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Weihnachten in Flandern

Bild von Magnus Gosdek
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Er lag hinter einer Anhöhe, dicht auf den Boden gepresst. Der Abhang war ursprünglich einmal mit Gras bewachsen gewesen, nun aber bestand er nur noch aus Lehm und Dreck und der Regen der letzten Tage hatte ihn in tiefen Matsch verwandelt. Darüber hatte der Frost der letzten Nacht eine harte Kruste gezogen, dass die Kälte durch die Jacke bis auf den nackten Körper drang.
Doch es hatte ihn nicht zu stören. Noch waren es mindestens fünf Stunden, die er auf seinem Posten auszuhalten hatte. Das war sehr lang, auch wenn er aufgehört hatte, der Zeit irgendeine Bedeutung beizumessen. Das war kein Ort dafür. Dies war die Front und die einzigen Zeiger, die die Lebenszeit verkürzten, bestanden aus Granaten.
Hier auf dem Wachposten genauso wie später in den Unterständen, die nicht wirklich Schutz boten. Er hatte von Granaten gehört, die einen Schutzbunker trafen, der sich als wahre Todesfalle entpuppte und kein Kamerad ihr zu entkommen vermochte.
Aber vielleicht war das ein schönerer Tod als von herumfliegenden Granatsplittern zerrissen zu werden. Ständig hörte er das Schreien der Kameraden und er wusste, dass es wieder einen erwischt hatte. Er dachte nicht mehr darüber nach. Wenn er überleben wollte, durfte er das nicht. Im Krieg ist der Wahnsinn ein ständiger Begleiter.
Am schlimmsten aber waren die Gasangriffe. Man sah die kleinen Geschosse kaum über den Boden spritzen. Nur am Geräusch konnte man sie erkennen. Das Surren war ein Ton höher als die der üblichen Geschosse und wenn man nicht rechtzeitig die Maske ans Gesicht presste, war es aus. Das Gas verätzte die Luftröhre und das Gesicht lief bläulich an. Das war eine Frage von Sekunden, die Qualen aber mussten fürchterlich sein. Er hatte Opfer dieser Angriffe gesehen, in ihre verzerrten Gesichter geblickt und bei den ersten Malen musste er sich übergeben. Dann aber hatte er sich daran gewöhnt.
Davon hatte in der Heimat niemand erzählt. Jeder hatte doch geglaubt, dass die Engländer schnell besiegt sein würden und man sicherlich nach ein paar Wochen zu Hause sein würde. Es war doch nicht viel mehr als ein Jagdausflug.
Nun war man, mit ein wenig Glück, nach ein paar Wochen zurück im Feldlager. Halb wahnsinnig einer Kraterlandschaft entronnen, die für jeden nur das gleiche Geschenk bot.
Aber bald schon ging es wieder an die Front. Für Kaiser und Vaterland. Auf den Plakaten in seiner Heimatstadt hatte sich das gut ausgemacht. Die entschlossenen Burschen mit den freudigen Gesichtern zogen gerne in den Krieg. Aber ihnen konnte auch nichts passieren. Sie existierten nur auf dem Papier. In den Frontstellungen waren die Parolen lächerlich geworden. Der Kaiser saß zu Hause und das Vaterland würden die Soldaten der Front wahrscheinlich nicht wiedersehen.
Dies war eine andere Welt. Sie teilte sich nicht in Männer und Frauen, in Arbeit und Vergnügen. Nicht einmal in Feiglinge und Helden. Nur in Lebende und Tote und die Granaten kannten keinen Unterschied bei den Uniformen.
Es gab keine Geburtstage und Hochzeiten, keine Geburten und Begräbnisse. Nur das mechanische Aufstehen und Aushalten in den Stellungen über denen die Apokalypse tobte. Wie sollten die Soldaten hier die Geburt des Heiland feiern? Gab es ihn überhaupt in dieser Hölle? Und selbst wenn es ihm gelungen wäre, hier einzudringen, warum sollten sie die Geburt der Hoffnung feiern, wenn es sie überhaupt nicht gab?
Aber vielleicht bescherte das Fest den Soldaten wenigstens eine warme Mahlzeit. Seit einer Woche hatten sie schon keinen Nachschub mehr erhalten, sich nur vom harten Kommissbrot ernährt. Vielleicht eine Suppe, nicht so gut wie zu Hause von der Mutter gemacht, aber immerhin deftig und warm.
Ja, das war ein Grund, die nächsten Stunden noch hinter der Anhöhe auszuhalten, dann zurück in den Unterstand zu kriechen und für einen Augenblick die Augen zu schließen und sich vorzustellen, man sei wieder zu Hause.
Solange aber musste man auf das hohe Surren der Granaten achten. Einmal musste man noch Weihnachten feiern und der Soldat legte bei diesem Gedanken den Kopf auf den Boden, schloss die Augen und lauschte auf die Geräusche des Todes.

