Im Dickicht der Zeichen - Nora Meranes erster Fall; ein Fortsetzungskrimi

von Annelie Kelch
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Es geschah vor zehn Jahren ... auf den Tag genau vor zehn Jahren, dass mir Marc nach einer kurzen Phase gemeinsam verbrachter Schulzeit zum zweiten Mal über den Weg lief, und noch bevor wir den Mord an Brenda vollständig aufgeklärt hatten, wurden wir ein Paar. Bei jeder passenden Gele­genheit behauptet Marc ‑ immer noch ‑, dass unser Wiedersehen keinesfalls eine banale Fügung des Schicksals gewesen sei. Er sei fest davon überzeugt, dass wir unser Glück und demzufolge Paul und Lea, unsere beiden Kinder, einzig und allein Brendas guter Seele zu verdanken hätten, die nach ihrem gewaltsamen Tod allein unsertwillen noch ein Weilchen im irdischen Jam­mertal herumspukt hat, damit wir endlich zueinander fänden. Nicht zuletzt des­halb, weil wir die einzigen waren, die von Anfang an zu ihr gehalten haben, wenn gewisse Mitschüler nichts Besseres zu tun wussten, als sie zu schika­nieren oder sich mit albernen Schmähnamen wie „Brennessel“ oder „Bunsen­brenner“ über sie lustig zu machen. (Ich erwähne an dieser Stelle bewusst Titulierungen der harmlosen Sorte, weil der Rest alles andere als stubenrein war.)
Ich hingegen bin längst auf den Boden beweisbarer Fakten zurückge­kehrt und teile die Meinung von Kommissar Lässahn, vom Ermittlerteam lie­bevoll „Lassie“ genannt, dass er und niemand anders für unser Glück verant­wortlich sei.
Obwohl ... an manchen Herbsttagen, wenn sich morgenfrühe Ne­bel wie Gebirgsketten aus schmuddeliger Zuckerwatte über unsere kleine Stadt legen und ein Ring aus Blei mein Herz umklammert hält, wenn sche­menhafte Gestalten durch die Straßen huschen und man bei ausgestrecktem Arm die eigenen Fingerkuppen nicht erkennen kann, dann überfällt mich der bange Verdacht, dass wir Menschen nur mehr Schatten sind, nichts als Schatten, flüchtig und vergänglich, verwoben in Zeit und Raum, eingepfercht zwischen Geburt und Tod; öde im Hassen und fade im Lieben. Schatten un­serer selbst, aus denen wir trotz gegenteiliger Behauptungen und des gängi­gen Sprichworts niemals werden hervortreten können. Ähnliche Gedanken überfallen mich beim Anblick blassgrüner Äpfel, die auf Wochenmärkten zu­hauf in Holzkisten lagern: Mir bleibt dann für Sekunden die Luft weg.

An jenem schicksalhaften Tag, an dem ich Marc wiedersah, bestellte mich Stefan Lässahn, Leiter des Dezernats für Gewalt‑ und Betrugsdelikte beim Kriminalen Ermittlungsdienst der Bezirkspolizeiinspektion Hellerburg, in sein Dienstzimmer. Auch dort herrschte Nebel, allerdings von ganz anderer Art: Graue, undurchdringliche Nikotinwolken rückten hinterhältig lautlos dem letz­ten Sauerstoffmolekül zu Leibe. Stefan sah sterbenselend aus. Mein Ver­dacht fiel sofort auf Kai Marzok, den Leitenden Kriminaldirektor des Heller­burger Polizeikommissariats, denn niemand sonst hatte das Recht, unseren Chef dermaßen ins Gebet zu nehmen, dass er völlig aus dem Ruder lief. Wir bekamen die Methoden der Führungsinstanz regelmäßig aus zweiter Hand zu spüren. Wenn „Lassie“ Dampf ablassen musste, was von Zeit zu Zeit unum­gänglich war, dehnte er das Spannungsfeld bis zur bitteren Neige und lehrte sein Ermittlerteam den Veitstanz. Im Laufe der Jahre hatten wir nicht nur ein sicheres Gespür für drohendes Unwetter entwickelt, wir brachten darüber hinaus, allein ihm zuliebe, ein gewisses Maß an Toleranz für seine sorgsam inszenierten Tobsuchtsanfälle auf. Um es kurz zu machen: Stefan Lässahn war ein guter Chef, dessen sprichwörtliche Beharrlichkeit nicht selten und fälschlicherweise als Dickfelligkeit ausgelegt wurde; aber wer ihn näher kannte, hatte längst geschnallt, dass sich hinter seiner komplexen Intelligenz und seinem messerscharfen Verstand eine fast mütterliche, humorvolle Güte verbarg. Er drückte nicht nur beide Augen zu, wenn wir angestaubte Dienst­vorschriften allzu großzügig auslegten, um in besonders langwierigen Fällen endlich Licht am Ende des Tunnels zu sehen, sondern bewahrte darüber hinaus eine Reihe von frisch gebackenen Polizeikommissaren vor der Entlas­sung aus dem Staatsdienst, bevor dieser überhaupt erst richtig begonnen hatte. Ich denke da hauptsächlich an meinen jungen Kollegen Lars Hinze, der wäh­rend eines Sommerurlaubs in Österreich regelrecht versumpft war, weil seine Freundin, eine fesche Wienerin, ihm den Laufpass gegeben hatte – ausge­rechnet im Prater. Unser Chef hat es sich nicht nehmen lassen, auf eigene Rechnung nach Wien zu fliegen, um sein säumiges Schäfchen aus der Gosse zu ziehen und der Ermittlerherde im heimatlichen Revier zuzuführen.

