Windsbraut

von Annelie Kelch
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Abgefallen von der Stunde des Pan
Will der Sturm die Mondsegel küssen
Hab acht, kleine Kornmühle im Tal
Bruder Herbst trägt ein Kainsmal:
Die Windsbraut naht auf Freiersfüßen

Herbstsichel hat den Sommer gemäht
Unterm Jagdhorn erzittern die Wälder
O süße Schwermut aus dunklen Trauben
Efeu, bewusstlos, verblutet an Gartenlauben
Rabenschwarz schackern brache Felder

Möcht wandern den Heidschnuckenweg lang
Auf der Durchreise wie Kranich und Wildgans
Zum Totengrund über die blühende Heide
Den Wacholder zupft ich am grünen Kleide
Probte mit silbernen Birken den Kontratanz

Was uns dämmert im Dunkelspiegel
Einer stürmischen Herbstnacht
Wird lang im Gedächtnis bleiben
Nichts kommt meiner alten Kastanie
Zuhilf gegen das Blättertreiben ...
Darüber wie von Sinnen die Windsbraut lacht.

Windsbraut: starker Wind, Wirbelwind
Stunde des Pan: poet. Bezeichnung für zwölf Uhr mittags, Höhe des Tages (High noon)
Das Mondsegel ist ein Rahsegel, das auf einigen Klippern über dem Royal- und dem Skysegel gefahren wurde.
Der Kontratanz ist ein englischer Gruppentanz, der sich im 17. und 18. Jahrhundert zu einem sehr beliebten Gesellschaftstanz entwickelte.

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Kommentare

15. Sep 2018

Windsbräute können gefährlich sein, und dass die „Herbstsichel den Sommer gemäht“ hat, begeistert mich besonders, danke für diese hoch poetische dem Herbst gewidmete phantasiereiche Anne-Li Wortkreation …

liebe Grüße - Marie

15. Sep 2018

Liebe Marie, herzlichen Dank für Dein Lob. In der Heide ist jetzt Indian Summer. Gans, Storch und Kranich ziehen hindurch - den Süden in den Federn. Arno Schmidt hat hier gelebt mit seiner Frau und "Zettels Traum" geschrieben. Es gibt ein dort ein Arno-Schmidt-Museum. Er war einer von den ganz Fleißigen - Tag und Nacht gearbeitet in seinem kleinen Heidehaus, unter Coffein etc., was ihn letztendlich früh ins Grab gebracht hat. Trotzdem war es ein gutes Leben, ein besseres, als Tag und Nacht mit der Sprache zu zaubern, kann ich mir nicht vorstellen.

Liebe Grüße,
Annelie

15. Sep 2018

Ich liebe deine Kultur, deinen Stil und dein Können, liebliebe Annelie.
LG Uwe

15. Sep 2018

Danke lieber Uwe, Dein Lob entschädigt mich für die verzwickten Momente, in denen ich mir die Haare raufte, weil ich nicht gleich das Wort fand, das bereits irgendwo in meinem Hirn schlummerte.

Liebe Grüße,
Annelie

15. Sep 2018

Geht mir überhaupt nicht so, ein Wort nicht gleich zu finden...

Nur ganze Sätze und für immer.

LG Uwe

15. Sep 2018

Liebe Angelika, über Dein starkes Lob habe ich mich sehr gefreut. - Ich hoffe, die meist anstrengende Einarbeitung liegt bereits hinter Dir.

Liebe Grüße
Annelie

15. Sep 2018

Liebe Annelie,

das dauert noch in meinem Berufszweig - aber irgendwann habe ich auch wieder die Muße zum Schreiben :).

Ein schönes Wochenende mit vielen weiteren "starken" Worten immer auch uns Lesenden zur Freude

und liebe Grüße
Angelika

15. Sep 2018

Danke, liebe Angelika. Auf dass Muse und Muße bald über Dich kommen dürfen.

Auch Dir ein schönes Wochenende,
Annelie

15. Sep 2018

Wow! Was für ein Herbstfeuerwerk!
Die Bilder im Kopf überschlagen sich und lassen die Neuronen vor Freude tanzen!
Wunderbar :)

Lieben Gruß,
Ella

15. Sep 2018

O danke, für Dein außerordentliches Lob, liebe Ella. Ich tue, was ich kann, um eure Nervenzellen in freudiger Bewegung zu halten; aber für heute ist Feierabend: nur noch duschen und vielleicht fernsehen oder Radio hören, hab leider nicht so viel Kraft wie Arno Schmidt, der dort in der stillen Heide große Literatur schrieb - und zwar am laufenden Band. Aber bisschen lesen geht wohl später auch noch, ohne nicht noch ein paar Buchstaben inhaliert zu haben, schlafe ich schlecht.

