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Story XII: A walk in the dark oder die Tölen vom ‚Kyffhäuser Busch‘ - Page 3

Bild von Q.A. Juyub
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penetrante Knechte bedachten, bevor sie diese auspeitschen ließen.
‚Na dann lies schon! Aber wehe, wenn das nur wieder irgendein Schwachsinn ist!‘
‚Also hier steht: Ich, Shlomo Ben Kabbala, direkter Nachfahre des berühmten Rabbi Loew, habe in diesem Dybbuk-Schrein das Böse gebannt. Einstmals floh ich aus Deutschland, als die Menschen verrückt wurden und kehrte als Angehöriger der US-Streitkräfte wieder zurück. Die Nazis waren geschlagen, aber trotzdem das Böse noch lange nicht besiegt. In dieser Stadt trieb Dr. Barbarossa Hessling mit seiner Nova-Cimbria-Werwolf-Organisation sein finsteres Unwesen und ließ sich mit normalen Mitteln nicht besiegen. Also führte ich ein aufwendiges, magisches Ritual durch, das Leib und Seele der Werwölfe in dieser Schatulle für ewig gefangen hält. Das Ritual erforderte, dass ich den Dybbuk-Schrein unter der alten Eiche vergrub. Wenn Du, Unglücklicher, das Gefängnis – sei es aus falschem Glauben oder Übermut – gefunden hast, sei gewarnt! Wenn Du die Schatulle öffnest, werden Hessling und seine Schergen wieder auferstehen, und Du bist des Todes! Solltest Du wirklich ein solcher Idiot sein, dann versuche Dich mit dem geweihten Dolch zu verteidigen. Deine Aussichten – ich habe es nicht gewagt – sind zwar gering, aber selbst jemand wie Du hat eine Chance verdient.
Ich werde nun dieses Land für immer verlassen und versuchen, all die bösen Erinnerungen zu vergessen.
Hier endet der Brief. Ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll?‘
‚Was für ein verrückter Unsinn, der Typ muss echt irre gewesen sein. Rabbi Loew, wer soll denn das überhaupt sein?‘
‚Na, der mit dem Golem!‘
‚Das ihr Unterschichtler immer solchen Blödsinn faseln müsst. Kein Wunder, dass die dumpfe Masse Hitler gefolgt ist. Bessere Leute, wie beispielsweise mein Großvater, hatten allenfalls Verachtung für die Nazis übrig. Manchmal wünschte ich mir, in dieser Zeit gelebt zu haben; den Nazis hätte ich dann schon gezeigt, wo der Hammer hängt! Denis, mein Guter, reiche mir doch einmal die Schatulle!‘
Sozusagen einem Automatismus folgend überreichte Marius die Schatulle dem Skeptiker, der sich sofort bemühte, das Behältnis zu öffnen. Mit ungläubigem Erstaunen beobachtete Denis die Anstrengungen seines wenig beeindruckten Gefährten, der dazu überging den Flammdolch zwecks Öffnung der Schatulle einzusetzen.
‚Meine Güte, was machst Du denn da?‘
Ohne seine Tätigkeit zu unter unterbrechen, geruhte der blonde Panzerknacker mit gepresster Stimme zu antworten.
‚Du bist wirklich ein abergläubischer Kretin, mein lieber Marius. Den ganzen Quatsch hat sich der Typ ausgedacht, weil der hier einen Schatz oder eine Schatzkarte versteckt hat; so wie das Bernsteinzimmer oder den heiligen Gral. Das ist natürlich für jemanden aus den niederen Klassen zu hoch. Verdammt warum geht das nicht auf, das Dingen hat doch nicht einmal ein Schloss. Hach, geschafft!‘
Mit einem leisen Klicken öffnete sich die Schatulle und der Jäger des erhofften Schatzes riss deren Deckel fast aus in seiner Gier, den hilfreichen Dolch achtlos auf den Boden gleitend lassen, der wiederum geistesgegenwärtig von Gefährten mit einer schnellen Bewegung aufgefangen wurde.
‚Dieser verdammte Hurensohn, da ist ja gar nichts drin!‘
‚Die Herren amüsieren sich doch hoffentlich prächtig?‘
Überrascht wandten sich unsere Helden in Richtung des Fragestellers, um drei illustre Gestalten in einigen Metern Entfernung vor einer Eskaladierwand zu erblicken. Während Denis die ungewöhnliche Gewandung und Gestalt der unheimlichen Drei auffiel, blitzte der glücklose Schatzsucher die Störenfriede gar zornig an.
