Von einer mir nahestehenden Person

von Willi Grigor
Mitglied

Das Leben ist eine Reise,
sie beginnt mit der Geburt.
Der Tod ist nicht die Endstation,
am Lebensbahnhof wartet schon
die nächste Generation.
***
Im Jahr 1790
verließen mehrere Ahnen
einer mir nahestehenden Person
ihr Heimatdorf in Durlach, Baden,
um fortan dort zu leben,
wo zwei Länder sich heute treffen:
die Ukraine und Rumänien.

Im Jahr 1940
verließen Eltern und Verwandte
der mir nahestehenden Person
ihr Städtchen in Rumänien,
um in turbulenten Zeiten
als Deutsche in Deutschland zu leben.

Im Jahr 1943
verließen Eltern und Verwandte
der mir nahestehenden Person
- die gerade war geboren -
Deutschland, um in Polen
zu leben, dort, wo die Polen
man vor Kurzem hat vertrieben.

Im Jahr 1945
vertrieb man Eltern und Verwandte
und die mir nahestehende Person,
sowie Millionen andere.
Der Tod ließ sie passieren,
nach Westen, welch ein Glücksfall.
Ein Dorf in Bayerns Norden
- der Krieg war nun zu Ende -
gab ihnen Platz zum Leben.

Im Jahr 1951
zogen Eltern und Geschwister
und die mir nahestehende Person
in das "Dorf" an der Düssel.
Hier begann der "Aufschwung",
Schule, Jugendjahre,
Arbeit, Wanderjahre
der mir nahestehenden Person.
Das Glück im Dorf in Bayern,
das Leben mit den Bauern:
Erinnerung und Sehnen.

Im Jahr 1970,
"in jenem Blumenmai",
an einem Ort in Schwaben,
die Blumen mit ihr sangen,
vorbei war all das Sehnen,
Warten und Verlangen,
da Liebe sie gefangen,
die mir nahestehende Person.

Im Jahr 1975
ging die Lebensreise weiter
für die mir nahestehende Person -
ein Mann, ihr ahnt es schon.
Sie führte ihn nach Norden,
zu Sanftmut, Liebe, