Blick von Außen

von Mitch Cohen
Aus der Bibliothek

Ich bin Amerikaner. Für mich war es schon unglaublich, daß ich in den 70ern und 80ern in Westberlin lebte. Noch viel unwahrscheinlicher war es, daß ich die Untergrund-Lyrikszene Ostberlins kennenlernen sollte.

Ein Besuch in Ostberlin ohne Insiderkontakte oder Verwandtschaft war unergiebig. Die Sehenswürdigkeiten hatte man schnell gesehen; man mußte eine Menge Geld umtauschen, für das man wenig Interessantes kaufen konnte; und wenn man aufs Geratewohl einen Ostberliner ansprach, machte die Vorsicht seiner Antworten die orwellsche Atmosphäre von Verschlossenheit deutlich.

Außerdem gingen Intellektuelle, Studenten und junge Leute in Westberlin nicht nach Ostberlin, weil sie ahnten, daß Kontakte mit realsozialistischer Realität ihre linken politischen Illusionen kaputt machen könnten.

Der SED-Ableger, die SEW, dominierte einige westberliner Gewerkschaften. Sie dominierte den westdeutschen Schriftstellerverband und seine westberliner Sektion. Die Studentengremien an den Unis waren fest in den Händen der ADSEN, der Aktionsgemeinschaft Demokraten und Sozialisten, in der die große Masse der „irgendwie linken“ Gutmenschen das mitmachten, was die im Aussitzen und in Intrigen geübten „Realsozialisten“ vorgaben.

Kurzum: In Westberlin hatten die Moskau-Linie-Kommunisten das, was die SPD vor nicht so langer Zeit sich erträumte: die „Lufthoheit über den Stammtischen“. Zwar nicht unter den Älteren, die Kriegsende, Blockade und Luftbrücke erlebt hatten – aber Intellektuelle und junge Leute betrachteten jene als ignorante Ewiggestrige, deren Meinungen bestenfalls zu belächeln waren.

Also, wozu soviel Geld ausgeben, um sich zu langweilen und vielleicht Zustände zu erleben, die einem die Wahl ließen: Schweigender, Heuchler oder Paria sein?

Dass ich bald doch viel in Ostberlin war, hing mit einem Projekt zusammen. 1978 bat mich der Kleinverlag Mudborn in Santa Barbara, Kalifornien, die Anthologie „Ber!in. Contemporary writing in East and West Berlin“ zusammen zu stellen. Wir schlossen einen Vertrag, der mir ganze $300 Dollar nach Drucklegung zusicherte. Neu in Berlin, 26 Jahre alt und bar jeglicher literarischer, verlegerischer oder institutioneller Kontakte hier, fing schon meine Suche nach westberliner Autoren naiv und unprofessionell an. Ich wußte nichts Besseres, als in der Programmzeitschrift „zitty“ zu werben und Zettel auf die Mitteilungsbretter der Freien Universität zu stecken. Trotzdem kamen langsam einige westberliner Autoren zusammen. Und dann stand Michael Meinicke vor meiner Tür mit einem Packen seiner Kurzgeschichten. Ein paar Wochen nach seiner Flucht in einem Kofferraum aus Ostberlin hatte er meinen Aushang gesehen. Wir sprachen miteinander, lachten, tranken Wein. Er fragte, ob ich nicht auch Autoren aus Ostberlin in meiner Anthologie aufnehmen wollte. „Ja, aber wie?“ Er gab mir eine Adresse und ich suchte meinen ersten Kontakt im Osten zu Hause auf, Knud Wollenberger. Der gab mir ein paar brauchbare Gedichte und nahm mich und seine Gedichte mit zu Uwe Kolbe. Kolbe war sehr begierig über Westberlin zu hören, über Kalifornien, wie Leute dort dachten und lebten und was sie für Kunst machten. Eines Satzes von ihm, gerade weil er so ungerechtfertigt bescheiden war, erinnere ich mich heute noch gut: „Willst Du einen wirklichen Dichter kennenlernen?“ Er nahm mich daraufhin mit zu Bert Papenfuß-Gorek.

