Story XII: A walk in the dark oder die Tölen vom ‚Kyffhäuser Busch‘

Bild von Q.A. Juyub
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Die vollmondgebadete Nacht beherrschte an jenem denkwürdigen Junitag im Jahre 1995 mit voller Kraft den ‚Kyffhäuser Busch‘, einem Naherholungsgebiet am Rande einer vergessenen – Ironie an – Ruhrpottmetropole, das zu Zeiten eines irren Tyrannen mit Scheitel und Schnurrbart zur Erbauung der arischen Jugend angelegt wurde. Die ursprünglich gar martialische Ausstattung übernahmen denn auch die entnazifizierten ehemaligen Nazi-Größen in leicht abgewandelter Form; obwohl durchaus ‚vergessen‘ wurde, das eine oder andere Hakenkreuz von den wehrkraftfördernden Klettergerüsten und Eskaladierwänden zu entfernen. Ihre sich allmählich rotlackierenden Epigonen – Nachfahren sowohl durch Abstammung als auch im Geiste – erweiterten dann in den folgenden Jahrzehnten nach jeweiliger Mode dann das Freizeitangebot und entfernten dezent die ihnen peinlichen Relikte ihrer faschistischen Väter.
Tja Freunde, es ist schon blöd, wenn man einer primitiven, menschenfeindlichen Ideologie folgt und dann auch noch verdientermaßen verliert. Noch erbärmlicher ist es freilich, wenn eine abgehobene Elite einem offensichtlich Irren folgt, der verrückter als eine Scheißhausratte ist. So können wir ja beobachten, wie sich das Bild des durchgeknallten Rattenführers in den Jahrzehnten vom dämonischen Ver-führer zum eher dümmlichen Kleinbürger mutierte; sozusagen ein Indikator, wie sich das Großbürgertum sich allmählich aus der Verantwortung wandte. Jetzt, da sie sich alle grün einfärben, sind sowieso nur die proletarischen Massen an der mörderischen Vergangenheit schuld. Aber genug davon!
In dieses Freizeitparadies mit laternenerleuchteten (Hakenkreuze überpinselt – gelle!) , chausseeartigen Hauptwegen, die ursprünglich in Miniatur den Autobahnen eines dritten Reiches gleichen sollten, waren nun zwei muntere Wandersleut eingedrungen, die nach einem Aufenthalt in einem nahegelegenen Schicki-Micki-Restaurant auf die ausgefallene und einseitig inszenierte Idee verfielen, den relativ langen Weg in das nächste Pub derselben Kategorie a pedes zurückzulegen. Bei den unermüdlichen Fußgängern handelte es sich um ein ziemlich ungleiches Paar, das zu 50 Prozent aus einem ebenso attraktiven wie wohlproportionierten Jüngling und zur verbliebenen Hälfte aus einem vierschrötigen, eher Troll gleichen Burschen bestand. Unser potentieller Kandidat für ‚Germany’s next beauty king‘ – mit vollen Namen Perseus Antigonides geheißen- wandte sich mit einem mehr als ironischen Grinsen an seinen unvorteilhaft gebauten Gefährten, der wiederum gute Karten für ein Fernsehevent mit gegenteiligem Motto besaß, wenn man ihn nur ‚entdecken‘ würde.
‚Denis, mein Guter, das war doch wohl ein absolut stylisches Lokal! Natürlich ist das kein wirklich exquisiter Schuppen, aber immerhin eine gute Adresse, die mir auch für Dich geeignet zu sein schien. Das rustikale, mongolische Essen sollte Dir eigentlich auch gemundet haben; diese flambierten Ponyhaxen – einfach traumhaft!‘
Denis Marius sah seinen feinschmeckenden Freund mit gar gerunzelter Stirn an.
‚Sorry Alter, aber mir gefiel das Restaurant gar nicht! Die hartgekochten Hengsthoden, die Du mir bestellt hast und die dreifach vergorene Stutenmilch haben mir überhaupt nicht geschmeckt. Dann erschienen mir die Leute dort ziemlich arrogant und das Personal beachtete mich offensichtlich nicht so recht.‘
Mit gespielter Tristesse schüttelte der Antigonide sein blondgelocktes Haupt. Natürlich entsprach die Aussage seines recht einfach gestrickten Freundes der reinen und unverfälschten Wahrheit, aber Perseus gefiel es doch außerordentlich, seinen mittellosen Mitschüler zu dissen.
