Tagebuch des Soldaten Franz Brunner (geb. 1889 - gest. 1917)

von Oliver Schrot
Mitglied

Mesen Westfront (Belgien) am 26.12.1914
Königliches Bayrisches Infanterieregiment
Bataillon Kommandostand „Fuchshöhle“

Liebstes Sophal !

Mein liebes Sophal ich muss dir unbedingt etwas ganz Außergewöhnliches erzählen. Du kannst dir nicht vorstellen was gestern im Schützengraben los war. Aber zuerst will ich dir berichten, was sich seit meinem letzten Brief getan hat. Vor zwei Wochen haben wir den Text des Kaiser in der Frontzeitung gelesen. Er schrieb, er lobe unsere Tapferkeit und ist zuversichtlich, dass wir noch vor Winter nächsten Jahres in Paris stehen werden. Dann hat dieses menschenunwürdige Abschlachten, so Gott will, endlich ein Ende. Wir leben wie Ratten im Graben und ich glaube es geht auch den Franzosen so. Ich soll dich auch von Fritz schön grüßen lassen, sei doch so gut und sag seiner Frau Mutter, dass ihm nichts fehlt und dass er schon auf sich aufpassen wird. Vor wenigen Tagen wurden wir das erste Mal mit Gas angegriffen. Scheußlich. Eine graugelbe Wolke brach über uns herein, Alarm wurde gepfiffen und im Gewirr der Flucht schaffte ich es gerade noch rechtzeitig mir die Gasmaske übers Gesicht zu ziehen. Trotzdem brannten mir die Augen wie wild und Reizhusten setzte ein bis es mir dir Rippen zuschnürte um danach heftig zu erbrechen. Da habe ich noch einmal Glück gehabt. Nicht so der Kaltenbrunner Josef, mein treuester Kamerad. Als ich in so liegen sah, ohne Maske hilflos wie ein Kind, da kamen mir die Tränen. Er schlug unter Atemnot wie wild um sich und seine gesamte hagere Gestalt verkrampfte sich zu einem einzigen Häufchen Elend. So sehr ich ihm auch helfen wollte, war ich aber mehr beschäftigt meine eigene Haut zu retten. Der Krieg schafft keine Helden mein Liebes, ganz im Gegensatz zur Reichszeitung. Der Feldmarschall Bismarck der hat gut reden, weiß der doch nicht, dass wir wie lästiges Ungeziefer ausgeräuchert werden. Schwer war es, nicht mehr an den Josef zu denken, trotzdem hab ich ein Gebet für ihn gesprochen. Begraben konnte ich in nicht, dafür ist der Boden zu hart. Der Schnee wird ihn schon leise zur ewigen Ruhe betten.

Ach was sag ich mein Kind, der Krieg fordert so viel Entbehrungen von den tapferen Söhnen des Vaterlandes.

Aber nun zu dem eigentlichen Grund meines Briefes. Ein Wunder hat sich ereignet. So hatte ich gestern gemeinsam mit dem Leutnant Egger Wachdienst und lag auf der Pirsch um den Feind genau im Auge zu behalten. Es dämmerte bereits und Schneefall setzte ein. Mich fröstelte, da der nasse Feldmantel, wie so vielen meiner Kameraden, nur ungenügend Wärme spendete. Die restlichen Kameraden verschanzten sich in die Gräben und vertrieben sich die Zeit zwischen den Angriffen mit den üblichen Tätigkeiten, um die angsterfüllten Langeweile zu überbrücken. Da lag ich nun, mit der Zigarette im Mundwinkel und der Magen knurrte mir unaufhörlich. Scharf wie ein Luchs warf ich meine Blicke zum britischen Graben um Truppenbewegungen zu erspähen. Kein Donner und Blitz der sonst unermüdlich arbeitenden Artillerie war zu bemerken und als ich schon etwas nachlässig zu werden drohte und mir die müden Augen langsam zufielen da geschah das Unfassbare. Einem Traume gleich, sah ich eine Horde britische und französischer Soldaten, etwa 60 Mann, den Schützengraben emporsteigen. Keiner von ihnen trug den Karabiner im Anschlag, nur hatten sie eine ganz merkwürdige Bewaffnung im Schlepptau. Entgeistert blickte ich meinen Leutnant im Augenwinkel an und konnte kaum glauben, was ich da zu sehen bekam. Trugen unsere Feinde doch eine kleine Tanne, geschmückt mit weißen Fetzen des Verbandszeugs und roten Wollfäden. Mir stockte der Atem, was sollte ich tun? Als ich noch staunend das Schauspiel betrachtete, da zündeten diese unerschrockenen Männer Kerzen an und setzten ihren Weg zur Mitte des Schlachtfeldes fort. Wie ein Wahnsinniger rannte der Leutnant in unseren Unterstand um unsere Kameraden aus ihren Löchern zu holen. Wie verzaubert vom weihnachtlichen Wunder, erhob ich mich und sämtliche Ängste mit Kugeln augenblicklich durchlöchert zu werden waren verschwunden. Ich hängte mir mein Sturmgewehr um, nahm den Stahlhelm ab und stieg aus dem Graben aufs Felde heraus.