Kommissar Lässahn saß hinter seinem Schreibtisch, auf dem sich Berge von flamingoroten Akten türmten, und blickte mir aus müden, rotgeäderten Augen entgegen. Er bellte seinen heiseren Morgengruß und vollführte eine effiziente Handbewegung, die mir unmissverständlich befahl, mich auf dem Besucherstuhl vis-à-vis niederzulassen, und obwohl ich vorher liebend gern ein Fenster geöffnet hätte, gehorchte ich auf der Stelle.

Draußen reifte der junge Morgen zu einem strahlenden Tag heran, aber Stefan sah erbärmlich aus. Man konnte beim besten Willen nicht behaupten, dass der grau melierte Dreitagebart seinen erschöpften, kreide­bleichen Gesichtszügen schmeichelte. Die tiefen Sorgenfalten, die sein mar­kantes Gesicht durchfurchten, erinnerten mich an Risse im trockenen Wat­tenmeer. Sein leicht gegeltes Haar, von zahllosen Silberfäden durchzogen, fiel auf den seegrünen Kragen seines Baumwollhemdes und kringelte sich zu einer Außenrolle. Er hatte an jenem Morgen eine frappierende Ähnlichkeit mit dem alternden Johnny Cash, die mir unlängst während einer Lagebe­sprechung aufgefallen war.
„Wir haben eine weibliche Leiche, Nora“, brachte Stefan es sogleich auf den Punkt. „In Weidenbach. Tatort ist vermutlich ein verwilderter Garten.“ Er sah mich prüfend an, aber ich zuckte mit keiner Wimper, hatte, wie immer, wenn die Rede auf meinen Heimatort kam, mein Pokerface aufgesetzt: frostige Züge, undurchschaubare Mimik. Verwilderte Gärten gab es dort früher wie Sand am Meer, dachte ich leichthin, es braucht sich keinesfalls um jenen zu handeln, der ... „Du wirst dorthinfahren. Alleine. Und die Ermittlungen leiten“, fuhr Stefan unbeirrt fort. Mein unterkühlter Gesichtsausdruck schien nicht den ge­ringsten Eindruck auf ihn zu machen. „Frank reist heute zu einem Computer­seminar nach München, Viktor ist mit den Zeugenvernehmungen im Be­trugsfall „Härmes“ voll ausgelastet, und Henning hat sich krank gemeldet. „Schon wieder!“, wollte ich empört aufbegehren, aber „Lassie“ hatte sein charmantes Lächeln aufgesetzt und krächzte scheinheilig: „Das ist doch die Gelegenheit, deinem Heimathafen einen Besuch abzustatten. Warst du ei­gentlich schon einmal dort, seit du in unserem Team bist? Ist doch ein Kat­zensprung von hier aus.“ Ich schüttelte wortlos den Kopf, was alles Mögliche bedeuten konnte. Nicht von Stefans Warte aus. Ihm stand offenkundig nicht der Sinn nach Interpretationen. ‑ „Na also“, fuhr er in einem Anfall von Enthu­siasmus fort, „melde dich umgehend auf dem Revier, wenn du in Weidenbach angekommen bist. Dort wirkt ein drahtiger kleiner Polizeiobermeister, der ge­nau wie du in diesem verschlafenen, hübschen Nest auf die Welt gekommen ist; er müsste ungefähr in deinem Alter sein. Vielleicht seid ihr gar miteinan­der bekannt.“ Er schürzte seinen Mund und versuchte ein schelmisches Grin­sen, das gründlich misslang.
„Sein Name ist Kettler, Keller oder Kessler, wenn ich mich nicht irre“, fuhr er nach einer kurzen Pause mit müder Stimme fort, „ein äußerst fähiger Be­amter, der dich mit Rat und Tat unterstützen wird, okay?“ Ich nickte mecha­nisch. Keiner dieser Namen löste ein Aha-Erlebnis, geschweige denn jauch­zendes Frohlocken in mir aus. Meine Gedanken weilten bei dem „verschlafe­nen Nest“, das bereits in früherer Zeit Tatorte geliefert hatte, denen Gewalt­delikte zu Grunde lagen. Allein mir hatten sich drei Mordfälle ins Gedächtnis gegraben.
Fortsetzung folgt.

Die ist mein erster Krimi. Es ist noch nicht beendet. Ich habe zwar schon eine Menge geschrieben, aber längst noch nicht alles und weiß das Ende auch noch nicht genau; aber ich habe mir geschworen, diesen ersten Fall zu Ende zu bringen, komme, was wolle, selbst wenn es kaum jemanden interessiert; möglicherweise fallen mir noch mehr Fälle ein, die Nora "bearbeitet" - und jeder Fall wird ein wenig besser (be-/geschrieben).

November 2016

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