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
Annelie

15. Sep 2018

Vielen Dank, liebe Annelie :)
Dir auch ein schönes Wochenende,
Gute Nacht und träume lind,
schon bald ein frischer Tag beginnt,
mit frischer Kraft und neuer Glut,
vertraue darauf und alles wird gut :)

Ganz liebe Grüße,
Ella

16. Sep 2018

Danke, liebe Ella. Bin soeben erwacht, nachdem mein Laptop gestern noch gestreikt hat.

Liebe Grüße zu Dir und einen schönen Sonntag,
Annelie

15. Sep 2018

Toll, nur zu steigern durch: Dazu die Eroica von Beethoven hören!!!...-das Finale, in dem er einen seiner zwölf Contretänze einarbeitete - - -

LG Yvonne

16. Sep 2018

Man nannte ihn auch den Tonpoeten; es ist die 3. Symphonie in Es-Dur von 1805. Ursprünglich sollte die Symphonie "Bonaparte" heißen, aber als sich Napoleon, immer noch ein Mann der Revolution für den Republikaner Beethoven, zum Kaiser krönen ließ, habe er, Beethoven, wütend das Titelblatt zerrissen und den Namen "Bonaparte" ausradiert. Danke, liebe Yvonne, für das schöne Lob. Die Musik Beethovens finde auch ich bedeutend persönlicher als zum Beispiel jene der Komponisten Haydn oder auch Mozart.

LG und einen schönen Sonntag,
Annelie

16. Sep 2018

Mein schlichtes „sehr schön“ beinhaltet alles das –
Was hier schon innig wurde gesagt …

Liebe Sonntagsgrüße
Soléa

16. Sep 2018

Vielen Dank für Dein tolles Lob, liebe Soléa.

Einen schönen Sonntag wünsche ich euch
beiden innigen Eheleuten! Liebe Grüße,

Annelie

16. Sep 2018

Das Lyr.Ich auf der Durchreise, vergl.Lebensreise, den Abläufen der Natur unterworfen; hier wird es Herbst, bild- u. hörbar, schaffst Du mit Deiner Wortkunst eine Atmosphäre, die mich mittendrin sein lässt. "Herbstsichel hat den Sommer gemäht" und am Ende lacht die "Windsbraut"... der Natur entkommt der Mensch nicht.
Starkes Gedicht.Chapeau.Herzlichst grüsst Dich, liebe Annelie - Ingeborg

16. Sep 2018

Ganz lieben Dank für Deinen lobenden Kommentar, liebe Ingeborg. Die Lüneburger Heide ist ein Landstrich, der mich tief berührt, auch von Filmen her und von den Naturbeschreibungen des Hermann Löns, über den man geteilter Meinung sein kann, den ich aber hin und wieder gern gelesen habe. Und immer noch hab ich das Gedicht von Storm im Ohr, das wir einst in der Schule gelernt haben: Es heißt "Abseits"

Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale;
Die Kräuter blühn; der Heideduft
Steigt in die blaue Sommerluft.

Laufkäfer hasten durch's Gesträuch
In ihren goldnen Panzerröckchen,
Die Bienen hängen Zweig um Zweig
Sich an der Edelheide Glöckchen;
Die Vögel schwirren aus dem Kraut -
Die Luft ist voller Lerchenlaut.

Ein halbverfallen' niedrig' Haus
Steht einsam hier und sonnbeschienen
Der Kätner lehnt zur Tür hinaus,
Behaglich blinzelnd nach den Bienen;
Sein Junge auf dem Stein davor
Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.

Kaum zittert durch die Mittagsruh
Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten
Dem Alten fällt die Wimper zu,
Er träumt von seinen Honigernten.
— Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.

Es muss schön sein, in der Heide zu leben, selbst dann, wenn es ab und an etwas einsam sein sollte. Aber man hat viel Ruhe zum Schreiben. Ich glaube, dass die Natur eine Göttin der Inspiration ist.

Liebe Grüße,
Annelie

16. Sep 2018

Kluge Herbstbilder, von der Muse geküsst. Sehr gerne gelesen.

LG Ralf

16. Sep 2018

Danke für dein Lob, lieber Ralf, über das ich mich sehr gefreut habe.

LG Annelie

18. Sep 2018

Du malst so lebendige Bilder mit Deinen Worten, liebe Annelie. Bunt kommt Dein Herbst daher, und intensiv. Die Aussage, dass er ein Kainsmal trägt, hat mich besonders berührt.

Liebe Grüße, Susanna

18. Sep 2018

Danke, liebe Susanna. Ich habe mich über Dein Lob sehr gefreut und weiß es wohl zu schätzen. Ja, ich habe dem Herbst ein Kainsmal angedichtet, nach allem, was ich in meinem Leben mitansehen musste: Sturmfluten, insbesondere im November, die Menschen und Tiere in den Tod getrieben haben.

Liebe Grüße,
Annelie