Mit weiten Schritten ging ich auf meine Feinde zu und konnte schon nach wenigen Metern ihre Gesichter erkennen. Wenn du nun glaubst, ich würde mein Leben so leichtfüßig aufs Spiel setzen, dann irrst du mein Sophal. Du hättest diesen Männern ins Gesicht blicken müssen, wie auch ich es tat. Da standen sie. Der Offizier der Briten hatte eingefallene Wangen und dunkle Augenringe ruhten über seiner apfelroten Nase. Der eine räusperte sich und der andere sah mir ganz liebenswürdig mit Gutmütigkeit in die Augen. Da kam nun ein schwarzhaariger Bursche auf mich zu, mit einem Muttermal auf der Wange und strahlte mich lächelnd an. Er reichte mir seine eisigen Hände und da umarmten wir uns brüderlich unter Tränen. Es dürften wohl Freudentränen gewesen sein. Ehe ich mich versah standen bereits meine Kameraden hinter mir und wir Soldaten Europas stellten uns im Kreise auf und blickten uns schuldig aber tröstend in die Augen. Unter Schneefall hoben wir gemeinsam die Stimme an und herrlich bildete unser Atem Wolken in der eisigen Nacht. Es ertönte:

Stille Nacht, heilige Nacht,

Alles schläft, einsam wacht…

Ach Sophal da brannten die Kerzen auf diesem leblosen Schlachtfeld und mir wars als schaute die ganze Welt nur auf uns. In uns brannte das Feuer der Brüderlichkeit. Später teilten wir die ohnehin kargen Köstlichkeiten und schon bald kehrten wir wieder einander die Rücken und sowohl wir als auch die Feinde legten sich zur Rast. Diese Nacht wurde im Schlaf von der Unbekümmertheit geträumt und nicht wenige sahen den Frieden kommen.

Einen Tag und eine ganze Nacht ruhten die Waffen.

Schweißgebadet, wie aus einem Fiebertraum erwacht, rannte ich schwer atmend auf die feindlichen Schützengräben zu. Es war unser erster Angriff seit einer Woche. Da ertönte schon das schnatternde Geräusch des Maschinegewehrs und ein Kamerad nach dem anderen fiel. Erde spritze auf, der Geiger der Hölle spielte sein wohl schönstes Stück. Wir konnten die feindlichen Stellungen stürmen und die Briten flüchteten. Erschöpft vom Nahkampf mit einem mageren Franzosen ging ich zu unserer Sammelstelle, als mich eine Hand beim Hosenbund packte. Röchelnd und blutüberströmt lag da der junge Mann mit dem Muttermal auf der Wange und hatte seine glasigen Augen weit aufgerissen.

„Merci mon frere“, gab er stammelnd von sich, als ich ihm das Bajonett in das Herz rammte. Ich sage dir mein Sophal, keine Männer dieser Erde haben ein solch hartes Los zu tragen, wie die Ratten der Schützengräben. Denke nicht von mir ich sei eine Bestie, ich will nur ehrlich mit dir sein. Ich warte schon sehnsüchtig auf deine Briefe.

Bis dahin weine nicht um deine armen Mann, tausend Küsse für dich,

Froher Weihnachtsgruß nach Wien

Dein Franz

Bernhard Winters Ölgemälde »Sprung auf, marsch, marsch!« aus dem Jahr 1914
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