Zeitlose Endlichkeit

von Anouk Ferez
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Unser Märchen – es liegt noch auf deinen Lippen,
wispert mir von ›einst‹, erzählt von ›bald‹,
drauf erklimm ich leis den Bogen deiner Rippen:
Herzwärts – heimwärts. Bis dein Atem in mir schallt.
Eva ist aus Adams Fleisch gemacht.

Ist’s denn wahr? Ist’s jetzt? Ist’s nur ein sich-besinnen,
denken über was vor ›Tod‹ und ›scheiden‹ lag?
Stund um Stund fühl ich die süße Mär verrinnen.
›Zeitlos schön‹. Sagtest Du. Schon schwärzt der Tag.
Blut pulsiert und nährt die Nacht.

Kann man das, was war, denn jemals halten?
Zwingt die Zeit nicht alles Fleisch und jeden Geist
in die Knie? Sich beugen den Naturgewalten …
Sag mir: Welkt selbst das, was ›Liebe‹ heißt?
Zeit ist gottgewollt ein Abwärtsschacht.

Eva ist aus Adams Fleisch gemacht.
Blut pulsiert und nährt die Nacht.
Zeit ist gottgewollt ein Abwärtsschacht.
›Einbahn!‹ ruft der Teufel aus und lacht.
Tod ist ALLEM zugedacht …

Anouk Ferez, Sept 2016

Veröffentlicht / Quelle: 
Jahrbuch, Frankfurter Bibliothek 2016

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Kommentare

06. Okt 2016

Chapeau, ich ziehe meinen Hut. Hab mich auch schon auf deiner Homepage umgeschaut und zolle dir Respekt.

Liebe Grüße & ein schönes WE

Susan

07. Okt 2016

Liebe Susan, ich danke Dir sehr fürs Lesen und Kommentieren. Respekt..puh - ob ich dem gerecht werden kann?
Ich schreibe auf jeden Fall weil's mir Spaß macht...in den Bereich der Lyrik habe ich mich erst vor zwei Jahren gewagt.. ob's "gut" ist...keine Ahnung, ich habe noch nie wirklich darüber nachgedacht. Spaß macht es jeden Fall und es gibt mir viel, meine Gedanken niederzuschreiben und die Gedanken anderer zu lesen. lG, Anouk

07. Okt 2016

Ein sensibles und schönes Gedicht, eben reine Poesie. Das biblische Märchen, an das ich als Kind glaubte, Eva als Adams Geschöpf aus seiner Rippe, lässt mich allerdings schmunzeln, da dies sicherlich dem Wunschdenken eines männlichen Gehirns entsprungen ist. Dennoch mag ich Märchen. Und dieses Gedicht verzaubert.
Mit guten Wünschen und Grüßen. Monika

07. Okt 2016

Liebe Monika,
ja, genau darauf spiele ich an: auf die Sache mit der Rippe. Bloß muss man des Reimes und des Rhythmus wegen manchmal den Inhalt ein wenig modifizieren. Nun, eigentlich könnte man lang darüber diskutieren, sagen, dass es umgekehrt wäre, dass auch ein männliches Wesen dem Leib eines weiblichen Wesens entsprang..
Ich fühlte bloß, dass wenn man sich liebt und in inniger Umarmung liegt, dass man im Überschwang das Gefühl bekommt, so gut zusammen zu passen, dass man meint, eins zu sein. Ein "Fleisch", ein "Blut" . Und da kam mir eben aus längst vergangenen Kindergottesdienst-Tagen wieder diese alte, simple Vorstellung mit der Rippe in den Sinn..

Danke fürs Lesen und fürs Kommentieren
herzliche Grüße von
Anouk

09. Okt 2016

"Sag, welkt selbst das, was Liebe heißt?"
Ich weiß nicht, Micha. Ich glaubte stets an unsterbliche Liebe. Glaubte, sie würde alles überdauern. Ich glaubte so fest daran. Bis ich merkte, dass es äußere Umstände gibt, die Menschen so sehr in in Knie zwingen, dass sie drauf und dran sind, sich selbst zu verlieren. Und wenn man sich selbst verliert, weiß man auch nicht mehr sicher, wer der geliebte Andere wirklich ist..
lG
Anouk