich flehte ihn an. Ich saß da und drückte seine Hand. Zärtlich streichelte ich ihm über sein Gesicht und legte mich zu ihm ins Bett. Nicht nur hören sollte er von mir, wie sehr ich ihn brauchte, sondern es auch spüren. Fühlen, wie sehr ich ihn liebte.

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