O bittere, unbarmherzige Orange ...

von Annelie Kelch
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Sonne: Unser Tagesgestirn strahlt Freude aus, Freude und Wärme …
Jeden Tag ein bisschen mehr Wärme und ein bisschen weniger Freude.
Weil sie nicht weiß, was bald geschehen wird …?
Weil sie nicht weiß, dass ich die letzte Rakete zum Mars versäumt hab`...?

O bittere, unbarmherzige Orange ...

Ach, ich war eine Stunde zu spät auf dem Flugplatz;
der Reißverschluss an Lydias Handtasche klemmte und
musste gerichtet werden. Das ist lange, lange her ...

Lydia, meine Frau, ist mit dem Taxi vorausgefahren;
ich wollte noch unsere Katzen und den Hund mit Futter
versorgen; wir würden niemals mehr zurückkehren ...

O bittere, scheinheilige Orange …

Sie tut noch immer so, als ahne sie nichts von ihrer
verheerenden Bedeutung und dass wir Menschen in höchster Not waren.
Ich sitze meistens am Wasser, im Schatten einer dieser
Riesenbäume, unter der Traufe sich neigender Blätter.
Die Hitze wird von Tag zu Tag krasser.
Nichts, rein gar nichts wird mehr übrigbleiben nach dem Kollaps –
auch das Plutonium in unseren Atombomben nicht,
das erst nach 250.000 Jahren abgebaut worden wäre,
sofern wir keine neuen gebaut hätten.

O bittere, unbarmherzige Orange …

Selbst polychlorierte Biphenyle, krebserregende Chlorverbindungen,
die sich noch nach Millionen Jahren auf unserer Erde nachweisen ließen,
wären von heute auf morgen spurlos verschwunden.

Jetzt sind alle fort – alle: die, die ich kannte und liebte und auch jene,
denen ich stets misstraut habe.
Meine Sorge um unsere Tiere (ein Hund, zwei Katzen) und Lydias
Reißverschluss sind mir zum Verhängnis geworden.
Unsere Haustiere werden bald sterben – alle: entweder verhungern
oder von größeren Tieren gefressen.

Afrika gehört längst den Elefanten, Nashörnern, Giraffen -
und der Natur.
Sie wird sich komplett erholen – von allem, was wir ihr
angetan, wodurch wir sie gebändigt und uns untertan gemacht haben.

Wie still es jetzt überall ist – ohne den täglichen Verkehrslärm –
Autos, Flugzeuge, Züge - alles liegt brach; die Stimmen der Menschen
sind nach dem Start der letzten Rakete gänzlich verstummt.
Es gibt kein Lachen und kein Weinen mehr auf der Erde.
Ich habe mir große Gefühle abgewöhnt. Sie helfen nicht die Bohne.
Nur wenige Vögel singen noch - lauter als damals ... als alles noch in
scheinbar bester Ordnung war; sie trällern sich Mut an.

Heute Nacht wird es wieder sehr finster sein, aber ich fürchte mich
längst nicht mehr. - Alle Lichter sind erloschen; es gibt schon seit
Monaten keinen Strom mehr. Selten lassen sich Mond und Sterne blicken.

O bittere, scheinheilige Orange …

Weiter südlich ging vorgestern eine Stadt in Flammen auf.
Niemand löscht mehr die Feuer. Die Flammen werden sich durchfressen
bis ans Ende der Welt.

Gestern Morgen bin ich in einem hölzernen Kahn durch den überfluteten
Elbtunnel nach Hamburg gefahren. Eine waghalsige Reise.
Auch in der Hansestadt brennt es an allen Ecken und Enden;
aber das Rathaus steht noch und einige Häuser an der Alster sind unversehrt.
Ich bin in die Bücherhalle gerannt und habe die Werke von Frederico
García Lorca und Jehuda Amichai gerettet.
Für wen …? - Ich weiß es nicht. In weniger als 300 Jahren wird Hamburg versinken
wie einst Rungholt - wegen der Flußmündung.
Aber so, wie es jetzt aussieht, wird die Sonne auch das verhindern und
die große Stadt in einem Atemzug auslöschen ...

O bittere, unbarmherzige Orange …

Ich bin im vierzigsten Jahr und werde bald sterben. Die Hitze ist
unerträglich, aber die Natur geht auf Erholungsreise. Das Gras spaziert
bereits über die Autobahnen und Straßen. Sträucher und Büsche verwandeln sich
in Bäume, Bäume mutieren zu hölzernen Dinos.
Kürzlich entdeckte ich in der Nähe eines Dorfes ein Wolfsrudel, das einen Hühnerstall leergeräumt hat.
Myriaden von Insekten und Würmern fressen sich durch Holzhäuser und Schuppen.
Ich höre sie schmatzen; sie schmatzen sich gar durch meine Träume - eklig.

Bevor die Golden Gate Bridge verrostet und einstürzt, wird die Sonne
kurzen Prozess mit ihr machen.

