Das dicke Blut des Winters ...

von Annelie Kelch
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O Sturm, der sich durchs dicke Blut des Winters wühlt,
An hellen Fenstern rüttelt, die des Nachts nicht schlafen,
Der dunkle Wasser und Matrosen an die fremden Küsten spült,
Während die Finsternis ans Herz der Möwen greift im Hafen,

Während mein Geist, befreit, dir tausend Dinge sagen will:
Du hast geschlafen wie ein Stein, derweil ich starb, mein Lieb ...
Hier auf dem Friedhof träumt der Schnee Laternenträume, winterstill.
Und schrieb ich, dass man mich erschossen hätt, wird eine Meute
Mich ausbuddeln und posthum wohl durchlöchern wie ein Sieb.

Unter den Schiffen seufzt das Eis, weil es zerfließen muss,
Gefroren sind die Straßenschatten, harren auf den Morgen …
Der Mond gibt seiner Nacht den letzten langen Abschiedskuss,
Wird sich vorm Schlafengehen Silber von den Sternen borgen.

Ich gehe jetzt hinunter in die Gruft und bette mich in meinen Sarg.
Durchs kahle Haupt der Pappel fliegt der schwarze Vogel Tod.
Woran ich starb? – Ich weiß es nicht, lass nur nicht locker, frag ...
Aufblitzen wird ein Zeichen, und der Krug findet allein zum Brunnen:
Schöpft Wahrheit dir ans Licht des frühen kalten Morgenrots.

Privates Foto: Hamburger Hafen, bearbeitet mit einem Bildprogramm
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Kommentare

03. Jan 2019

Nicht nur das Winterblut ist dick -
Der Text birgt Inhalt - mit Geschick ...

LG Axel

03. Jan 2019

Dank Axel, Dir, dass Du hast aufs Gedicht geblickt;
denn dieser Blick war - wie fast immer - sehr geschickt.

LG Annelie

03. Jan 2019

Ein Wintergedicht mit Tiefgang, gefrorene Straßenschatten, das dicke Blut des Winters, der Mond gibt seiner Nacht den Abschiedskuss, wird sich vorm Schlafengehen Silber von den Sternen borgen ... ganz besondere, starke, poetische, so noch nie vernommene Anneli Formulierungen, die mich beeindrucken … danke!

liebe Grüße - Marie

03. Jan 2019

Dank Dir ganz lieb, Marie, das dicke Winterblut -
verliert bei Deinem schönen Kommentar den Mut.
Wenn 's schon nicht schneien will,
könnt's ruhig ein bisschen wärmer sein im Augenblick:
Auch bricht die Kälte wohl gar vielen
Wohnungslosen das Genick.

Liebe Grüße,
Annelie

03. Jan 2019

Ungewöhnliche Sprachbilder , den beinah surreal geschilderten Situationen angepasst, die das lyrische Ich durchlebt. Eine ganz
andere Welt schaffst Du hier, liebe Annelie. Ein intensives Leseerlebnis ist das für mich. LG Ingeborg

03. Jan 2019

Liebe Ingeborg, das hört sich ganz hervorragend an: "... den beinah surreal geschilderten Situationen angepasst, die das lyrische Ich durchlebt ... " - eine ganz wunderbare Aussage, die man ohne weiteres so oder in anderer Form in dem Buch "Die Logik der Dichtung" der Käte Hamburger finden könnte. Ein sehr gutes Buch, sobald man sich angefreundet hat mit der leichten Sprödigkeit der Darbietung. Dieser Satz ist mindestens so gut wie ein hervorragendes Gedicht. Vielen herzlichen Dank für diese wohlwollende Einschätzung. Und Freude signalisiere ich Dir, weil Du meine Zeilen als Leseerlebnis empfunden hast.

Ganz liebe Grüße zu Dir,
Annelie

04. Jan 2019

Eindringlich und bildhaft wird mir der Winter beim Lesen Deiner Poesie fühlbar. Oh, Annelie, Deine Gedichte gehen unter die Haut.
>Unter den Schiffen seufzt das Eis, weil es zerfließen muss,
Gefroren sind die Straßenschatten, harren auf den Morgen …<
Starke Worte, die spontan Stimmungen erzeugen. Absolut fesselnd.