Später, als es dämmerig wurde, versammelten sich die Kameraden im Unterstand und als Heinrich schließlich zurückkehrte sah er, dass einer der Soldaten aus zerbrochenen Latten ein Gestell zusammen gebastelt hatte, das wenigstens annähernd an einen Tannenbaum erinnerte. Er sah nicht hübsch aus, aber es war ein Baum. Als Schmuck hatten sie allerlei Scherben und alte Dosen an die Enden gehangen und im fahlen Licht glitzerten die Stücke sogar.
Auch die Heeresführung hatte es gut mit ihnen gemeint und Erbsensuppe geschickt und später saßen sie alle zusammen im Unterstand, löffelten die Suppe und kauerten sich eng zusammen.
Manchmal warfen sie einen verstohlenen Blick zu dem Baum und es half ihnen zu vergessen, dass der Feind in zweihundert Meter Entfernung ebenfalls in ihrem Bunker saß.
Dann rauchten sie selbstgedrehte Zigaretten aus Tabakverschnitt, aber sie schmeckten gut und das Gefühl der warmen Suppe gab ihnen ein wenig die Illusion des Friedens.
Einer der Kameraden, ein langer, schlaksiger Kerl aus der Nähe von Hannover – so wie Heinrich wusste – grinste sogar zufrieden und in die tiefe Ruhe der Gruppe hinein stimmte er ein Lied an, in seinem tiefen, wehmütigen Bariton, der die anderen Kameraden dazu verleitete, mitzusingen.

Stille Nacht, heilige Nacht,
alles schläft, einsam wacht....

Und das Licht in dem Unterstand wurde sanfter. Das Heer hatte auch ein paar Flaschen Bier geschickt, die nun von Kamerad zu Kamerad weitergereicht wurden und mit ihnen erklang der Gesang lauter in dieser klaren Nacht, die von keiner Granatenexplosion gestört wurde.
Da hielt der Hannoveraner plötzlich in seinem Gesang inne und auch seine Kameraden, die ihn verwundert ansahen, stockten.
Aus der Ferne, dort wo die Feinde in diesem Moment sicherlich auch zusammen saßen, wehte ein Ton herüber, eine Melodie ganz zart über den Grat des Unterstandes hinweg in den Kreis der Soldaten und sie lauschten erstaunt.

Silent night, holy night...

Dann, nach dem Moment der Verwunderung setzten die deutschen Kameraden wieder ein

..nur das Kindlein mit lockigem Haar....

und über die Kraterebene verbanden sich beide Gesänge zu einem Choral und sie wiederholten das Lied bis ihnen das Atmen in der kalten Luft schwer wurde.
Einer von Heinrichs Kameraden kroch den Unterstand empor und spähte hinüber, dorthin wo

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Kommentare

21. Dez 2014

Oh, Magnus! In der Mitte der zweiten Seite liefen bei mir die Tränen, auf der dritten Seite hatte ich die Vision des kriegsentscheidenden Fußballmatches und das Ende der Geschichte lässt mich einfach nur erschüttert zurück. Ich glaube, Phil Collins (?) war es, der ein Lied gesungen hat (Let me go out, lautete der Refrain), in dem zwei Nationenführer, die Krieg wollen, zusammen in einen Raum gesperrt werden und beide gegeneinander zu kämpfen haben, im persönlichen Kampf, Mann gegen Mann. DAS wäre es, so sollte es sein, wenn überhaupt. Ob es dann Kriegs-Entscheidungen überhaupt noch geben würde? Bush gegen Sadam damals - und die Tür würde erst wieder geöffnet, wenn sich beide Verantwortlichen geeinigt hätten - oder sich die Köpfe eingeschlagen. Aber alles ohne "Kollateralschäden" - und Mütter dürfen ihre Söhne behalten, Frauen ihre Männer und Brüder und Kinder ihre Väter. Mich hat vor ein paar Tagen sehr bewegt, als ich in einem Fernsehbericht das erste Mal hörte, dass dieser "Weihnachtsfriede" damals ganze zehn Tage gehalten habe. Das wusste ich vorher nicht. Zehn Tage, in denen die Ausführenden schlauer waren als die Anordnenden, die satt und zufrieden zuhause sitzen konnten in dieser Weihnachtszeit. Und heute ist es ja noch entmenschlichter mit dem ferngesteuerten "click and bomb" - wenn man "Krieg" und "Menschlichkeit" überhaupt in einem Satz verwenden darf. Magnus, in Deiner stillen Art, Themen zu behandeln, hast Du wieder etwas Großartiges geschaffen! Alle Ehre Dir!

21. Dez 2014

Unglaublich - dies Erzähl - Talent!
(Obwohl man es von Dir ja kennt...)
LG Axel

21. Dez 2014

Vielen Dank Euch beiden. Ich wäre auch dafür, dass Kriege in einem Match Mann gegen Mann ausgetragen wird, und das nur von den Herrschenden. Für die Liveübertragung würde ich auch einen Pay TV Sender zahlen. Als ich von diesem Weihnachtsfrieden hörte, hat es mich auch tief bewegt. Zum einen aus der Hoffnung heraus, dass Menschen auch so etwas mitten im Krieg zustande bringen, zum anderen aber auch, dass sie danach erbarmungslos wieder aufeinander schießen. Für mich ist das eines der bedeutendsten und erschreckensten Darstellungen, zu was wir Menschen alles fähig sind.
Mark

21. Dez 2014

Mein lieber Schwan! Eine ganz andere Weihnachtsgeschichte!
LG Alf

21. Dez 2014

Ich entnehme aus dem Schwan, dass sie Dir gefallen hat. :-) Danke LG Mark

21. Dez 2014

richtig entnommen! Und schöne feiertage schon mal im Voraus!

L Alf

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