Ein eher einseitiger Dialog unter "Wilden"

von Annelie Kelch
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Eines Tages werde ich dort wandern -
mit dir, Hand in Hand; ich weiß eine Menge,
du alles besser und willst mir erklären, weshalb
der Kot des Auerhahns nach Fichtennadeln duftet.

Ach ja?, fragst du und hebst tatsächlich die
Nase aus deinem Buch.

Weil er Fichtennadeln frisst, werde ich sagen,
weil er sich im Winter nur von Fichtennadeln
ernährt, sein einziges Gemüse und zugleich sein Fleisch.
Und manchmal krepiert er - verhungert,
obgleich er frisst, der Arme.
Das ist Wildnis pur und zugleich geschützt.

Wo? - Deine Stimme klingt skeptisch.
Im Bayerischen Wald, Nationalpark,
sage ich. Niemand greift ein. Man lässt die
Natur zufrieden. Auf diese Weise schützt
man die Wildnis: Ein Kommen und Gehen,
Werden und Enden. - Etwas lebt auf, ein
anderes stirbt.

Eines Tages werden wir dort wandern …
auf den Spuren des leichtfüßigen Luchs',
der Rehe reißt, sage ich. Der verhungert nicht ...

Tatsächlich?, fragst du und streichst mit einem
gelben Neonstift irgendetwas in deinem Buch an.

Überall Spuren der Zeit: Pilze, Algen ..., fahre ich
ungerührt fort, obwohl ich mir nicht sicher bin,
ob du noch zuhörst.
Morsche Brücken, Totholz: Das morbide Werk
des Bibers, sage ich. Spitze Stümpfe, an denen selbst die
Waldgeister scheitern – um Mitternacht, wenn sie
mit ihren flatternden Gewändern daran hängenbleiben.
Unheimlich, aber schön …

Hmh, hmh …! - (Du wirkst irgendwie geistesabwesend;
'absent-minded' trifft es noch besser).

Einst der Borkenkäfer, sage ich laut, Mitte der Neunziger,
fraß alles kahl, sorgte damit für natürliche Verjüngung -
durch keusche kleine Bäumchen.

Jetzt lächelst du! - Immerhin etwas!

In geschützter Wildnis werden keine Bäume gefällt
und keine Tiere geschossen – alles darf geschehen.
Die Artenvielfalt lebt auf: Tiere und Pflanzen
dürfen sich entfalten wie die Natur es vorsieht.

Keine Reaktion.

200 Menschen arbeiten im Bayrischen Wald -
zum Schutz der Freiheit in der Wildnis, fahre ich
energischer fort. Damit sich niemand einmischt und
trotzdem daran teilhaben und sich freuen kann.

Hmh, hmh ...

In vielleicht 150 Jahren erst wird man sehen,
wie sich das wunderbare Projekt entwickelt hat.
Wir reisen vorher an – wollen uns nicht einfrieren
lassen. Wir sind tausendmal lieber 'Wilde',
halten es mehr mit der Natur. -
Oder?, erkundige ich mich herausfordernd.

Einfrieren?, fragst du. Was gibt es denn heute zum
Mittag, Schatz?

Dieser Text ist entstanden, nachdem ich einen Bericht von Frank Patalong im Spiegel „Wissen“ gelesen habe. Das Magazin für ein besseres Leben. Untertitel: „Paradies Erde. Wie wir unseren Lebensraum retten“.
Mit 243 Quadratkilometern besitzt der Nationalpark Bayerischer Wald die größte Landfläche unter den deutschen Nationalparks.
geschrieben am 11.05.2017

Dieses Bild ist dem Spiegel Wissen 2/2017 entnommen
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Interne Verweise

Kommentare

11. Mai 2017

Informationen - in sehr poetischer Manier verfasst!
("Ungezähmt und ungebändigt" auch auf Krause passt ...)

LG Axel

11. Mai 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar,
nachdem in diesem wilden Wald die Borkenkäferplage war,
hat die natürliche Verwüstung erst alles auf Trab gebracht:
Was neu heranwuchs, war artenreicher als je zuvor.
Es war der Zerfall, der dieses Wunder möglich gemacht.
(Auch Krause würde sich dort wohlfühlen wie der Auerhahn;
zum Schutz der Umwelt reist man mit der Bahn).
Spaß beiseite: Es steht so einiges in diesem Heft,
z.B. dass jährl. 7 Mio Menschen an den Folgen von Luftverschmutzung
sterben, darunter 600.000 Kinder.

