Zugrunde gehen am Honig ...

von Annelie Kelch
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Umgarnt von hellen Maitönen verrinnen die Stunden im Staub;
seine grauen Fahnen durchkreuzen meinen Atem.

Mir ist zumut, als wüsste die Leuchtsichel, dass ich noch immer
von dir träume: ein leerer Teich, der sich nach Wasser sehnt.

Die eisigen Worte sind längst aufgetaut ... aber ich werde
ohne dich leben müssen.

Sterne, weltwärts in die Nacht gefallen, werfen Licht
auf die Bilder des Frühlings, die meine Tränen Lügen strafen.

Wer bin ich, und was hält der Mundschenk für mich bereit,
nachdem die Burg Frieden geschlossen hat mit dem Rittersporn?

Frieden: Auch ohne Sprache verstanden wir uns – dort,
zwischen Ebbe und Flut … zwischen Deich und Meer.

Über das grüne Tafelsilber der Wiesen streifte das Einhorn
der Geduld.

Wie Briefe ohne Ende umschwirrten uns die Möwen,
aber von dir keine einzige Silbe.

So werde auch ich zugrunde gehen ...
am einschläfernden Honig des Sommers.

Copyright: Annelie Kelch; Foto: pixabay
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Kommentare

17. Mai 2018

Der Leser ist wahrscheinlich nicht so müd wie ich - es heute bin ...
Er las gewiss auch Deinen netten Kommentar, denn der macht Sinn.

LG Annelie

17. Mai 2018

Text und Bild - wieder poetisch, schön, Annelie. Ach, wenn das Einhorn der Geduld doch auch öfter auch auf meinen Wiesen weiden würde - schick es mal bei mir vorbei ...

liebe Grüße - Marie

17. Mai 2018

Liebe Marie, danke für Deinen wohlwollenden Kommentar. Das Leben nahe den wilden grünen Wiesen schien viel langsamer zu verstreichen als die Stunden heutzutage, die nur so davonfliegen. "... die Uniform des Tages ist die Geduld ..." heißt es in dem Gedicht "Alle Tage" von Ingeborg Bachmann. So schien auch das Dasein in der Kleinstadt, auf dem Land - weniger leichtlebig, und falls hinter der Geduld etwas brodelte, kam es nur selten zum Ausbruch. Sollte das Einhorn irgendwann mal wieder bei mir aufkreuzen, schicke ich es sofort zu Dir.

Liebe Grüße,
Annelie

17. Mai 2018

Ach Annelie, so traurig und so wunderschön. Worte, um darin zu versinken.

Liebe Grüße,
Susanna

17. Mai 2018

Liebe Susanna, selbst im Mai zeigt sich wohl auch Melancholie, weil wir um die Vergänglichkeit des Blühens und Werdens wissen. Zuerst lässt der Mai uns aufleben, hält uns eine Weile atemlos nach dem langen Winter; wir freuen uns über die neue Jahreszeit; aber der Sommer kann schon wieder zum flirrenden Bild mutieren, das vor Hitze nicht laufen lernen will. Wir wissen nicht, was mit uns geschieht, nehmen die Schönheit der Farben auf, atmen den Duft der Blumen - all das lähmt ein wenig unsere Sinne; es hat auch Einfluss auf unser Denken und Handeln.

Liebe Grüße,
Annelie

18. Mai 2018

Liebe Annelie,

selbst Deine Antwort ist schon wieder so ein wunderbarer Text. Den Mai erlebe ich dieses Jahr auch als Melancholie, weil das Blühen und Werden so sehr im Gegensatz zu den Nebenwirkungen meiner Chemo stehen. Wenn der Sommer vorübergeflirrt ist und der Herbst kommt, dann wird aus meinem "Stirb" ein "Werde". Ich danke Dir für für Deine schönen Worte, wie ich schon sagte - um darin zu versinken.

Alles Liebe,
Susanna

17. Mai 2018

Liebe Annelie,
gefühlvolle, schöne Worte hast Du in ein zu Herzen gehendes Gedicht verwandelt.

Herzliche Grüße
Willi

17. Mai 2018

Lieber Willi,
ganz herzlichen Dank für Dein wundervolles Lob, über das ich mich sehr gefreut habe.

Liebe Grüße zu Dir nach Schweden,
Annelie

17. Mai 2018

"Über das grüne Tafelsilber der Wiesen streifte das Einhorn
der Geduld." - Was für ein schönes Bild, liebe Annelie!
Herzlichen Gruß, Monika

17. Mai 2018

Vielen Dank, liebe Monika, für Dein schönes Lob. Die Wiesen dort an der Elbe lagen sommers stoisch unter der Sonne. Auf sie war Verlass. Nie sah ich ein Fahrzeug die Gräser "plätten", noch nicht einmal ein simples Fahrrad. Einzig die ruhenden Kühe und paar Liebespärchen drückten Muster ins Gras - und frische Kuhkacke (die Kühe). Man musste sich höllisch in acht nehmen, nicht reinzutreten.

Liebe Grüße,
Annelie

17. Mai 2018

Bedichte den Mai so lang es geht –
Wer weiß schon, wie es nächstes Jahr um ihn steht …

Viele Grüße in deinen Abend
Soléa

17. Mai 2018

Dank Dir, Soléa, für den guten Kommentar ...
hast recht: Ich nehme ihn mit Haut und Haaren wahr.

Liebe Grüße zu Dir nach France,
Annelie