Und den Wind bitten sich zurückzunehmen

Bild von Annelie Kelch
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Ein wenig Regen einfangen
bevor er auf die Erde niederfällt
und hin und wieder einen Liter „Volvic“ kaufen
gegen die Dürre in der „Dritten Welt"
Nachlässiger als sonst die Felder stoppeln
bevor die schwarzen Vögel kommen
den Wind bitten, dass er sich zurücknehme
und die letzte Glut der Sonne schlürfen
sein Gesicht betrachten, bevor es altert
und scharfe Falten es traurig meißeln
und den Wind bitten, dass er sich zurücknehme
die alten Nebelkleider für die Seelen herrichten
und den Wind bitten, dass er sich zurückzunehme
den Gaumen vom Pfirsichgeschmack entwöhnen
sich frei fühlen im Netz der Gedanken
und den Wind bitten, dass er sich zurückzunehme
Alle Bücher abstauben, bevor es weihnachtet
und neue Adventsgeschichten schreiben
den Wind bitten, dass er sich zurückzunehme
und sich fragen: Wie lange noch …?
Wie lange noch wird es lebhaft sein
in den Straßen der Stadt?
(Ja, lebhaft ist es dort noch immer,
obgleich die meisten Menschen stumm
und achtlos aneinander vorübergehen
und den Wind bitten, dass er sich zurückzunehme)
Und während der Nacht dem Herrgott
ins stocktaube Ohr flüstern:
Ich weiß ganz genau, was du mir
schuldig bist: Es ist nicht der Zauber,
der vom Sommer blieb, sondern
ein Herbst, darin ich glücklich bin.

1 Liter „Volvic" = 10 l sauberes Wasser in Afrika

Quelle: pixabay

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Kommentare

18. Okt 2017

Lieber Jürgen, vielen Dank für deinen (fast) musikalischen Kommentar. Ich habe im Allgemeinen auch nichts gegen Wind. Im Norden jedoch weht er sehr heftig. Ich habe mal lange Zeit an der Nordsee gelebt. Das führt dann meist zu Sturmfluten, die "nicht ganz ohne" sind. Den Text des Schlagers hingegen kenne ich nicht, aber er gefällt mir sehr. Ich werde versuchen, ihn googelnd aufzutreiben.

Liebe Grüße,
Annelie

18. Okt 2017

Leider kann ja der Wind nicht lesen -
Denn dies ist lesenswert gewesen!

LG Axel

18. Okt 2017

Dank, lieber Axel, dir, für deinen Kommentar;
der Wind und Gott können nicht (Zeitung) lesen,
anderenfalls würde auf Erden Frieden sein,
und alle Kriege dieser Welt wärn nie gewesen.

LG Annelie

18. Okt 2017

Ein schönes, hoffnungsvolles Gedicht. Es führt mich in die magische Zeit meiner Kindheit, wo Glauben und Bitten noch beruhigen konnte. Ud plötzlich war die Welt für einen kurzen Moment wieder heil. Danke für dies Gedicht, liebe Annelie.

LG Monika

18. Okt 2017

Vielen Dank, liebe Monika, für deinen Kommentar. Dass dieses Gedicht dich an deine Kindheit erinnert hat, finde ich schön. Ich hoffe, dass du eine wunderbare Kindheit hattest. Aber deine Aussage: "... war die Welt für einen kurzen Moment wieder heil", hört sich nicht ganz danach an. Trotzdem hoffe ich sehr, dass du eine viel bessere Kindheit hattest als ich.

Liebe Grüße,
Annelie

18. Okt 2017

Ich bin beeindruckt. Ein wort-mächtiges Gedicht, liebe Annelie, eins zum Mehrfachlesen und zum Aufheben. "Bevor die schwarzen Vögel kommen ... die letzte Glut der Sonne schlürfen ... " Stark.

Liebe Grüße - Marie

18. Okt 2017

Danke, liebe Marie, für deinen schönen Kommentar. Ist das Gedicht nicht auch ein winzig bisschen poetry-slamig, du Poetry-Slam-Expertin?

Liebe Grüße,
Annelie

19. Okt 2017

Ja, auf jeden Fall auch poetry-slamig!

LG Marie

08. Mär 2018

Berührt mich und holt meine Nebelkleider der Kindheit ans Licht
LG Flo

10. Mär 2018

Danke, liebe Flo - ich hätte viel lieber (Tages)licht in die Nebelkleider Deiner Kindheit gebracht; aber diese Gabe ist mir nicht gegeben bzw. habe ich nie die Chance genutzt, solche Fähigkeiten zu erwerben.

LG Annelie

17. Apr 2018

Hallo Annelie,
solange es noch es Dinge gibt, für die es sich lohnt aufzubegehren, solange wird uns der Wind einen Aufschub gewähren.
Gern gelesen zund LG
Manfred

18. Apr 2018

Danke, lieber Manfred, für diesen guten und poetischen Kommentar.

Liebe Grüße,
Annelie