Und der Sommer verwehte

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Mit geschlossenen Augen lehnte sie an dem Baum, zu dem es sie immer zog, wenn ihr Leben aus den Fugen geriet, wenn Kummer ihr Herz umkrallte, wenn sie einfach nur umarmen wollte…in Glück und Leid ein Zuhörer, der leise rauschend ihr Mut und Hoffnung zuraunte.
Farbkleckse in der Luft, die leise zur Erde tanzten, um sich ab und zu dem Wind zu beugen und noch einen kleinen Schwung aufwärts zu wagen, sich sanft schaukeln ließen, um dann dort am Boden gemeinsam in Erdton zu vergehen, zeigten ihr, als sie die Augen öffnete, dass es Herbst war und fröstelnd stand sie, zog den Kragen des Mantels ein wenig höher und nahm tief atmend den würzigen Duft des Holzes, aber auch den Modergeruch des welkenden, faulenden Sommers wahr.
Dieser Sommer, so heiß, so wild und voller Liebe, ohne Bedenken, sich hinzugeben dem Wogen des Lebens, Umarmungen mit Licht und Wolken, Küsse in Sonne und Wind, diese Zeit des Aufbäumens gegen die Zwänge der nicht mehr so leben wollenden Ehe.
Fremder Mann mit dem Namen, den sie nicht vergessen kann, der in ihr singt und Erinnerungen an Nähe, Sehnsucht, nicht kontrollierte Gefühle weckt, entfachtes Feuer, verbrannt, doch nie erloschen, immer wieder aufflackernd im Spiel der Gedanken.
Vorbei, kurze Begegnungen, taumelnd von Tag zu Tag, durch die Brandung ein Ufer suchend, kurzer Halt auf dem vorbeitreibenden Ast der Hoffnung.

Fröstelnd zog sie den Kragen höher, denn der Sommer verwehte.

FloravonBistram 1994

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