Die Schnecke und Reißwolf

von Max Dernet
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Ein frisch ausgewilderter Reißwolf sah von seinem Nest aus Altpapier eine Nacktschnecke durchs Gras kriechen; und weil es früher Morgen war glitzerte ihre Spur lang und silbrig in der Sonne.


‚Wie kann man nur so schleimig sein’, fragte sich der Reißwolf. Doch da ihm keine passende Antwort einfiel, stellte er die Frage nochmals, und diesmal lauthals zur Schnecke hinunter. 


Die Schnecke hielt in ihrer Wanderung ein und bog beide Augenstiele in Richtung des Reißwolfs. 
‚Schleimig? Ich habe lediglich eine ungemein glatte Haut’, sagte sie. ‚Aber das ist kein Grund mich zu beneidigen! Vor allem nicht für einen, der sich von Altpapier ernährt.’ 


Der Reißwolf, er hatte am Vorabend einen Packen letztjähriger Kirchenzeitungen verschlungen, schämte sich ein wenig. Doch dann gewann sein gefräßiges Gemüt wieder Oberhand und er verschluckte die Schnecke wie nichts. 


‚Beneidigen’, was diesen Kriechern nicht alles einfällt, dachte er, und ließ einen diskreten Rülpser in die Morgenluft aufsteigen.

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