Papenfuß griff nach dem Westkontakt, lud mich immer wieder ein, das 24-Stunden-Visum auszunutzen, indem ich mitternachts kam und bei ihm und seiner damaligen Frau Kerstin übernachtete. Wir arbeiteten an einigen Projekten zusammen[1]. Er machte mich mit den Autoren Stefan Döring und Lutz Rathenow, dem Maler und Bildhauer Reinhard Zabka bekannt. Später auch mit Jan Faktor, Eberhard und Magdalena Häfner, dem Maler und Filmer Jürgen „Strawalde“ Böttcher, dem Musiker und Lyrikveranstalter Ekkehard Maaß, Leonhard Lorek, dem großen Karl Mickel, den Malern Ralf Kerbach und Helge Leiberg, mit Dieter Schulze, Detlef Opitz und Sascha Anderson u.a.m.. Über andere Drähte kamen Treffen mit Jan Koplowitz und Volker Braun zu Stande. Texte folgten.

Derweil suchte ich Texte für meine Anthologie, wählte aus, übersetzte. Als Prof. Ekhard Haack mich bat, Tutor einer Sektion seines FU-Kursus „Deutsche Lyrik nach 1945“ zu sein, wählte ich „DDR-Lyrik“ als Titel und Thema. Ich brachte eine Gruppe Studenten nach Ostberlin, um uns mit Papenfuß, Kolbe, Döring und Rathenow zu treffen (damals arbeiteten diese unabhängigen Autoren über alle unterschiedlichen politischen und ästhetischen Ansichten hinweg noch zusammen). Auf dem abendlichen Weg zurück zur Grenze wurde ich abgefangen, verhört und gerade rechtzeitig wieder frei gelassen, um die letzte U-Bahn nach Westen zu kriegen. Die Stasi hatte von dem Treffen gewußt; eine der anderen von Prof. Haacks Tutoren war eine „Realsozialistin“ und ich vermute, sie hatte ihre „Pflicht“ getan.

An der Anthologie[2] arbeitete ich das Äquivalent von einem Jahr Vollzeitarbeit ab. Die $300 gingen schon für Porto drauf; mein Lehrgeld für den Übersetzerberuf. Von den 53 Autoren in der Anthologie waren 8 Ostberliner und etwa so viele ehemalige, in den Westen ausgereiste Ostler. Die größte und schönste Herausforderung dabei waren Papenfuß’ Neologismen, Ellipsen und obskure Anspielungen und Anleihen aus Dialekten, Soziolekten, Argots und untergegangenen Zeiten.

Was hatte ich von meinen jahrelangen Besuchen im Osten? Um nicht mit dem Bösen zu enden, nenne ich es zuerst: Ich hatte eine Kostprobe vom Leben im kommunistischen System, komplett mit Verrat durch Opportunisten. „Jeder Satellit hat einen Killersatelliten.“ Ich hatte Glück. Es hätte schlimmer kommen können als meine Einreisesperre.

Ich hatte Abenteuer. Nach dem Odenwald und Westberlin – Fabelland Europa! – hatte ich neue, für mich noch exotischere Abenteuer. Adrenalinrausch, mich als anarchistisches Rhizom zu fühlen – da wo der Staat tatsächlich kein Rechtsstaat war. Die Szene in Ostberlin war wie eine verschworene Gemeinschaft. Vielleicht war das Erlebnis der Prohibitionszeit in den USA ähnlich, den Speakeasies, die getarnten Night Clubs zwischen 1919 und 1933, als Alkohol überall in den Vereinigten Staaten per Verfassungszusatz verboten war, und die Kunst des Cocktails blühte. Und hier, in Berlin, brauten wir eine Weile Kunst zusammen.




[1] - "aton notate", Grafik/Lyrik Mappe, Hrsg. Mitch Cohen, Lyrik von Bert Papenfuß, Radierungen von Mitch Cohen. Gedruckt von Robin Voll in Künstlerhaus Bethanien, Texte handschriftlich eingetragen von Papenfuß und Cohen, Berlin, 1984.

- "Zwiespältiges Mutual Innerview der Begegner Michoacan & Mandragorek (in halbseidtigen Flaggen und übergreifenden Entworten. verfasslt, abgejandlt, drunter- und drübergearbeitet von Mitch Cohen und Bert Papenfuß-Gorek"
Auszüge in: "Geh doch 'rüber!", Hrsg. Per Ketman, Sammlung Luchterhand, Darmstadt & Neuwied, 1986

zur Gänze in: "Schaden" 12, Berlin, 1986

zur Gänze in "Vogel oder Käfig sein. Kunst und Literatur aus unabhängigen Zeitschriften in der DDR 1979-1989", Hrsg. Klaus Michael und Thomas Wohlfahrt, Edition Galrev, Berlin, 1991

[2] Ber!in. Contemporary writing in East and West Berlin, Bandana Books, Santa Barbara/Kalifornien, 1983

 

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