LG Annelie

11. Mai 2017

Ein aufschlussreicher Dialog, den du da aufgeschrieben hast, Annelie. Und ein wichtiges Thema. Je mehr Naturschutzgebiete, desto besser. Richtige „Wildnis“, also Gebiete, in die noch nie ein Mensch seinen Fuß gesetzt hat, gibt es in Deutschland ja nicht, dafür aber viele Schutzgebiete, in denen man der Natur freien Lauf lässt, in der sich auch der Luchs und stellenweise der Wolf wieder wohl fühlt. Der 92 ha große Urwald Sababurg im Reinhardswald nördlich von Kassel gehört dazu, ich kenn ihn gut. Er steht bereits seit 1907 unter Schutz und ist ein Waldbiotop, das in Mitteleuropa einzigartig ist. Das Besondere an diesem ursprünglichen Wald sind mächtige knorrigen 800 bis 1000-jährige Eichen, mehrstämmigen Buchen und meterhoher Farn. Aber auch das ehemalige Grenzgebiet zwischen BRD und DDR hat sich zu einem einzigartigen Naturschutzgebiet entwickelt.So sollte es weiter gehen ...
Liebe Grüße, Marie

11. Mai 2017

Danke für deinen Kommentar und deine wichtigen Informationen, Marie. Das ist sehr interessant. Diese Eichen und den Farn würde ich auch gerne sehen, habe noch nie von diesem Urwald gehört. Die Welt erlebt momentan das größte Artensterben seit Verschwinden der Dinos. Ich habe diesen Artikel aus Zeitmangel noch nicht lesen können; aber es steht drunter, "dass dieser Fakt unseren Kindern und Kindeskindern teuer wird zu stehen kommen". Ich finde das eigentlich unverantwortlich - auch, dass deutsche Städte die Belastung durch Abgas und Feinstaub ignorieren. Allergien haben auch aufgrund dessen in hohem Maße zugenommen. Wer nicht viel zu schleppen hat, sollte möglichst zu Fuß gehen oder öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Ich glaube, wenn ich 'Spiegel Wissen' vom ersten bis zum letzten Beitrag "verschlungen" habe, möchte ich in eine Kleinstadt mit wenig Autoverkehr - am Meer. Wusstest du, dass eine einzige Getränkedose 200 Jahre braucht, ehe sie im Ozean zersetzt wird und dass jährlich etwa 300.000 Wale und Delfine als ungewollter Beifang in den Netzen der Fischerei sterben?

Liebe Grüße,
Annelie

11. Mai 2017

Da hast du recht. Die Aufzählung unserer Versäumnisse könnte leider seitenweise fortgesetzt werden. Vielleicht ist der Planet überbevölkert. Vor allem aber begreifen wir nicht, dass die weltweiten Probleme nur im friedlichen Miteinander gelöst werden können. Jede Form von Abschottung, von nationalen Egoismen verschlimmert, beschleunigt alles. Siehe USA unter Trump. Die Devise muss ein, nicht abschotten, sondern öffnen und viel besser teilen lernen. Und unsere Gewohnheiten ändern. So lange wir billige fette Steaks auf den Tellern haben wollen, wird weiterhin Regenwald abgeholzt für Weidegebiete. Das ist nur ein Beispiel unter vielen, aber doch ein sehr einprägsames.
Liebe Grüße, Marie

Ulrich Nass
11. Mai 2017

das gefällt mir sehr sehr gut.Bin ja zumindest in manchen Aspekten ein Romantiker.
Lese momentan zum zweiten Mal 'Romantik - eine deutsche Affäre' ( R.Safranski)
Wenn dich diese sehr kurze Epoche Ende des 18. Jahrhunderts interessiert,eine echte Empfehlung
Du wirst sie alle treffen in Jena,Weimar,Leipzig.Novalis,Eichendorff,Herder,Tieck,Schlegel,Schelling,Schiller, Fichte,Goethe . . .
Der gleiche Autor hat übrigens eine faszinierende Goethe-Biografie vorgelegt und mit 'Schiller' eine
Analyse über den deutschen Idealismus verfasst,die seit einem Jahrzehnt an meinem Bett steht.
I never wanted to be and I really never will be a poet.
lG
ulli

11. Mai 2017

Vielen Dank für die guten Tipps, Ulli. Ich glaube, ich fange mit dem "Romantik-Buch" an. Ich kann dir auch einen Tipp geben, und zwar "Mein Stifter" von Arnold Stadler. - Die Goethe-Biografie von Safranski interessiert mich auch sehr. Momentan habe ich gerade mit dem "Zauberberg" von Th. Mann - auch zum zweiten Mal - begonnen, und auch den "Butt" von Grass lese ich nebenbei zum zweiten Mal, obgleich ich von vielen neuen und neuen alten Büchern umgeben bin. Ich liebe auch ganz, ganz alte Bücher, und hier in Lübeck gibt es ein wunderbares Antiquariat mit lauter Schätzen.

LG Annelie

11. Mai 2017

Zauberberg hab ich auch 2 x gelesen. War auf den Knien damals.Schiere Begeisterung.
Safranski ist ein bischen anstrengend . . . das braucht Zeit.Lohnt sich aber.
Goethe hat ca. 750 S. . . . seine Anmerkungen zuum Flüchtlingsthema, genau wie die von P.Sloterdijk sind mir bis heute ein Rätsel geblieben,schätze ich doch beide als herausragende Intellektuelle.
lG
ulli