Abendlied (Der Mond ist aufgegangen)

von Matthias Claudius
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Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!

Das Abendlied („Der Mond ist aufgegangen“) ist ein Gedicht von Matthias Claudius, das zu den bekanntesten Werken der deutschen Literatur gehört. Es wurde zum ersten Mal im Musenalmanach für 1779 herausgegeben von Joh. Heinr. Voss veröffentlicht.

Das Gedicht besteht aus sieben sechszeiligen Strophen. Das Reimschema ist dabei [aabccb], der jeweils dritte und sechste Vers bilden also einen Schweifreim. Das Versmaß wird in der Regel als dreihebiger Jambus interpretiert, wobei der jeweils letzte Vers einer Strophe vierhebig ist. Einige Interpreten gehen jedoch davon aus, dass sämtliche Verse als vierhebig aufzufassen sind, und berufen sich dabei unter anderem auf verschiedene Vertonungen des Gedichts.

„Der Mond ist aufgegangen“, Illustration von Ludwig Richter (1856)

Video:

Eines von Altkanzler Helmut Schmidts Lieblingsliedern, wünschte er sich das Abendlied von Matthias Claudius auch auf seinem Staatsbegräbnis am 23.11.2015

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