‚Das habe ich befürchtet: Deinesgleichen passt eben halt nicht in eine niveauvolle Umgebung! Das mache ich wirklich nicht gerne, aber Deine Tischmanieren und dieses absolut billige Outfit, können ein kultiviertes Publikum nur zu lauten Heiterkeitsausbrüchen herausfordern! Nicht zu wissen, wann man die Eiergabel verwendet und diese schreckliche Konfektionsware von Poke & Beklopptenburg – einfach grauenhaft! Ohne mich wärst Du in diesen Laden niemals hereingekommen. Du solltest mir eigentlich dankbar sein, dass Du einen Blick in eine andere, für Dich unerreichbar Welt erheischen durftest. Was machst Du? Du blamierst mich, sodass ich mich für Dich schämen muss!‘
Mit ausdruckslosem Gesicht und bar einer adäquaten Antwort ließ der Gescholtene die Philippika über sich ergehen, während sich in seinem Inneren eine gewaltige Wut ansammelte. Leider war diese überaus ohnmächtig, da Marius von diesem Spross einer neureichen Akademikerfamilie in mancherlei Hinsicht abhängig war. Trotz seiner Intelligenz und einem Stipendium wäre es Denis niemals gelungen, ohne den Einfluss seines vermögenden Freundes auf die versnobte Lehrerschaft – die liebenden Eltern des jugendlichen Adonis konnten ziemlich spendabel sein – auch nur ein Jahr auf dem christlichen Eliteinternat zu überstehen; Rektor Poppelmeier pflegte ihn in diesem Sinne regelmäßig daran zu erinnern, dass ein Abkömmling einer ‚Arbeiterfamilie‘ eigentlich nichts an seinem Institut nicht zu suchen hätte. Perseus wiederum hielt sich den Freund als eine Art Hofnarr und Dienstboten. So musste ja irgendeiner diese lästigen Hausarbeiten erledigen oder die von der Lehrerschaft vorbereiteten Spickzettel verwalten und dann während schwieriger Klassenarbeiten in der richtigen Reihenfolge dem Akademikersohn reichen. Letztendlich fungierte der derartig Abhängige als eine Art Bodyguard seines feinsinnigen Gönners und entschärfte schon manche außerschulische, brenzlige Situation durch sein taktisches Geschick, da sein Herr mit seiner überaus charmanten und standesbewussten Art bei manchen Zeitgenossen unschöne Reaktionen provozierte. So gab es da eine überaus gefährliche Situation mit dem Nafri Jug Urtha, der vom Liebling seines Arbeitsgebers und seiner elitären Internatsgenossen zu einem ernstzunehmenden Problem avancierte. Als Belohnung für solche Dienste ließ der schöne Perseus gelegentlich das eine oder andere Essen springen und amüsierte sich dabei königlich über die unbeholfene Art seines Faktotums – das gehört aber wieder zum Part des Hofnarren. Da nun Denis aus den eben genannten Gründen unmöglich seine Fäuste sprechen lassen konnte und ihm auch bei aller Intelligenz die rhetorischen Fertigkeiten zu einer sarkastischen Antwort fehlten, zog der Gerügte es vor, zu schweigen.
Mit verächtlicher Zufriedenheit betrachtete Antigonides seinen sprachlosen Diener.
‚Marius, Du bist wirklich ein richtiger Bauerntrampel. Manchmal frage ich mich, warum ich mich überhaupt mit solchen Prims abgebe? Komm jetzt, bis zum ‚Bohemian Downfall‘ sind es ja noch einige Meter. Erzähle mir doch in der Zwischenzeit wieder Schwänke von Deinem unterprivilegierten Anhang; das asoziale Milieu ist doch zu ulkig!‘
Zähneknirschend und hilflos versuchte der Angesprochene der überaus freundlichen Bitte mit möglichst wenig Angriffsfläche zu entsprechen.
‚Meine Schwester hat jetzt ihr Abitur mit 1.1 geschafft und denkt daran Medizin zu studieren. Das wird wohl nicht einfach für sie, da sie kein Bafög erhält, weil meine Eltern 10 Mark zu viel verdienen. Sie könnte die staatliche Hilfe zwar als Kredit in Anspruch nehmen, aber mein Schwesterlein arbeitet lieber nebenbei.‘
‚Zustände sind das! Jeder Hinz und Kunz darf sich heutzutage immatrikulieren. Kein Wunder, dass das Bildungsniveau

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