Bescheidenheit

Bild von Jürgen Wagner
Mitglied

Der Rabbi ist sehr ernst erkrankt
Die Schüler sind bei ihm versammelt
So vieles, was man ihm verdankt
Und einer nach dem andern stammelt

'Wie Abraham hat er geglaubt'
'Wie Hiob sein Geschick getragen'
'Wie Mose hat er Gott vertraut'
'Ein Salomo in uns’ren Tagen!'

Dem Rabbi geht's trotzdem noch schlecht
So lässt man ihn mit schwerem Herzen
'Man preist Dich doch, und das zu Recht!‘
Sagt seine Frau ihm unter Schmerzen

Der Rabbi fühlt sich abgelehnt
Man kann's in seinen Zügen lesen
Mit keiner Silbe wurd' erwähnt
Wie stets bescheiden er gewesen

Nach einer Geschichte von Anthony de Mello

Veröffentlicht / Quelle: 
Aus 'Weisheitsgeschichten poetisch erzählt', Berlin 2015
Foto: © photobars /fotolia

Rezitation:

Rezitation: Sprache, Musik und Aufnahme: Jürgen Wagner
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Kommentare

Jolanthe
14. Aug 2017

Wie tröstlich, dass auch geistliche Führer blinde Flecken für eigene Schwächen haben! So denkt man zunächst.

Doch möchte ich zugunsten dieses Rabbis annehmen, dass er zeitlebens gegen seine Arroganz gekämpft, sich zeitlebens sehr um Bescheidenheit bemüht hat. Wer wollte ihm dann die Klage verdenken, dass niemand diesen stillen Kampf bemerkt hat!

Ich hoffe zuversichtlich, dass aber der Himmel dieses stille Ringen bemerkt hat und ihn sehr freundlich willkommen heißen wird. "Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an." (1. Samuel 16,7)

15. Aug 2017

Es ist für mein Empfinden keine ernste, sondern nur eine humorvolle Geschichte, die wie andere jüdische Geschichten auch einen guten Schuss Selbstironie hat.

Jolanthe
14. Aug 2017

Sowohl meine als auch Ihre Sichtweise der Geschichte können stimmen, ja, sich vielleicht ergänzen.

Jedoch bedaure ich, dass Sie der meinen überhaupt nichts abgewinnen konnten und nur bei der Ihren geblieben sind.

Mit Abendgrüßen
Jolanthe

15. Aug 2017

Es ehrt Sie, dass Sie diesen Rabbi retten wollen. Doch ist es nicht ein Lehrbsp., wo es um einen selber geht? Dass man mit einem Lächeln erkennt, dass man von Bescheidenheit noch nichts gelernt hat, wenn man auf sie schielt und sie haben will: man muss es sein. Dazu muss man sich erst mal mit seinen Erwartungen auseinandersetzen, mit seinen Wünschen nach Anerkennung, Bestätigung, Lob. Erst wenn man da ein Stück innere Kraft und Freiheit gewonnen hat, kann man es auch loslassen, bescheiden sein zu wollen. Man erkennt dann, wo es gut ist, zu nehmen - und wann, sich zurückzunehmen.