Kali

von Jürgen Wagner
Mitglied

Ein großer Meister, Gotteslehrer
er hatte einmal einen Traum:
Geh zur Göttin, ihrem Tempel
verneige Dich vor ihrem Saum

Er war entschlossen, dem zu folgen
Doch seine Schüler wurden irr
Nur einer folgte ihm zur Göttin
vertraute ihm, dass er nicht wirr

Der schwarzen Göttin Aug' in Auge
sein Herz, es wurd' zutiefst berührt
Er warf sich nieder, ehrte sie
gesehen hat er - und gespürt

Der Schüler stand ganz still dabei
Er sah das Eine, war beglückt
Den Andr’en blieb’s wohl weiterhin
nur lästerlich und wohl verrückt

Rezitation: 
Sprache, Musik und Aufnahme: Jürgen Wagner - Lied: Maria durch ein Dornwald ging

Nach der Sufi-Geschichte 'Usman Haruni‘. Im Islam ist es das schlimmste Vergehen, Götter 'neben' dem einen Gott zu verehren.
Kali, wörtlich ‚die ´Schwarze‘, ist eine Muttergöttin im Hinduismus, die – ähnlich wie Shiva - einerseits für Tod und Zerstörung, aber gleichzeitig auch für Erneuerung und Erlösung steht. So zeigt sie diesen schweren Aspekt des Lebens der Transformation, manchmal in drastischer Weise.

Göttin Kali - Foto: © sarka/fotolia
Veröffentlicht / Quelle: 
Aus 'Weisheitsgeschichten poetisch erzählt', Berlin 2015

Buchempfehlung:

128 Seiten / Gebundene Ausgabe
EUR 19,99
Rechtshinweis:
Für diesen Beitrag ist eine unkommerzielle Nutzung erlaubt, alle Rechte verbleiben jedoch beim Autor/bei der Autorin.

Interne Verweise

Kommentare

Jolanthe
12. Mai 2016

Eine großartige Ermutigung,
unseren Traum in der Nacht zu beachten, ihm am Tage zu folgen
und unbeirrt trotz herkömmlicher Meinung auch im religiösen Bereich den eigenen Weg des Herzens zu gehen!

Sprachlich meisterhaft, wie hier ein langer Prosatext in ein knappes Gedicht verwandelt wurde, das Wesentliches aufleuchten lässt. Im gesprochenen Wort wird eine heilige Gipfelerfahrung so hör- und spürbar, dass wir davon berührt werden.

Musikalisch unglaublich stimmig dazu ein innig gespieltes, christliches Marienlied, das in geistiger Weite zwei religöse Traditionen so miteinander verbindet, dass sie sich gegenseitig ergänzen.

Habe daraufhin Jürgen Wagners Buch WEISHEITSGESCHICHTEN POETISCH ERZÄHLT mit Freude gelesen. Jolanthe

12. Mai 2016

Was es mit dem Einen auf sich hat, ist tatsächlich eine Erfahrung, wo man seine Ideen vom Göttlichen erst mal loslassen muss, bis man realisiert, dass überall es ist. Und wenn das 'es' auch noch gehen darf, ist man tatsächlich angekommen. Ich mag diese Geschichte sehr, weil sie den Finger auf die wunde Stelle des jüdisch-christlich-islamischen Monotheismus legt. Danke für die anerkennenden Worte und herzliche Grüße! JW

Jolanthe
12. Mai 2016

Dank für Ihre rasche Antwort!

Was meinen Sie mit der "wunden Stelle" dieser drei Religonen? Dass ihnen das Weibliche fehlt oder dass sie zu wenig von der dunklen, zerstörerischen Seite Gottes sprechen? Immerhin gibt es in Europa mancherorts auch eine Schwarze Madonna - könnte sie ein Pendant zur Kali sein?

12. Mai 2016

Der Monotheismus (Ein-Gott-Glaube) ist eine Abstraktion - die Vielfalt des Wundervollen und Göttlichen im Universum wird reduziert und konzentriert auf Eines/Einen. Dieser schließt dann alle anderen Manifestationen und Offenbarungen aus: „ …ihre Altäre sollst du umstürzen und ihre Götzen zerbrechen und ihre Haine ausrotten; denn du sollst keinen andern Gott anbeten. Denn der HERR (Jahwe) heißt ein Eiferer; ein eifriger Gott ist er“. (2. Mose 34/13-14). Das ist eigentlich eine Institutionalisierung und Legitimierung der Gewalt aus religiösen Gründen. So war es im Judentum, so wurde es im Christentum und am allereifrigsten ist der Islam in dieser Sache bis heute. Das mit der Männlichkeit spielt da auch eine Rolle - die weiblichen Göttinen hatten diese Dominanz und diesen Anspruch nie. Die Mutter Erde, auf die es letztlich hinausläuft, ist immer nährend und tragend und fruchtbar. Der Sonnen- und Himmelsgott aber hat die Energie des Lichtes, die sich ausbreitet, die eindringt, die durchdringt, die das aktive und schöpferische Prinzip verkörpert. Deshalb kommen wir mit ihr alleine nie zurecht: wir brauchen die Polarität.

Das Schwarz hat für mein Empfinden etwas mit der Erde zu tun: mit Dunkelheit, mit Mühe, mit Geburt und Tod. Das war immer die Seite des Weiblichen, auch im Taoismus (Yin-Yang). Das hat mit Abwertung nichts zu tun, sondern mit Ergänzung. Die schwarze Madonna ist die Empfängerin des Lichtes, des Sohnes Gottes, den sie gebiert und zur Welt bringt. Das ist im Grunde die Beschreibung unserer aller Lebensaufgabe. Im Indischen sind die Konnotationen noch etwas anders, weil der Hintergrund ein anderer ist: Kali ist die Verzehrende und Neuschaffende, die meist ein furchtgebietenderes Antlitz hat als die Madonna. Danke! JW

Neuen Kommentar schreiben