Erlaubter Totschlag

von Willi Grigor
Mitglied

Segringen, 1950

Es war kein überlegter Mord,
ich war ja noch ein Kind
in einem kleinen Bauernort,
wo wir im Krieg gestrandet sind.

Es war ein erlaubter Totschlag
mittels Schlag mit einem Holzbeil.
An einem Nachkriegs-Frühlingsmontag
beging ich furchtlos dieses Unheil.

Ich hatte meine Instruktionen
vom Bauer, der das oft schon machte.
Er will mich dafür auch belohnen,
sagte er, wobei er lachte.

Dann ging alles ziemlich schnell:
Mit den Händen wie ein Schraubstock
hält er die Henne auf dem Hackblock.
Ich heb das Beil - mach jetzt nicht schlapp -
es fällt nach unten, der Kopf ist ab.
Der Bauer lobt: "Mensch, das war gut",
die Henne flattert, aus ihr spritzt Blut.
Der Bauer reicht mir dann das Huhn,
ich nehme es, was soll ich tun?
Ich lass es auf den Boden fallen,
es flattert, landet auf den Krallen.
Ohne Kopf es weiter läuft,
und läuft und läuft, und läuft und läuft.
Ein seltsam Rennen, ich bekenne:
zwei Menschen gegen eine tote Henne.

Nach einer Hundertmeterstrecke
war in einer Gartenhecke
dieser Geisterlauf vorbei.
Der Bauer schaut, gleich einem Denker,
und sagt zu seinem Aushilfshenker
mit dunkler Stimme, etwas bleischwer:
"Dieses Huhn legt jetzt kein Ei mehr".

Am nächsten Tag kam die Belohnung:
In der bäuerlichen Wohnung
gab es vom Huhn ´ne fette Suppe.
Wie es starb, das war mir schnuppe.

© Willi Grigor, 2014
Aus dem Leben

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Interne Verweise

Kommentare

05. Apr 2016

Du warst damals schon etwas älter, ich war 7 Jahre. Der Spass, den sich der Bauer mit mir gemacht hat, hat sich in mein Gedächtnis als ein tolles Erlebnis eingebrannt.

LG
Willi

Paola Keren
09. Apr 2016

Zeugin eines solchen Totentanzes bin ich auch einmal gewesen. Noch ein Kind in - damals - Ostpreußen. Es hat mir lange Albträume verursacht, vergessen hab ich es bis heute nicht. Die Lektüre des Gedichtes verschuf mir durch seine Eindringlichkeit Gänsehaut.
Paola,

10. Apr 2016

Ja, gewisse Erlebnisse trägt man mit sich.
Danke für den freundlichen Kommentar.

Liebe Grüsse
Willi

01. Aug 2017

Lieber Willi, dieses noch kopflos aktive Federvieh könnte man auch Störtebekerhuhn nennen.

Liebe Grüße ... von einser ständig älter werdenden Frankfurterin - Marie

01. Aug 2017

Weil der Störtebeker auch ohne Kopf noch rumgelaufen ist?
Es freut/ehrt mich, dass du dir meine "alten" Dinger anschaust.

Liebe Grüße von einem, der auch nicht jünger wird.
Willi