Erwin der Erlöser

von Max Dernet
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„Max, du solltest die kommenden Festtage unbedingt als Chance betrachten!“
Gütig schaute Erwin, so hieß er wohl, ist ja schon ne Weile her, auf mich herab, obwohl er eher kleiner war als ich. Allerdings verrieten seine hohe, blasse Stirn, die dünne Nase und der schmale, meist angestrengt verzogene Mund, eine unbedingte geistige Überlegenheit.
Neben ihm stand, noch im Mantel, seine ständige Begleiterin, eine dralle Rothaarige, die es, obwohl einen halben Kopf größer als er, schaffte, andächtig zu ihm aufzublicken, wie weiland die im Staub des Kreuzwegs kniende Maria Magdalena zum Blut schwitzenden Herrn Jesum.
‚Diese Augsburger sind so geschickt im Dreinschauen, wie kaum ein anderes Völkchen in Europa’, dachte ich voller Bewunderung. Und dennoch - trotz des insgesamt beeindruckenden Auftritts hätte Erwins dünnes Blondhaar ein wenig Wind gebraucht, um das Haupt attraktiv zu umwallen. Da im überheizten Vorraum der Mensa aber keiner aufkommen wollte, hing es ihm wie verzwirbelter Schnittlauch auf die Schultern herab. Den faden Drall, da war ich mir, schon ihres stolzen Blickes wegen, sicher, hatte ihm die Rothaarige eingedreht. Ob sie Friseuse war, in ihrem Beruf talentlos, und deshalb auf dem zweiten Bildungsweg immer weg von der Schere nach Höherem strebte?
„Als Chance? Weswegen, oh Erwin?“, fragte ich nach einer Weile, mich hatte wieder einmal die Speisenauswahl überwältigt. Passend zum Fest gab es als Menü I ‚Karpfen blau’.
„Weil ich über die Weihnachtsfeiertage ein Meditationsseminar abhalten werde, zu dem du herzlich eingeladen bist,“ antwortete er mir in einem Ton, der mir nach Anweisung klang.
„Ich bin zwar beinahe Vegetarier, aber hauptsächlich Kommunist, das weißt du doch“, sagte ich, „außerdem: ruhig dasitzen, bis mich die Erleuchtung packt, das bringe ich einfach nicht fertig.“
Erwin musterte mich scharf. Geflissentlich vermied ich seinen Blick und starrte die Rothaarige an, eine ausgesprochen reizvolle Erscheinung, wie mir jetzt auffiel. Unwillkürlich fragte ich: „Wer kommt denn alles?“
„Bis jetzt du - und Angela natürlich “, antwortete er ohne die geringste Verlegenheit und wies mit dem spärlich überwucherten Kinn auf seine Begleiterin. „Falls du nicht willst, dass wir den Kurs deinetwegen ausfallen lassen müssen, solltest du deshalb unbedingt einige Bekannte einladen. Sag ihnen auch, sie sollen jeder fünfzig Mark, einen Schlafsack und Verpflegung mitbringen.“ Er lächelte, drückte mir eine hektografierte Anfahrtsskizze in die Hand und klopfte mir auf die Schulter. „Ich bin mir sicher, dass du deinen alten Freund Erwin nicht im Stich lässt.“

Erneut betrachtete ich Angela, stellte mir leichtfertig eine Reihe tantrischer Partnerübungen mit ihr vor und bekam eine Erektion. Peinlicherweise bemerkte sie meinen starrer werdenen Blick und auch, was sich weiter unten bei mir tat.
„Halte mich nicht, wofür du mich jetzt zu halten scheinst, Angela! Im Grunde bin ich ein feinfühliger Mensch, der irgendwann einmal ohne jede Beschönigung über Begebenheiten wie diese schreiben wird!“ Worauf ich mit hochrotem Kopf schwieg, schon weil ich nicht wusste, ob ich selber meinen Beteuerungen Glauben schenken sollte.
Angela jedenfalls tat dies nicht. Sie schaute noch einmal auf die Wölbung in meiner Hose, dann, endgültig und für immer durch mich hindurch.

„Ich glaube, ich kann doch nicht teilnehmen, an diesem ... äh ... „ sagte ich tief beschämt zu Erwin.
Der schnaubte angewidert durch seine spitze Nase. „Offensichtlich hast du mir deinen Wissensdurst nur vorgespielt, du Kleinbürger!“
„War ich wenigstens überzeugend?“ fragte ich verzweifelt, erntete aber nur ein verächtliches Kopfschütteln von ihm und einen letzten Durch-mich-hindurch-Blick von Angela. Dann wandten sie sich ab, und stiegen die Treppe zur vegetarischen Essensausgabe hoch, dem Linseneintopf mit Tofu entgegen. Niedergeschlagen blickte ich ihnen nach und bemerkte fast gegen meinen Willen, dass Erwin O-Beine hatte wie ein Cowboy.

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