LG Monika

04. Jan 2019

Liebe Monika, diese Zeilen haben ihren Ursprung zumeist noch in meiner Erinnerung ... weil ich in der Nähe des Glückstädter Hafens fast achtzehn Jahre gelebt habe. Der Sturm, das Eis auf der Mole, die zur Ruhe gekommenen Schiffe: Das war "mein Winterhafen" in Glückstadt - so geht es im Winter auch im Hamburger Hafen zu, allerdings in einer anderen Dimension. Vieles muss ich einfach immer mit der Hafenatmosphäre verbinden, weil sich dieses (Stadt)bild tief in mein Gedächtnis gegraben hat. Ich freue mich so sehr, dass Dir auch dieses Gedicht gefallen hat, obwohl, wie ich annehme, Du möglicherweise gar nicht viel mit Häfen "am Hut" hast, weil Du in einer ganz anderen Gegend aufgewachsen bist. Ich denke auch oft, was sollen Menschen mit diesen Gedichten anfangen, die immer in den Bergen gelebt haben; aber dann stelle ich mir ein wunderschönes Gedicht vor, das leidenschaftlich und aus dem Herzen heraus z.B. eine Alpenlandschaft schildert, die auch mich dann sicher fesseln würde. Dank noch einmal für Dein liebes Lob.

Herzliche Grüße und für Dich und Khalessi ein gesundes, frohes neues Jahr,
Annelie

04. Jan 2019

Der kalte Hafen, die kühle Gruft
Eisschollen, eisige Luft
angedicktes Winterblut –
nur der Tod, ja, er hat’s gut …

Schönes Gedicht, Annelie und dazu dein gut bearbeitetes Bild, beides zusammen ergänzt sich miteinander.
Liebe Grüße
Soléa

04. Jan 2019

Dank, Dir, Solèa, herzlich, für die lieben Zeilen
und dass Dein schönes blaues Aug' wollte verweilen
auf dem Gedicht. - Im Winter sterben wir wohl alle ein ganz kleines Stück
und wünschen uns den Frühling bald zurück.
Jedoch der Winter hat ein ziemlich dickes Fell;
verschwindet langsam meist, legt wenig Wert auf "schnell".

Liebe Grüße,
Annelie

04. Jan 2019

Erfrischend, Alf, kommt mir Dein kurzer Kommentar,
dass ich mir heut die Abenddusche spar.
Bin ohnehin zum Umfalln müde wie ein Hund:
Das schaffte Kaiser Maximiliam, einst Herzog von Burgund*.

*Super Historienfilm im 3sat, dreiteilig.

LG Annelie

04. Jan 2019

Oha, was für ein meisterliches, poetisches Schwergewicht, liebe Annelie!
Deine durchdringende Sprachgewalt ist sehr beeindruckend, faszinierend und hinterlässt schillernde Spuren! Ich ziehe meinen Hut!

Herzliche Abendgrüße,
Ella

04. Jan 2019

Dank Dir ganz herzlich, liebste Ella, Du trägst einen Hut ...?
Könnt' ich es sehen, würd ich sagen: Der steht Dir supergut.
Fast überwältigt hat mich grad Dein großes Lob,
dass ich mein Glas mit Tee aus Heidelbeern grad auf Dich hob!

Lieb grüß ich Dich in Deinen Abend,
dass er erquickend für Dich sei und labend,

Annelie

04. Jan 2019

Mit Wintergedichten kriegt man mich immer.
Und wer in einer Glücksstadt einen Hafen fand,
ist von einem ganz anderen Seelenland.

LG. Waldeck

04. Jan 2019

Ja, so ein Hafen, lieber Waldeck, schleicht sich schnell in Kinderherzen,
löst sehr oft Fernweh aus, bereitet dann auch Schmerzen.
Auch ich wollte als blinde Passagierin einmal mit an Bord.
Hielt 's kaum daheim noch aus und wollte fort.
Hätt es geklappt, dann lebt ich jetzt wahrscheinlich in Shanghai
mit 'nem Chinesen namens "Tanbowei".

