Moderne Zeiten

von marie mehrfeld
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Nach langer Zeit wieder einmal unterwegs auf den Spuren meiner Vergangenheit. Streifzug entlang vergessener Uferwege – im fahlen Licht der frühen Morgenstunde. Ich habe mich lange darauf gefreut.Zaghafte Tritte durchs Unterholz lassen tote Zweige hoch springen. Verrottete breit getretene Colabüchse krallt sich leise scheppernd um den Absatz meines linken Turnschuhs.Der seichte Uferschlamm grünlich, voll Algen.
Plastiktüten und leere Zigarettenschachteln wiegen sich im leise Wellen schlagenden Ausläufer des ehemals idyllischen Sees meiner Kindheit. Ein alter aufgeklappter brauner Koffer mit kariertem Innenleben trudelt vorbei, eine rostige Fahrradstange ohne Klingel hat es sich in ihm bequem gemacht. Idylle pur. Unter der immer noch stattlichen Weide am früher mal lauschigen Uferplätzchen vier Rotweinflaschen mit abgebrochenen Hälsen, benutzte Wegwerfbestecke, leere Chiptüten. Breit getretene Papierservietten zerfließen rosa. Ein Satz Plastikbecher, noch gestapelt. Da hat eine jugendliche Gruppe das bestandene Abitur gefeiert, hört man. Nach ihnen die Sintflut. Ist ja nicht strafbar. Moderne Zeiten. Was soll’s. Es lebe die Freiheit des Individuums.
Vor sehr langer Zeit habe ich an dieser Uferstelle mit meinem Vater selbstgefaltete Papierschiffchen schwimmen lassen. Im sichtbar sauberen Wasser. Man verklärt Erinnerungen, ich weiß es doch. Aber lügen denn alle Bilder, die wir im Kopf haben?

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Kommentare

12. Mai 2017

Was du da schreibst, gefällt mir gut.
Es zu benennen, braucht auch Mut ...
LG Marie

12. Mai 2017

Mir gefällt dein Text auch sehr gut, Marie. Endlich nennt es mal jemand beim Namen: Nach mir die Sintflut! - Sollen doch andere meinen Müll wegräumen. Bezogen auf den Ozean: Etwa 13 Mio. Tonnen Plastikmüll landen jährl. im Ozean. Daran verenden 1 Mio. Seevögel und 100.000 andere Meerestiere.

Liebe Grüße,
Annelie

12. Mai 2017

Ich weiß, Annelie. Eine traurige und tragísche Bilanz. Wir ruinieren sehenden Auges unseren eigenen Planeten. Man kann nicht mehr tun, als darüber nachzudenken, zu reden, zu schreiben und im eigenen kleinen Rahmen zu handeln.
Liebe Grüße, Marie

13. Mai 2017

Da stimm ich mit Dir, liebe Marie, überein. Wohin ich auch schaue, beim Spaziergang mit dem Hund durch Wald und Park, Müll. Überall Papierchen, Plastik und undefinierbarer Unrat. Erschreckend und ärgerlich. Es sind Bemühungen, schon die Kindergartenkinder anzuleiten. Versäumnis liegt bei den Eltern. Aber das ist schon wieder ein breitgefächertes Thema.
Noch einen müllarmen Spaziergang und liebe Grüße von Monika

13. Mai 2017

Danke, Monika. Ganz zu schweigen von den schwarzen Placken ausgespuckter zertretener Kaugummis, welche die Pflaster unserer unsere Innenstädte "versauen", weniger drastisch kann man es nicht ausdrücken. Denn - es ist völlig überflüssig. Der Sinn dafür, dass es so etwas wie Gemeinwohl gibt, ist verloren gegangen. Wie schade. Vor kurzem wurde in Frankfurter Zeitungen über das wüste Chaos berichtet, das eine feiernde Abitursklasse im Nidda, einer gepflegten Grünanlage am Main, hinterlassen hatte. Ich dachte da, das ist doch auch für die entlassende Schule ein schlechtes Zeugnis. Ich werde jetzt auch müllarm spazieren - durch eine gepflegte Schrebergärtenanlage.
Liebe Grüße und frohen Sonntag dir und deinem liebenswerten Hundetier
Marie

13. Mai 2017

Klasse Text, ich war dabei !
Es lebe die Freiheit des Wortes.
Deine Worte sind frei.
Gruß,
Volker

13. Mai 2017

Danke, Volker. Ja, diese Freiheit soll leben. Dir ein gutes Wochenende.
Liebe Grüße - jetzt nach Hamburg?
Marie

13. Mai 2017

Die "kleine Umweltverschmutzung" ist für mich in erster Linie, Erziehungssache. Und gutes Vorbild sein, kann auch nichts schaden.
Ich lernte es von meinen Eltern und meine Kinder von mir und es funktioniert...
Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
Soléa

14. Mai 2017

Da hast du unbedingt recht, Solea. Die Schulen bemühen sich auch darum, das weiß ich. Es funktioniert aber nur teilweise. Warum werfen, nur zum Beispiel, so viele Straßenraucher/innen ihre Zigarettenreste auf die Straße? Das gehört doch auch zur Grundhaltung "nach mir die Sintflut". In einer Großstadt kann man es besonders gut verfolgen: Der Straßenmüll nimmt trotz ausreichender Zahl von Abfallbehältern zu. Wahrscheinlich helfen da nur drastische Strafen. Meiner Beobachtung nach leben wir zunehmend in einer EGO-Gesellschaft. Liebe Grüße, Marie

14. Mai 2017

Das innerliche Kopfschütteln...von dir schön erzählt. Immerhin gibt es einige Kopfschüttler. LG Karin

14. Mai 2017

Danke, Karin. Je mehr Kopfschüttler, desto besser, sie könnten mit viel Hoffnung ein kleines Beben auslösen ...
LG Marie