Am Hafen

von Annelie Kelch
Mitglied

Die großen Schiffe – damals,
sprengten fast den kleinen Hafen.
Ich hab so manche Nacht vergrübelt, wachgelegen.
So manche Nacht vergaß ich einzuschlafen
und machte mir umsonst das Leben schwer.

Wo kamen all die vielen fremden Schiffe her?!
Sie kamen aus Piräus, Cádiz und vom Schwarzen Meer:
'Odessa' stand einmal auf einem Heck gepinselt in Kyrilliza,
in einem dieser Sommerjahre, als ich fremde Flaggen liebte
und Dalida mit ihrem Regenlied - ich kam grad' in die siebte.

Es lag oft ein Gesang über dem Elbewasser,
darin vereinigten sich Orient und Okzident:
gingen gemeinsam mit der Morgenblüte auf ...
und abends auch gemeinsam wieder unter.

Da hing ein Fernweh über manchen hohen Takelagen,
und zwischen Segeln spielte leis' das Abendrot Verstecken.
Ich schlief an heißen Tagen ein vor der Kulisse und vor lauter Glück.
Dann kam mich irgendwann die allerbeste Freundin wecken,
wollt' mir entgegenkommen von zu Haus ein kleines Stück.

Wir balancierten wagemutig über dicke Taue an der Hafenkante;
es ist ein Wunder, dass ich niemals in das graue Wasser fiel.
Die Möwen lachten über unser Spiel;
sie waren für uns sowas wie Verwandte:
Der Hafen war ihr liebstes Ausflugsziel.

In einem jener Sommerjahre, als ich fremde Flaggen liebte,
fand ich auch Schiffe aus Shanghai am Pier - vom Gelben Meer.
Ich saß oft stundenlang auf dieser weißen Bank am Kai umher
und starrte auf das bunte Treiben an den Promenadendecks,
hab manches Mal gedacht: Was wär', wenn du dich ganz leger
an Bord schleichst und dich in den Aufbauten versteckst.

Dann würden sie zu Hause vielleicht weinen ...
und 'Mädel, komm bald wieder' statt die 'Die Csárdásfürstin' singen.
Ich aber wäre in Shanghai und würd', als kleiner Maat verkleidet, -
in Bars und Kneipen deutsche Seemannsständchen bringen.
Und auch den 'Tag, an dem der Regen kam', heraufbeschwören,
und mich beim Kneipenwirt über die Glasnudeln beschweren. -
Weil die zersprungen wärn: Der Suppenteller sei voll Scherben …
Zu Hause würde zwischenzeitlich jemand meine Kleider erben.

Sie würden warten, warten … und mich irgendwann vergessen -
ich aber kehrte eines Tages in die Heimatstadt zurück:
Auf einer komfortablen Dschunke – unter mindestens acht Segeln
und Koffern, randgefüllt mit purem Silber und mit Gold.
Sie würden mich umringen, wissen wollen, weshalb mir das Glück so hold.
Dann zuckte ich ganz lässig mit den Schultern und tät' sagen:
"Das ist doch klar wie Kloßbrühe; was sollen diese Fragen?
Der liebe Gott hat 's so gewollt."

Der Glückstädter Hafen - ein Ausschnitt -

Interne Verweise

Kommentare

21. Mär 2017

Die Hafen-Rundfahrt, sie gefällt:
(D)Ein freier Blick - auf bunte Welt!

LG Axel

21. Mär 2017

Dank, Axel, vielmals: Ja, es fuhren viele Schiffe in den kleinen! Hafen ein ...
und leider fuhren sie nach ein paar Wochen wieder fort.
Ich wäre manchmal schrecklich gerne mitgefahrn -
doch war mein Mut nicht groß genug - ich blieb - im Ort.

LG Annelie

21. Mär 2017

Fernweh ist ein kleiner Schmerz,
trifft jeden tief ins Herz -
kein Scherz !!!
Genau dort am Hafen bin ich mit Tante und
Onkel 1959 spazieren gegangen.
Die Ferien im Norden waren immer
Erlebinstage.
Dein Text gefällt mir außerordentlich gut.
LG Volker

21. Mär 2017

Danke für deinen freundlichen Kommentar, Volker. Es freut mich, dass mein Text dir gefallen hat - und dass du Glückstadt 'kennst', den kleinen Hafen, der einst so groß sein sollte wie der in Hamburg. Christian IV. hat ihn gegründet. Aber sein Plan ging nicht auf - schade, oder auch nicht, wie man 's nimmt.

LG Annelie

21. Mär 2017

Im malerischen Städtchen Glückstadt war ich als Teenager in den Sommerferien, kann verstehen, dass du dahin zurück kehren möchtest.
LG Marie

21. Mär 2017

Damals, Marie, damals wäre ich dorthin zurückgekehrt - wenn ich es gewagt hätte, mich als 'blinde Passagierin" auf ein Schiff zu schmuggeln. Heute muss ich irgendwie in der Nähe einer größeren Bibliothek sein, obwohl ich auch viele Bücher kaufe; aber so viele Bücher, wie ich lesen möchte, kann ich gar nicht unterbringen. Schön, dass du mal in Glückstadt warst. Aber zu jener Zeit war ich sicher schon verheiratet und habe in Bielenberg, etwas außerhalb Glückstadts, gelebt - aber auch ganz nah' am Deich - anderenfalls hätten wir uns vielleicht getroffen.

Liebe Grüße
Annelie

21. Mär 2017

Liebe Annelie, das ist ein wunderbarer Text.
Voller Bilder, und sehr gut nachvollziehbar für mich.
So ein blinder Passagier wäre ich auch gerne gewesen.
Und: dass sie vielleicht weinen würden.
Ja. Das habe ich mir auch manchmal gewünscht.....
Aber: dann ist es zu spät! ...habe ich in Gedanken dahinter gesetzt :-)
Alles in allem: toll geschrieben.

Liebe Grüße Lisi

21. Mär 2017

Danke Lisi, du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich freue, dass das jemand nachvollziehen kann - noch dazu eine gute Dichterin.

Liebe Grüße
Annelie

21. Mär 2017

In dem einen und anderen Satz finde ich mich auch wieder :-))
Nur meine „Flucht“ als Kind führte über Land…
Liebe Grüße
Soléa

22. Mär 2017

Danke, Soléa - ob über Wasser oder Land:
Flucht bleibt Flucht, Fluchtgedanken bleiben Fluchtgedanken;
aber wer wirklich fliehen will, braucht Mut - und darf nicht wanken.

LG Annelie