Ein Hering und ein Ehering

von Peter H. Carlan
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I. Der Rollentausch

Im Meer, das bis zur Küste reichte,
schwamm ein Hering, der dort laichte,
denn das Wasser war dort seicht,
weil das Meer das Land erreicht.

Andernorts, am Rand der Wüste,
die reichte gleichfalls bis zur Küste,
also quasi dort am Strand
lag ein Ehering im Sand.

Der Hering sprach: „ Ach, Ehering,
du bist ein herrlich rundes Ding,
hast keinen Anfang und kein Ende,
hast Flossen nicht und keine Hände,
die Form hat dennoch Hand und Fuß,
so schön, dass man sie loben muss.“

Der Ehering zum Hering sprach:
„Die deine steht ihr in nichts nach.
Du bist so göttlich konstruiert,
dass man ein wenig neidisch wird,
kannst rasch durch stille Wasser gleiten,
schwimmen oder wellenreiten.“

Ob Neptun oder gar Poseidon,
ich denk, das ist hier einerlei schon,
der Meeresgott kann es nicht leiden,
wenn zwei, wie hier wohl diese beiden,
sich gegenseitig arg beneiden
Er ließ im wilden Meeresrauschen
sie Rollen und Gestalten tauschen.

Hei, da verwirbeln sich die Gräten,
die sich in sich und so verdrehten,
und schon nach wenigen Sekunden
begann der Hering sich zu runden
bis endlich vor des Meeres Küste
sein Maul die Achterflosse küsste.
Und weil Ringe rund sein müssen
hat er sich in den Stert verbissen.

Auch mit dem goldnen Eheringe
geschahen wundersame Dinge,
als echte Kiemen und auch Flossen
förmlich aus dem Golde sprossen.
Und so ein rechter Heringsstert
ist im Wasser nicht verkehrt.

Und eins, zwei, drei in Bausch und Bogen
ward der Rollentausch vollzogen.

II. Das Los des Eherings

Erst ritt er fröhlich durch die Fluten
in einem Meer von Angelruten
und zappelt bald schon, wie obskur,
am Haken einer Angelschnur.

Es war, weil sich das Schicksal wendet,
der Ehering schon bald verendet,
als Rollmops rund und formvollendet
in einem Einmachglas geendet.

In Salz und Essig eingelegt
gilt er, bei jedem der´s verträgt,
als marinierter Heringslappen
fürwahr als delikater Happen.

III. Des Herings Los

An Land gespült von einer Welle
lag er an exponierter Stelle
silberblau im heißen Sand,
wo eine Klofrau ihn dann fand,
die ihn als Ehering erwählte,
als sie sich bald darauf vermählte.

Neulich beim Latrinen scheuern,
ich sah ihr zu, ich kann´s beteuern,
als sie just ihre Schürze band,
glitt der Ring ihr von der Hand
und verschwand, ach wie banal,
in dem Abwasserkanal,
schwamm so inmitten von Fäkalien
unterirdisch gen Italien
jedoch in einem Element,
dass er seit früh´ster Jugend kennt.

IV. Epilog und Moral

Letztlich auf die gleiche Weise
gingen beide auf die Reise.
Irgendwo, ich will es hoffen,
haben sie sich wohl getroffen.

Zur Moral hier nur so viel:
Üb Vorsicht auch beim Rollenspiel!

2015

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Kommentare

21. Sep 2015

Vielen Dank, Angélique.
PS: Deine vertonten Gedichte haben mir ebenfalls sehr gut gefallen. Großartig gemacht.