LG Annelie

05. Jan 2019

Liebe Annelie,

was kann ich schreiben, was noch nicht über Dein feinsinniges, sprachlich schwingendes und inhaltlich in die Tiefe (ver)führendes Gedicht geschrieben wurde? ... Vielleicht noch: Wirklich wunderbar!

Liebe GRüße

Mara

05. Jan 2019

Liebe Mara, ich freue mich sehr über Deine Worte. Sie erzählen mir, dass mein Gedicht bei Dir angekommen und ganz offensichtlich hervorragend interpretiert wurde. - "Unser Hafen im Herbst" ... so lautete mal eine Hausaufgabe im Deutschunterricht. - "Melden - zum Vorlesen", hatte die Lehrerin unter meinen geschrieben, den sie mit "1" bewertet hatte. Das war ein Graus für mich, dieses Vorlesen ... in den letzten Bänken schrien sie meistens: "Lauter, lauter ...." - Ich war damals eher schüchtern, wenig von meinen Fähigkeiten überzeugt, und meine Stimme war immer ziemlich leise.

Liebe Grüße,
Annelie

05. Jan 2019

Finster ist dein Text, liebe Annelie, und kalt. Ein Gedicht vom Sterben, vom Tod, in faszinierenden Bildern. Plastisch, poetisch, voll Magie. Auch ich ziehe meine Strickmütze vor soviel Imaginationsvermögen und Wortkunst.

Liebe Grüße, Susanna

05. Jan 2019

Liebe Susanna,
Kalt(!) wirkt in manchen Wintern gar so mancher Hafen,
wenn, leblos, auf den schwarzen Wassern unbemannte Frachter schlafen,
die Möwen überirdisch schreien, kurz vorm Hungertod
und sich zurück in andere Sphären zieht jedwedes Morgenrot.

Ich danke Dir ganz herzlich für Deinen lieben Kommentar,
Imagination? -Ein wenig wohl - das Hafenbild ist wahr.
Fröstelnd gingen wir Sonntags oft nach einem Spaziergang
vom Hafen nach Hause. Meist den Deich entlang, darauf das
letzte Gras den ganzen Tag im Raureif lag.

Ganz liebe Grüße zu Dir und ein wunderschönes Wochenende,
Annelie

08. Jan 2019

Kalt und heiß ward mir, Flammen und Eis aus deiner Hand, aus deinem Geist, aus deiner Seele, nein, aus deinem ganzen Leib, deinem Sein, Können, Erfahrenem, aus deinem Anneliewesen.
Lieber Gruß und noch viele dazu, solange es mich erinnert, wie du fühlst und schreibst.
Uwe

08. Jan 2019

Dank Dir ganz herzlich, lieber Uwe, dieser Kommentar ist shakespearereif ...
Es geht ein Zauber davon aus, als würden tausend Seelen singen.
Dein Gruß hat mich erreicht - aus fernem Land ein warmer Nebelstreif.
Mit Deiner Poesie und Liebenswürdigkeit wirst Du es weit noch bringen.

Liebe Grüße,
Annelie

08. Jan 2019

Eindringlich eingedrungen:
Helldunkel dick und kalt
schimmern Laternenhafenträume
Im ausgebuddelten durchsiebten
Schiffersnetz am Strand verwinde
wie ein geborgter Schatten
silberschimmernden Abschied
im Jahreskahl den locker erkälteten Tod
das Zeichen der frühspäten Morgenwahrheit.

LG Yvonne

08. Jan 2019

Dank Dir, Yvonne, für diese schönen Zeilen,
noch lange könnte ich darin verweilen.
Beim Schiffernetz am Strand ... helldunkle Zeit,
wenn sich das Zeichen regt im Schein
frühspäter Morgenwahrheit bin ich gern - allein.

LG Annelie