VORSTELLUNGEN VON KRIEG UND FRIEDEN IN DER US-AMERIKANISCHEN ROMANLITERATUR - Page 6

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und zufällige chronologische Abfolge von Ereignissen hinaus einen übergreifenden Bedeutungszusammenhang ergibt. Der Roman erzählt die Geschichte der Jagd nach dem Deserteur Cacciato, der eines Tages beschließt (ähnlich wie Hemingways Lt. Henry in A Farewell to Arms, oder Orr in Hellers Catch-22), den Kriegs zu verlassen und von Vietnam nach Paris zu marschieren. Als Erzählbewußtsein fungiert der 19-jährige Soldat Paul Berlin, und der Akt des Erzählens erweist sich als ein Dialog zwischen einem ‘faktischen’ Erzählstil á la Hemingway und einem ‘fabulierenden’ der Postmoderne, mit dem Ziel, dem jugendlichen Erzähler Orientierungshilfe in einer fremdartigen Welt zu bieten, in der er seit seiner Ankunft in Vietnam verloren ist.
Going After Cacciato kann als Versuch gesehen werden, durch die Überblendung der beiden Diskursebenen von Erinnerung und Imagination die modernistische Position von der Subjekt/Objekt-Opposition zur postmodernen Auffassung von der allein sprachlich konstitutierten Wirklichkeit in Beziehung zu setzen. Jede Auffassung für sich erstellt ein einseitiges Verstehensmodell, das einer integrierenden Bewältigung von Umwelterfahrung nicht gerecht werden kann. Ein wechselseitiges Durchdringen beider Diskursmodi hingegen vermittelt zumindest einen bescheidenen Erkenntnisgewinn und steht zugleich, in übergreifendem Sinn, als Bild für die Notwendigkeit, die Bedeutung von 'Fakten' stets aufs neue imaginativ in Frage zu stellen, ohne davon jedoch eindeutige Antworten zu erwarten. Im Laufe der Auseinandersetzung mit anderen (literarischen) Texten finden in Going After Cacciato auch Referenzen aus verschiedenen Codes des weiteren US-amerikanischen kulturell-politischen Spektrums Eingang, die durch ihre Kombination neue Bedeutungsebenen erschließen. Dazu zählt vor allem die Wahl von Paris als Flucht-Punkt der imaginativen Reise: sie ermöglicht eine kontextualisierende Verweisdichte, deren Vielfalt merklich über jene z. B. der Schweiz bei Hemingway, Schwedens bei Heller, oder Tralfamadores bei Vonnegut hinausgeht. O'Brien evoziert das 'literarische Paris' der "lost generation" in der Zwischenkriegszeit ebenso wie das Parisbild der nächsten Generation von Amerikanern (jener von Paul Berlins Vater), die als Befreier im 2. Weltkrieg die Stadt an der Seine durch die romantisierend-erotische Brille sehen ("Notre Dame", "Montmartre", "The Follies Brassiere"[!]), und konfrontiert diese Klischees mit dem aktualpolitischen Geschehen der Vietnamkonferenz in 1968. Dieses erinnert u. a. an die kolonialpolitische Vergangenheit Frankreichs und auch daran, daß die amerikanischen Kolonien selbst im Jahre 1783 in Paris ihre Unabhängikeit vom englischen Mutterland vertraglich bestätigt erhielten. Aus dem Bezug auf die geschichtlichen Beziehungen zwischen Frankreich und den U.S.A. erwächst die historische Ironie, daß jene beiden Staaten, deren revolutionäre gesellschaftliche Veränderungen im 18. Jahrhundert als beispielhaft für Freiheit und Selbstbestimmung angesehen wurden, einander im 20. Jahrhundert in Indochina in einem Krieg ablösen, der zwar im Namen derselben Ideale geführt wird, in seiner moralischen und politischen Rechtfertigung jedoch mehr als zweifelhaft erscheint.
Eingebunden in diesen politischen Kontext ist schließlich auch ein kulturgeschichtlicher, der einen zentralen Mythos des amerikanischen Selbstverständnisses aufgreift und in Frage stellt. Die imaginative Reise nach Paris gerät zur ironisierenden Inversion des amerikanischen "Westward Movement": konsequent fortgesetzt, führt "Going West" über die ursprünglichen Grenzen der nordamerikanischen Binnenkolonisation hinaus nach Asien und zurück nach Europa. Teil dieser Anspielung auf die zeitgenössische globale Machtposition der U.S.A. ist die Einsicht, daß die traditionellen Mythologeme der Westwärtsbewegung - Zivilisationsflucht, "jungfräuliches Land", "Pioniergeist", Freiheit von der Last der (europäischen) Geschichte - vom Lauf der historischen Entwicklung überholt wurden und ihr historisches Erklärungspotenzial verloren haben. Die Reise nach Paris auf der Suche nach Cacciato, dem enigmatischen Symbol amerikanischer "Unschuld/Ignoranz", findet - mit all ihren "Ereignissen" aus der amerikanischen Geschichte - nur in der Imagination statt und läßt am Ende das Ziel selbst -und damit auch die Erwartungen der Reisenden - als illusionäre Abstraktion erkennen.
Das zentrale Problem der Sinnhaftigkeit, das unter dem Eindruck des Vietnamerlebnisses in noch nie dagewesenem Ausmaß sich stellt, tritt auch in den bereits erwähnten satirischen Werken zum 2. Weltkrieg (Heller, Vonnegut, Pynchon) zutage. In unterschiedlicher Gestalt nimmt es die Form einer oft radikalen Infragestellung gültiger gesellschaftlicher Normen an; der Krieg wird in diesen Texten immer mehr zum "Prä-Text", zum aktuellen Anlaß und zugleich zum literarischen Sinnbild für eine Welt, in der die traditionellen Unterschiede von Krieg und Frieden immer stärker zu verschwimmen drohen. Ehemals kriegsspezifische Verhaltensweisen erscheinen nunmehr als Varianten grundlegender Konlfiktlösungsmuster, die sich auf einer Skala von verbaler individueller Agression bis zur staatlich organisierten und sanktionierten militärischen Gewaltanwendung einordnen bzw. verschiedenen Systemen zuordnen lassen. Aus einem Bewußtsein der Allgegenwärtigkeit des Kriegs bzw. individueller und kollektiver Gewalt spricht durchgehend ein Gefühl existenzieller Unsicherheit und Bedrohung, und das gesellschaftskritische Element in diesen Texten vertieft sich zur Frage nach den Möglichkeiten einer menschenwürdigen Existenz des Individuums in einer Welt, in der Gewalt und moralische Indifferenz zu legitimen Mitteln machtpolitischer Manipulation geworden sind und mit beängstigender Selbstverständlichkeit im Alltagsleben auftreten. Die Soziologin R. E. Canjar umreißt diesen Zustand im Zeitalter der hoch- bzw. postindustriellen Massengesellschaft wie folgt:

