Mir träumte

Bild von theowleman
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Träume müssen aufgeschrieben werden. Sofort nach dem Erwachen, wenn die Erinnerung an das Geträumte noch lebendig zu sein scheint, muss man den Zauber in die Realität hinüberretten. Wartet man bis zur nächsten nächtlichen Irrfahrt, so sei sicher, verliert sich der Inhalt wie Sterne im Raum. Stirbt der Traum, so stirbt eine intime Erkenntnis. Denn Träume sind die Oberfläche einer uns unbekannten inneren Landschaft, die Sehnsüchte als Berge, die Ängste als Meere.

Mir träumte von nichts Besonderem, dennoch war die Wirkung dessen ungeahnt mächtig. Ich befand mich, wider aller Vernunft, auf einer Feier. Es dauerte nicht lange, um zu erkennen, dass es sich um eine Hochzeit handelte. Braut und Bräutigam waren mir gänzlich unbekannt und auch unter den übrigen Gästen konnte ich kein vertrautes Gesicht erkennen. Es lag eine herrliche Festtagsstimmung im Raum. Kleine Kinder spielten im hell erleuchteten Saal Fangen und umkurvten akrobatisch die unzähligen Stühle wie sonst nur Skifahrer mit Slalomstangen es fertig bringen. Der übrige Teil der Festgemeinde saß, in Gruppen aufgeteilt, an Tischen und führte nebst voll beladenden Tellern eifrige Konversation. Kellner schwirrten wie Bienen herum, reichten Getränke und allerhand Süßigkeiten. Das Brautpaar blickte sich verliebt in die von Hoffnung und Zuversicht erfüllten Augen. Ihre Liebe schien alle wie ein heiß wütendes Fieber anzustecken. Niemand konnte sich entziehen. Da saß ich nun unter den vielen Menschen und schien jedoch trotzdem keiner von Ihnen zu sein. Isoliert wie ich war, versuchte ich ein Gespräch nach dem anderen zu beginnen, doch die Worte wollten nicht aus meinem Mund kommen. Unter quälender Anstrengung setzte ich an um Sätze zu bilden. Jeder Versuch blieb unbelohnt und Traurigkeit begann mich einzunehmen. Langsam begann ich zu resignieren. Ich blieb der stille Beobachter der ich bin. Fühlte mich so einsam wie ein Astronaut in der Sterilität der Raumstation, der von oben herab blickt und nichts anderes wünscht, als wieder unter Menschen zu sein. Selbst wenn ihm die Menschen nur wie Wölfe wären. Das Fest schritt fort und schon begann die Musik heiter zu spielen. Der Bräutigam bat die Braut zum Tanz. Da wurde es klirrend still und die beiden lagen einander schützend in den Armen. Sanft und herrlich schön tanzten sie zu den Klängen des Walzers. Das Bild, das sie abgeben war himmlisch. Im Paradies würde man für eine Ewigkeit lang nur tanzen, davon bin ich überzeugt. Abseits sitzenden alten Frauen kamen die Tränen. Wie ich den Tanz so beobachtete und kaum achtete, was neben mir passierte, schien sich jemand meinem Tisch zu nähern. Wie hypnotisiert von der alles einnehmenden Zeremonie drohte ich in Gedanken abzugleiten, da setze sich eine junge Frau mit schwarzem langem Haar auf den freien Stuhl links neben mir. Sie schien schlank und von zartem Körperbau zu sein. Das glatte schwarze Haar hing ihr weiter über die Schultern herab. Ihr Gesicht zeigte leichte Blässe und feine Züge. Ich dachte mir jedoch nichts weiter dabei. Plötzlich aber, als das Brautpaar eng aneinandergedrückt zum Kuss ansetze, um den Tanz abzuschließen, da fasste die unbekannte Schönheit meinen Arm und rückte ebenfalls näher an mich heran. Mich überfiel ein eigenartiges Gefühl. Belebend und bedrückend zugleich. Schon konnte ich ihren heißen Atem spüren, ehe sie behutsam ihren Kopf an meine Schulter legte. Mich erfasste ein Zauber, den ich schon lange Zeit nicht mehr fühlen durfte. Eine Erinnerung kam auf. Ich verfiel. Als ich jedoch die junge Frau, welche mir diese unglaubliche Zuneigung schenkte, genauer in die Augen blicken wollte, da erwachte ich unter heftiger Verwirrung. Es war mir nicht möglich sie zu sehen.

Was geschah mit mir? Ich würde alles tun um diese Intensität jenes Moments wieder zu durchleben. Selbst wenn ich durch den dampfenden Dschungel müsste, ich muss sie finden.

Wie einsam man im Traum doch ist.

Jakobs Traum - Jose de Ribera
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