Wie ein Vater

Bild von Anita Zöhrer
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Wie ein Vater warst du für mich, noch bevor der meinige an seiner Alkoholsucht verstarb. Stets hast du mich gegen ihn verteidigt, wenn er in seinem Rausch mich verprügeln wollte. Sogar vor meiner Mutter und meinem Bruder musstest du mich beschützen. Warum sie mich leiden konnten, hatte ich nie aus ihnen herausbekommen.

Jedes Mal, wenn sie auf mich einzuschlagen und mit mir ohne Grund zu schimpfen begannen, lief ich zu dir. Und folgten sie mir, so drohtest du mit der Polizei und jagtest sie davon. Gerne wäre ich bei dir geblieben, aber das Gesetz verbot es dir, mich zu adoptieren. Du warst ein besserer Mensch als viele andere Väter und wie in meinem Falle auch Mütter. Dennoch besaßen diese mehr Rechte als du.

Ich liebte dich, wie ein Mensch einen anderen Menschen nur lieben kann, doch es tat nichts zur Sache. Weil du mich eines Tages aus meiner Misere gerettet und mich bei einem mit dir befreundeten Ehepaar untergebracht hattest, wurdest du wegen Kindesentführung verhaftet. Einer meiner Onkels mütterlicherseits, der als Gefängniswärter tätig war, zeigte kein Erbarmen dir gegenüber. Viele Male misshandelte er dich. Nichts anderes als Gewalt hatten offenbar schon meine Eltern und deren Familien mit auf den Weg bekommen.

Dein befreundetes Ehepaar besaß Einfluss und nutzte ihn auch. Nach einem langwierigen Kampf mit den Behörden, zahlreichem Wirbel in den Medien gelang es ihm, mich zu sich zu holen und ebenso dich aus deiner Gefangenschaft zu befreien. Schwer gezeichnet warst du von all den Schlägen und Tritten, die mein Onkel dir versetzt hatte. Doch nie beklagtest du dich. All das war es dir nämlich wert gewesen, nur, um mir zu helfen.

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