O bittere, scheinheilige Orange …

Es fährt kein Zug mehr nach Paris; die Jahre des Eiffelturms sind gezählt.
Auf den Straßen stapeln sich Leichen: Hunde, Katzen, Ratten - und
jede Menge Ungeziefer ...

Nichts ist von Dauer, absolut nichts.
Wir sind weit gekommen - hier, auf unserer einst so schönen Erde:
Krebs war heilbar, wurde schon im Vorstadium mit weniger als fünf
Kapseln eingedämmt, unsere Alten zählten dreihundert Jahre und mehr,
blickten auf ein langes Leben zurück und starben bei bester
Gesundheit – überwiegend durch Unfälle im Haushalt oder auf unseren
Straßen.

O bittere, unbarmherzige Orange …

Ich sitz' hier im Schatten einer riesigen Eiche und denke an Lydia und
an unsere beiden Kinder: Larissa und Lasse. Sie leben jetzt auf dem Mars.
Dort kann ihnen nichts mehr geschehen. Das macht mich glücklich. -

Ich greife zu einem Ast, der im verdorrten Gras liegt und male ein Datum,
ein Wort und einen Satz in den schwarzen Staub:

11. Juni 2301 – Apokalypse.

Es ist zwei Minuten vor zwölf (almost high noon), mindestens.

O bittere, scheinheilige Orange!

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Kommentare

11. Jun 2017

Liebe Annelie, Deine bittere und detaillierte Voraussage scheint mir nicht unrealistisch. Da fressen sich zerstörerische Aktionen Stück für Stück in unsere Erde hinein. Sind womöglich nicht zu bändigen. Deine Prognose für 2301 empfinde ich noch als optimistisch. Und ein Leben auf dem Mars? Nun ja, wenn wir die Lebenszeit von 300 Jahren noch erreichen sollten, mal schau'n.
Jedenfalls ist Dein Text wichtig und anregend.

LG Monika

11. Jun 2017

Liebe Monika, herzlichen Dank für deinen wichtigen Kommentar. Wissenschaftler sehen bereits für das 22. Jh. voraus, dass es in vielen Teilen der Erde - klimatisch gesehen - nicht mehr auszuhalten sein wird. Es wird einen Flüchtlingsstrom und ein Sterben geben, wie wir es bislang nicht erlebt haben. Ich denke nicht, dass ich eine Lebenszeit von 300 Jahren erreichen werde. Wie es bei dir ausschaut, weiß ich nicht. Jedenfalls glaube ich, dass viele Krankheiten noch vor dem Kollaps geheilt werden können. Ob es in wenigen Jahren (10, 20) überhaupt noch Unfälle auf den Straßen geben wird, bezweifele ich ebenfalls, weil die Technik Riesenfortschritte macht. Und wenn dann alles auf der Erde ganz wundervoll ist, beginnt die Sonne mit ihrer Zerstörung. Wissenschaftler sind bereits emsig damit beschäftigt, einen neuen Planeten für ein Überleben der Menschheit zu entdecken. Da müssen "wir" dann wieder ganz von vorn anfangen - zumindest auf vielen Gebieten. Es gibt sehr viele Berichte über die Zeit vor dem Kollaps - auch im Internet. Und alles ist durchaus glaubwürdig. - Nur Trump sieht das offenbar nicht ein - weil geistig kurzsichtig.

Ein schönen Sonntag für dich, deine Tochter und Nube,
liebe Grüße,
Annelie

11. Jun 2017

Liebe Monika, tausend Dank für deinen diskreten Hinweis. Es muss nämlich "Biphenyle" statt "Bephenyle" heißen, liebe Leser; ich habe das Wort falsch behalten. Monika hat aufgepasst, Gott sei Dank. Sonst stünde dieser Begriff womöglich ewiglich unkorrekt wiedergegeben in meinem Gedicht und ihr würdet es lieb, aber unrichtig im Gedächtnis behalten oder gar - nachplappern?

Liebe Grüße an euch und ganz besonders an Monika,
Annelie

11. Jun 2017

(D)Eine Vision, die wirklich packt!
(Und leider gar nicht so abstrakt ...)

LG Axel

11. Jun 2017

Dank Axel, dir, für deinen Kommentar.
Die Leuchtkraft der Sonne wird sich in der nächsten Jahrmilliarde
um zehn Prozent verstärken und sich in 6,5 Milliarden Jahren sogar
mehr als verdoppeln, das ist leider wahr.
Und sollte sie erlöschen nur, dann würden wir erfrieren bald.
Und irgendwann gibt es auf unsrer Erde nur mehr Wald.
Mir tun die Menschen, Tiere, die dann leben, jetzt schon leid.
Möglich ist auch, sie sind bis dahin längst vor allem gefeit.

