VORSTELLUNGEN VON KRIEG UND FRIEDEN IN DER US-AMERIKANISCHEN ROMANLITERATUR - Page 5

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den identifikatorischen Schockeffekt beim sensationslüsternen Konsumenten baut, der das grauenvolle Schicksal der Romanfiguren ohne Gefährdung des eigenen Lebens als Unterhaltungslektüre rezipiert. Auch ein Gutteil der Romane über Korea und Vietnam sind dieser Kategorie zuzurechnen.
Neben einer großen Zahl unreflektiert-bejahender Siegerliteratur gibt es auch eine - im Vergleich zum 1. Weltkrieg - zahlenmäßig merklich größere Zahl von kritischen Werken. Sie stellen zwar die Berechtigung des Kriegs nicht grundsätzlich in Zweifel, warnen jedoch mit z. T. bemerkenswerter Schärfe vor faschistoiden Tendenzen in der amerikanischen Gesellschaft, insbesondere innerhalb der Armee. Sie sehen die Gefahr, daß auch in den USA jene Situation eintritt, wie sie des öfteren in der Geschichte als Folge einer durch Kriege erstarkten Militärstruktur zu beobachten ist: "Geschaffen für die Kriege, für die sie benötigt wurde, schafft sich nun die Maschinerie jene Kriege, die sie braucht."12 Bedenkt man die generelle Atmosphäre nach 1945 - USA als Sieger und Weltmacht, dann die Jahre des 'Kalten Kriegs' und des Wettrüstens - so muß es wohl als Zeichen intellektueller Aufrichtigkeit angesehen werden, daß Autoren wie Norman Mailer, John Hersey, Stefan Heym, John Hayes, oder Irwin Shaw überhaupt selbstkritische Romane zu Papier brachten. Alle diese Autoren sind von den kritisch-liberalen Strömungen der '30er Jahre in den USA beeinflußt und reagieren sensibel auf Anzeichen totalitärer und hierarchischer Machtstrukturen in der amerikanischen Demokratie; sie sehen die Armee als notwendiges Übel an und sind grundsätzlich gegen Krieg, können aber nicht umhin, diesen speziellen Krieg als Mittel zum Zweck gutzuheißen. Ähnlich wie bei Dos Passos zeigt sich auch in ihren Werken vielfach die Überzeugung, daß in der Extremsituation des Kriegs die Schwächen der amerikanischen Gesellschaft besonders deutlich zutage treten.
Als dritte Gruppe von Werken zum 2. Weltkrieg stehen, mit einigem zeitlichen Abstand, Romane wie jene von Joseph Heller (Catch-22, 1961), Kurt Vonnegut (Mother Night, 1967; Slaughterhouse-Five, 1969), und Thomas Pynchon (Gravity's Rainbow, 1973), die eine neue Form der satirisch-kritischen Protestliteratur begründen, was sich auch in Erzähltechnik und Sprachgebrauch niederschlägt. Ich werde abschließend, nach einem Überblick über die Literatur zum Vietnamkrieg, noch näher auf die Besonderheiten dieser Werke eingehen. Auch Norman Mailers Roman Why Are We in Vietnam?, 1967 erschienen, zählt bis zu einem gewissen Grad in diese Kategorie und macht deutlich, daß die gesellschaftlichen Umwälzungen in den USA der 1960er Jahre als soziokultureller Kontext dieser Werke mitzudenken sind: Bürgerrechts-bewegungen, Black Power, jugendliche Gegenkultur (Hippies, Flower Power), und die wachsende Anti-Vietnam Protestbewegung sind Ausdruck eine Reaktion auf die konformistisch-nationalpatriotische Stimmung der '50er Jahre. Dies äußert sich auch im wachsenden Unbehagen mit der Macht des "military-industrial complex" und in einer oft radikalen Kritik an der Verschränkung von szientistischem Fortschrittsdenken und Rüstungsindustrie, oft eingebettet in eine generelle Kritik an der als allzu materialistisch angesehenen amerikanischen Konsumgesellschaft.