‚Was seid ihr denn für komische Vögel? Trollt euch gefälligst, sonst lasse ich euch von der Polizei aufgreifen. Wisst ihr überhaupt, wer ich bin?‘
‚Um Ihre erste Frage zu beantworten: Mein Name ist Dr. Barbarossa Hessling!‘
Der kahlköpfige, rotbärtige Mann in der Mitte, dessen zerlumpter Smoking schon besser Zeiten gesehen hatte, deutete mit seiner rechten Hand auf den seine mastschweinartige Gestalt überragenden Titan in einer zerschlissenen SS-Uniform.
‚Das ist Rottenführer Boiorix und der ihn überragende, einäugige Herr auf der anderen Seite ist Oberrottenführer Teutobald. Um Ihre zweite Frage ebenfalls zu beantworten: Sie sind das heutige Abendessen. Übrigens gebührt Ihnen für unsere Befreiung unser aller, aufrichtiger Dank!‘
Nachdem des Doktors für Rassenhygiene schleimige Stimme verklungen war und sich nur das widerliche Grinsen auf dessen Gesicht fortsetzte, nutzte der schöne Antifaschist, die sich ihm bietende Gelegenheit, da er mittlerweile das Bedrohliche an der Situation realisierte. An Werwölfe zu glauben, fiel dem Antigoniden wohl schwer, aber offensichtlich handelte es sich hier um drei gemeingefährliche Irre, vor denen ihn der treue Marius vermutlich nur ungenügend schützen konnte.
‚Meine Herren, das ist ein Missverständnis! Ich bin doch auf Ihrer Seite! Ich war eigentlich zeitlebens immer schon ein Nazi und ein echter Arier! Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, ich habe noch dringende Termine.‘
‚Ich muss schon gestehen, mein Sohn, Sie sehen schon aus wie ein richtiger, kleiner Hitlerjunge; Sie werden mir vortrefflich munden. Ihr Freund ist leider eher der romanische Typ, den werden sich dann Teutobald und Boiorix teilen.‘
Die beiden monsterartigen SS-Leute grunzten zustimmend.
Fieberhaft arbeitete es in des redegewandten Akademikersohns Gehirn, wie er die drei durchgeknallten Faschisten nur zu beschwichtigen vermochte.
‚Bitte meine Herren, Herr Doktor, ich bin wirklich auf Ihrer Seite. Mein Großvater war Standartenführer bei den SS-Totenkopfverbänden und wurde vom Führer für seine Treue persönlich mit dem ‚Deutschen Schäferhundkreuz in Gold‘ ausgezeichnet. Ich möchte mich Ihnen anschließen, bitte. Sie können gerne Marius haben und mit ihm verfahren wie Sie wollen.‘
Das widerliche Grinsen auf Hesslings feistem Gesicht vertiefte sich zusehends während der rhetorischen Bemühungen des verhinderten Widerstandskämpfers.
‚So gerne ich auch mit Ihnen plaudere, müssen wir jetzt allmählich zur Tat schreiten. Um die Sache interessant zu machen geben wir euch einen Vorsprung. Wir werden uns jetzt gleich verwandeln; das dauert circa 30 Sekunden. Danach werden wir euch jagen. Was Kameraden, eine kleine Nachtjagd!‘
Boiorix und der zyklopenhafte Teutobald grunzten begeistert.
‚Lauft!‘
Voller ungläubigem Entsetzen beobachtete der gescheiterte Bittsteller wie sich die Verwandlung der Meute vollzog und sank schließlich auf die Knie, nur noch zu einem kläglichen Wimmern fähig. Derweil hatte Marius das Ganze –inklusive der vergeblichen Bemühungen seines gar tapferen Mitschülers – beobachtet und nach einer möglichen Lösung gesucht. Eine Flucht oder ein direkter Angriff auf die Widersacher waren wenig sinnvoll, da man ihn mit Sicherheit bei beiden Unterfangen überwältigt würde; da Marius Realist war, bezog er seinen vornehmen Mitschüler nicht in die Kalkulation mit ein. Seine einzige Chance bestand darin, etwas Unerwartetes zu wagen. So verstaute unauffällig den Flammdolch in seinem

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