Die Eiche

von Jürgen Wagner
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Im Wald ist sie der König
Und viele sind zu Gast
An Macht hat sie nicht wenig
Im knorrigen Palast

Regiert wird mit der Güte
Ein jeder nimmt und gibt
Ganz einfach bleibt die Blüte
Es wird genährt, geliebt

Wer langsam wächst und stetig
Gewinnt mal große Kraft
Und vieler Sorgen ledig
Stört keiner seine Rast

2017 - Die Eiche ist von alters her ein Symbol der Stärke und Macht und den obersten Gottheiten zugeordnet. Tatsächlich ist sie ein Baum, der seine Zeit braucht, in jungen Jahren überhaupt keine Beschattung erträgt und erst mit 60 Jahren geschlechtsreif wird. Erst dann kann sie ihre Fruchtbarkeit entfalten und zu dem mütterlichen Baum werden, der viele Arten bei sich beheimatet und ihre Früchte nicht, wie die Buche oder Kastanie, mit einer stacheligen Kapsel schützt, sondern in einem Becher aufstellt. Diese männliche Kraft ist ihr zutiefst eigen. Sie schützt sich selbst mit einer dicken Borke, einem dicken Stamm und einem mächtigen Wurzelsystem. Ihr elektrischer Fluss ist außergewöhnlich stark, was sie für Blitze anziehender macht als die Buche. Sie kann 600 Jahre alt werden, in besonderen Fällen auch 1000 Jahre und darüber. Rinde und Blätter wurden früher zu Heilzwecken verwendet, die Eicheln waren vor der Einfuhr der Kartoffel ein Grundnahrungsmittel vom Mehl bis zum Kaffee. Den Christen war ihre hohe Stellung ein Dorn im Auge und galt ihnen lange Zeit als heidnischer Baum. Obwohl man ihm viel Böses nachsagte, benutzte man ihn zu Zauber- und Orakelzwecken. Er ist, trotz der Fällung der Donareiche durch Bonifatius, so sehr in unserer Seele verankert, dass mindestens 600 Orte in Deutschland auf sie Bezug nehmen (Eickelborn, Eichelhain …), viele Familiennamen (Aichinger, Eickmeier …), und ihr Laub Münzen, Wappen und militärische Abzeichen schmückt.

Text, Musik und Gestaltung: Jürgen Wagner
© meryll - fotolia
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Kommentare

19. Mai 2017

Dem Donnergotte einst geweiht
seh'n wir sie heut' im eig'nen Kleid

Sie wurde vielfach als Machtsymbol gebraucht und mißbraucht. Schaut man hin, ist sie so mütterlich und väterlich wie nur ein Wesen sein kann. Aber dazu braucht man eben Kraft. LG! Jürgen

Jolanthe
19. Mai 2017

Spannend, wie zwei Dichter die Eichen ganz verschieden erleben und im Gedicht gestalten können!

Seither war Gottfreid Kellers "Waldlied" mein liebstes Eichengedicht.
Doch hier ist ein ebenbürtiges, neues entstanden, das zudem mit stimmiger Musik und herrlichen Fotos zu einem Gesamtkunstwerk gestaltet wurde.

Anerkennung, Freude und Dank!
Jolanthe

19. Mai 2017

Arm in Arm und Kron' an Krone steht der Eichenwald verschlungen,
Heut hat er bei guter Laune mir sein altes Lied gesungen.

So steht es bei Keller. Mit Dankesgrüßen! JW

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