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Sarah

Bild von Anita Zöhrer
Bibliothek

Jede noch so erniedrigende Arbeit hätte sie vollrichtet; nur, um zumindest ihrem Sohn ein möglichst humanes Leben zu bieten. Doch die Menschen gaben ihr nicht die geringste Chance dazu. Sie war vorbestraft – eine Verbrecherin in den Augen vieler und daher nicht vertrauenswürdig. Dass ihre Zwillingsschwester und deren Mann sie damals hereingelegt und sie wegen ihnen unschuldig im Gefängnis gelandet war, interessierte niemanden.

Sarah war verzweifelt. Sie liebte ihren Sohn und wollte nicht, dass er unter ihrer Vergangenheit zu leiden hatte. Immerhin war er bereits gestraft genug, dass er ohne einen Vater aufwachsen musste. Kein Kind der Liebe war er nämlich, sondern einer Gewalttat, die niemand geringeres als ihr Schwager an ihr begangen hatte.

Viele Monate lang lebte sie mit ihrem Sohn auf der Straße und stahl Lebensmittel, damit sie beide nicht verhungern mussten. Sie war nicht stolz darauf, aber es blieb ihr nichts anderes übrig.

Lange Zeit gingen ihre Besuche in diversen Supermärkten gut, bis sie eines Tages von einem Kaufhausdetektiv auf frischer Tat ertappt wurde. Sarah flüchtete und entkam ihm mit Müh und Not.

Noch am selben Abend verließ sie zusammen mit ihrem Sohn die Stadt, um in einer anderen eine Möglichkeit zu finden, für sie beide zu sorgen. Weil sie jedoch Angst hatte, neuerlich beim Stehlen gestellt zu werden, prostituierte sie sich, um an Geld zu kommen.

Immer größer wurde Sarahs Verzweiflung. Dass sie ihren Körper verkaufte, bedeutete für sie eine schwere, seelische Last. Um nicht die Nerven zu verlieren, beschaffte sie sich über einen Klienten Drogen und griff immer öfter zu Alkohol. Hilflos musste ihr Sohn dabei zusehen, wie sie weiter in ihr Unglück schlitterte.

So geschah es, dass Sarah sich eines Tages in ihrem Schmerz eine Überdosis verabreichte und starb. Für die meisten blieb sie als eine Verliererin in Erinnerung, die es nicht weitergebracht hatte, als zu einer drogensüchtigen Nutte, die mit ihrem Jungen unter einer Brücke gelebt hatte. Für ihren Sohn hingegen, blieb sie sein Leben lang eine Heldin. Als seine geliebte Mutter, die sich mit aller Kraft um sein Wohlergehen bemüht hatte, obwohl sie an ihrem eigenen Leben zerbrochen war, bewahrte er sie in seinem Herzen.