Die Linde

Bild von Jürgen Wagner
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Die Mächtigen erkoren sich die Eiche,
Den Adler, Löwen noch dazu
Das Volk, das pflanzte eine Linde
Man traf sich dort und hatte Ruh

Man tanzte zu so manchen Festen
Ihr Dach beschirmte alle Leut‘
Der Duft erweckte ihre Herzen
Und Liebende hat sie erfreut

Es tagten dort die Dorfgerichte
Und man beriet sich gern bei ihr
Ein Lebensbaum war in der Mitte
War nicht die Gottheit mit ihr hier?

Den Kranken linderte sie Nöte
Den Traurigen stand sie zur Seit‘
Sie schützte Haus und Hof, Familie
Mit Einsamen war sie zu zweit

2017 - Die Linde finden wir nicht mehr im Wald, sondern in Parks, an Straßenrändern, an Höfen, auf Dorfplätzen und Wiesen. Da sich das weiche Lindenholz zwar sehr gut zur Schnitzerei eignet, aber es keine guten Preise erzielte, wurden Linden in Wäldern nicht mehr gepflanzt. Dennoch nimmt sie bei den Menschen eine besondere Stellung ein. Schon in der Frühzeit umgaben die Kelten ihre Kultstätten mit Winterlinden, Sommerlinden waren dagegen die der Göttin Freya geweihten Einzelbäume. Was die Eiche an männlicher Symbolkraft verkörpert, zeigt die Linde auf der anderen Seite: sie steht für Weiblichkeit, Lieblichkeit, für Fruchtbarkeit, den Sommer, Frohsinn, Schönheit und Liebe. Bis hin zum Lind-wurm geht die Symbolik: Siegfried, der im Drachenblut badet, fällt ein Lindenblatt zwischen die Achseln und macht ihn wieder verwundbar.
Bis heute findet man schöne alte Dorflinden, unter denen früher gefeiert und getanzt wurde. Sie waren Mittelpunkt der Dörfer und Städter, Inspiration für Dichter und Sänger. Auch die Gerichte und Ratsversammlungen fanden hier statt. Sie war der Baum der Zusammenkunft und des Austauschs von Nachrichten.
Die Sommerlinden können über tausend Jahre alt werden. Als Femelinden bezeichnet man ausgesprochene Gerichtsbäume. Sog. ‚Blutlinden‘ zeugen von ungerecht Verurteilten; nach Kriegen pflanzte man gerne ‚Friedenslinden‘. Noch heute sind viele Orte und Gaststätten, Familien- und Straßennamen nach ihr benannt. Ihr Tee hilft bei Fieber, Husten und Erkältungen, der Honig ist besonders fein im Geschmack. Der betörende Duft der Blüten lockt im Sommer die Insekten scharenweise an.

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Text, Musik und Gestaltung: Jürgen Wagner

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Kommentare

24. Mai 2017

'Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde', 'Am Brunnen vor dem Tore' - solche Lieder erscheinen uns heute als reine Romantik - wie schon G. Benn über seine Landsleute lästerte: 'Ja, die Linde ist ihr Baum, süß und innig, und man Tee daraus kochen'. Hätte ich nicht eigene Erfahrungen mit diesem Baum gemacht, wüsste ich auch nichts von seiner großen inneren Kraft, die tatsächlich etwas mit der Liebe zu tun hat. Abendgrüße! Jürgen