LG Annelie

11. Jun 2017

Ein guter und wichtiger Text, Apokalyse real, danke, Annelie. Mir fällt dazu Erich Kästners Gedicht "Das letzte Kapitel" ein, das der Visionär 1930 schrieb, die letzten Verse nur als Erinnerung:
Jeder dachte, er könne dem Tod entgehen,
keiner entging dem Tod und die Welt wurde leer.
Das Gift war überall, es schlich wie auf Zehen.
Es lief die Wüsten entlang, und es schwamm übers Meer.
Die Menschen lagen gebündelt wie faulende Garben.
Andere hingen wie Puppen zum Fenster heraus.
Die Tiere im Zoo schrien schrecklich, bevor sie starben.
Und langsam löschten die großen Hochöfen aus.
Dampfer schwankten im Meer, beladen mit Toten.
Und weder Weinen noch Lachen war mehr auf der Welt.
Die Flugzeuge irrten mit tausend toten Piloten,
unter dem Himmel und sanken brennend ins Feld.
Jetzt hatte die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte.
Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human.
Die Erde war aber endlich still und zufrieden und rollte
völlig beruhigt ihre bekannte elliptische Bahn.

Liebe Grüße, Marie

11. Jun 2017

Vielen herzlichen Dank, liebe Marie, für dieses großartige Gedicht von Kästner. Ich kannte es noch nicht, obwohl ich fast alles von ihm gelesen habe. Zweifellos ist für die Klimaerwärmung der Mensch zumindest mitverantwortlich. Und - ja, es geht halt langsam voran mit der Klimaerwärmung, rd. 2 Grad in diesem Jahrhundert. Aber das darf uns nicht täuschen. Die Debatte um unser Klima hat begonnen - und das ist gut so. Es gibt ein neues Buch über dieses Thema: "Die kalte Sonne - warum die Klimakathastrophe nicht stattfindet." Darin werden aber neue Szenarien heraufbeschworen. Tatsache ist jedoch, dass alles im Wandel begriffen ist, die Erde, die Sonne, der Mensch - und dass man sich rechtzeitig vor Katastrophen schützen sollte. Zum Beispiel ist der alarmierende Anstieg des Meeresspiegels seit 1850 durch den Klimawandel nicht wegzudiskuieren (2 m über der mittleren Hochwasserlinie). Wir sollten uns bezüglich dieser Themen auf dem Laufenden halten - und weder in Hysterie ausbrechen noch verharmlosen. Man kann - leider - nicht alle Bücher, die diese Thematik behandeln, lesen, aber "Die kalte Sonne" dürfte sehr interessant sein; jedoch auch dieses - in der Kritik stehende - Buch sollte man mit Vorsicht und Skepsis "genießen".

Liebe Grüße und viel Spaß beim Griechen heute,
Annelie

12. Jun 2017

Liebe Annelie, ich habe Gänsehaut! Wenn ALLE mal logisch denken würden, sähen auch sie ein solches Szenario, das Du bis ins Detail hier schriftlich festhältst. Ich will nicht 300 Jahre alt werden und auch nicht auf den Mars, aber bis auf wenige Quadratmeter
kann ich nicht viel für die Welt tun.

Ich wünsche Dir einen Tag voller schöner Momente
Liebe Grüße
Soléa

12. Jun 2017

Danke, liebe Soléa, für deinen Kommentar. Das ist halt der Stand der Dinge - wie ihn auch die Bundesregierung vor Augen hat. Ich möchte auch nicht 300 Jahre alt werden - aber bevor ich als junger oder älterer Mensch in einem Klima sterben sollte, das vorprogrammiert ist, würde ich mich lieber auf den Mars schießen lassen, der bis dahin bewohnbar gemacht worden ist. Sofern unsere Wissenschaftler dies schaffen und noch andere Planeten entdecken sollten, auf denen Leben möglich wäre, würde ich ihnen vertrauen.

Einen schönen Tag dir und deiner Familie
auf dieser Erde noch,
Liebe Grüße,
Annelie

12. Jun 2017

Sind die Menschen, die auf den Mars oder wo auch immer dann hin gebracht werden, nicht die selben wie auf Erden, liebe Annelie? Auch auf der Welt hat es mal gut angefangen. Und Heute? Und was man tatsächlich irgendwo anders bekommt, kann, muss aber nicht besser sein. Es wird immer an irgendwas hacken, weil der Mensch immer mehr will...

Liebe Grüße
Soléa

12. Jun 2017

Ja, Soléa, wahrscheinlich sind es dieselben Menschen - und den Mars kriegen sie wahrscheinlich auch kaputt; aber ich habe doch noch Hoffnung ... Ob es gut angefangen hat auf der Welt, lassen wir mal dahingestellt ... Kriege hat es schon immer gegeben und das Neue Testament redet auch die Sprache der Schwerter, Verbrechen, Verfolgungen und, und und ...

Eine friedlichen Abend und neuen Morgen,
Liebe Grüße,
Annelie