Alle Tage Kleinkrieg

von Annelie Kelch
Mitglied

„Damen“-Blicke –
(statt Flieger aus Fuhlsbüttel ...)
wie sie die Länge deiner Haare
durch ihre Pupillen ziehn,
sie mit den Augen wiegen
für zu schwer und zu blond befinden …
deine Lippen auf Farbe prüfen,
die langen schwarzen Wimpern, Marilyn ...

In Sack und Asche wollten
sie euch sehn, Therese, Nelly, Else, Gertrud ...
kahlgeschoren, auf dem Weg ... nach
Birkenau, Ravensbrück, Bergen–Belsen.
Nimm eine Rose mit, ein Mittel gegen Typhus,
meine Freundin unterm blauschwarzen Schopf,
und leg beides auf Annes Grab.

Was soll 's, ich begleite dich – an deiner Seite
konnte ich noch lachen mit 48 Zähnen.
Und dann bei deiner Mutter Baiser und Rumkugeln.
Rumkugelten wir uns vor Lachen – fern jeder Akne
und wurden kein Gramm fetter.

Das ist eine andere Sonne
unter der ich seither lebe.
Auch sie wird eines Tages erlöschen.

Mich einfach tot stellen, wenn der Tod kommt,
vielleicht, dass er mich liegen lässt, dort,
am Wegrand, die Hände in die Erde gekrallt,
den Kopf ins blutige Gras gebettet:
Soldatin ohne Dienstgrad, Uniform
und Barett, getroffen von Worten und Blicken
in Herz und Hirn ... höre ich noch immer
die Vogelstimmen über der Marsch.

in memoriam Gertrud Kolmar

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Kommentare

14. Okt 2017

Dank, lieber Axel, dir, für deinen Kommentar:
Das Sujet und auch sogenannte "Damen" - oft von schwerer Last;
doch Marilyn blieb schlank, obwohl sie sehr viel Geld verprasst.
Auch Gertrud wäre schlank geblieben, hübsch und gut.
Die Nazischweine wollten 's nicht; Mann, hab ich Wut!

LG Annelie

14. Okt 2017

Dichter werden auch heute noch verfolgt und getötet.
Ich selbst bin in einer solchen Gesellschaftsordnung aufgewachsen.
Siehe Saudi Arabien und generell Länder ohne Trennung von Religion und Staat,
bzw. Gesellschaft und freier individuell geistiger Entfaltung.

Danke auch für das Lesen meines Gedichts und für das Gutfinden.
Ich habe es nachträglich noch einmal verfeinert...

LG. Waldeck

14. Okt 2017

Danke, lieber Waldeck, für deinen Kommentar und den Hinweis. Ich lese das Amnesty-Int.-Journal und kann dir nur beipfllichten. Auch in China werden KünstlerInnen und SchriftstellerInnen immer noch verfolgt und gedemütigt. Der Leidensweg des Künstlers Ai Weiweis ist hinreichend bekannt. Aber Gertrud Kolmar war nicht allein Dichterin, sondern auch noch Jüdin. Sie wäre auch verfolgt worden, wenn sie keine Dichterin gewesen wäre. Ebenso erging es Nelly Sachs, Rose Ausländer, die später nach New York flüchten konnte, Else Lasker-Schüler und noch vielen anderen KünstlerInnen, SchauspielerInnen und SchriftstellerInnen.

LG Annelie