Kurz gesagt, Krieg ist keine emotionale, moralische oder politische Verirrung; er ist vergesellschaftete Reproduktion von Gewalt und ihr Einsatz als Staatsmonopol. ¶...§ Kollektives Leben wie auch kollektiver Tod werden materiell durch gesellschaftliche Mittel produziert. Dies sind die wahren Gründe für die Entstehung von Phänomene wie dem "millitary-industrial complex". Es hat nichts mit Verschwörungen zu tun, sondern ist das natürliche Ergebnis von Produktionsprozessen in denen Mittel, Methoden, Arbeitskraft, Technologie und Organisation zugleich der Produktion von Leben und der Produktion von Tod dienen, ohne immer auf den Unterschied zwischen beiden zu achten.14

Diese recht nüchternde Definition scheint mir insbesondere auf die drei jüngsten grösseren militärischen Aktionen der USA - Golfkrieg 1991, Afghanistan Intervention 2002, und den Irakkrieg 2003 anwendbar. Zu keinem dieser Kriege gibt es bisher meines Wissens amerikanische Romane, die über persönliche Memoiren oder die üblichen Abenteuergeschichten hinausgehen; der Grund dafür liegt z. T. in der Kürze der jeweiligen Kriegshandlungen bzw. dem geringen zeitlichen Abstand dazu, zum Teil auch darin, dass in unserer elektronischen Mediengesellschaft zunehmend andere Erzählformen, wie Spiel- oder Dokumentarfilme, aktuelle Ereignisse einem breiten Publikum nahebringen. (Desert Storm, Desert Fox als sog. Dokumentationen; The Three Kings als Spielfilm zum Golfkrieg, etc.) Zu untersuchen sind hier daher vor allem offizielle Stellungnahmen sowie Memoiren und Blogs der US-amerikanischen Soldaten.
Nun bestand beim Golfkrieg 1991 und beim Krieg gegen das Taliban-Regime in Afghanistan 2002 weitgehende internationale wie auch inneramerikanische Übereinstimmung in Sachen Rechtfertigung. Die offizielle Rhetorik bediente sich der

Veröffentlicht / Quelle: 
Zeitschrift für Literatur- und Theatersoziologie 10 (März 2014), 80-99.

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