DER VIETNAMKRIEG
Die Romanliteratur zum Vietnamkrieg - dem ersten Krieg, aus dem die USA nicht als Sieger hervorgingen - zeichnet sich durch mehrere Charakteristika aus:
Erstens dadurch, daß von Anfang an eine deutliche Spaltung in Werke für bzw. gegen den Krieg erkenntlich ist und spätestens seit der Tet-Offensive 1968 die Gegenstimmen deutlich zunehmen.
Zweitens - und dies ist zunächst überraschend - finden sich trotz dieser Spaltung in zwei Lager nur wenige Romane, die sich ausführlich mit der ideologischen, politischen und moralischen Rechtfertigung des Kriegs befassen. Die Erklärung liegt teilweise darin, daß dieser Konflikt in anderen Medien - Presse, Radio und Fersehen, Dokumentationen und Reportagen, Memoiren und publizierten Tagebüchern - in einem Maße öffentlich ausgetragen wird, daß die Romanschriftsteller davon weitgehend Abstand nehmen. Aus den sechziger Jahren findet sich lediglich John Brileys The Traitors, 1967, und aus der jüngeren Zeit ist John Del Vecchio's nicht ganz gelungener Versuch, ein naturalistisches Epos über Vietnam zu schreiben (The 13th Valley, 1982), zu erwähnen.
Drittens finden es amerikanische Autoren schwierig, den Krieg überhaupt in Romanform zu bringen: es fehlte diesem Krieg eine Struktur, die sich der traditionellen Form der Erzählung mit Beginn, Mitte und Ende mit chronologischem Handlungsverlauf anpaßt.
Viertens schließlich, und zusammenhängend mit dem vorher Gesagten, stellt sich den Autoren in der immer stärker multi-medialen Informationsgesellschaft in bisher noch nicht dagewesener Schärfe das Problem, welche der vielen konkurrierenden "stories" sie zum Gegenstand eines Romans machen sollen. Michael Herr, der sich für seine ausgezeichnete journalistische Arbeit Dispatches (1977) zahlreicher literarischer Techniken bedient, die für einen Korrespondenten eher ungewöhnlich sind, faßt das Problem recht anschaulich zusammen:

Die offiziellen Sprecher sprachen in Worten, die keine Kaufkraft als Worte hatten, in Sätzen ohne Hoffnung auf Sinn in einer normalen Welt; und wenn auch vieles davon von der Presse scharf angezweifelt wurde, so wurde doch alles berichtet. Die Presse bekam alle Fakten (mehr oder weniger), sie bekam zu viele Fakten. Aber sie fand nie eine Art, sinnvoll über den Tod zu berichten - und das war es ja, worum es eigentlich ging. Die abstoßendsten, durchsichtigsten Verschleierungen inmitten all des Tötens wurden ernsthaft in Zeitungen, Radio und Fernsehen gebracht. Der Jargon vom Fortschritt wurde uns wie Gewehrkugeln ins Hirn geschossen, und wenn man schließlich durch alle Geschichten aus Washington und aus Saigon, alle Anderen Kriegsgeschichten und die Skandalgeschichten und die Geschichten über die steigende Effizienz der südvietnamesischen Armee - wenn man durch all diese Geschichten durchgewatet war, dann waren das Leiden und die Greuel irgendwie uninteressant geworden. Und nach so vielen Jahren in diesem Zustand, so vielen, daß man glaubte, es wäre schon immer so gewesen, da erreichst du einen Punkt, an dem du abends beim Radio sitzt und der Sprecher sagt, daß die amerikanischen Verluste in dieser Woche die niedrigsten seit sechs Wochen sind, nur achtzig Soldaten sind im Kampf gefallen, und du fühlst dich, als ob du gerade ein Sonderangebot gekauft hättest.13

Was Herr, ein professioneller Journalist und Berichterstatter, hier formuliert, zeigt sich vielfältig auch in den Versuchen weniger literarisch geschulter Vietnamveteranen, ihre Erlebnisse in eine sinnvolle, zusammenhängende Geschichte zu verpacken. Die meisten scheitern daran und begnügen sich mit tagebuchartigen Memoiren, in der Hoffnung, daß die aufgezählten Fakten gleichsam "für sich selbst sprechen". Einige Autoren, wie z. B. Tim O'Brien in einem der besten bisher erschienenen Romane über Vietnam, Going After Cacciato (1978), setzen kunstvolle Erzähltechniken ein, um den Kriegserlebnissen seiner Helden einen Sinn zu verleihen, der über die bloße

Veröffentlicht / Quelle: 
Zeitschrift für Literatur- und Theatersoziologie 10 (März 2014), 80-99.

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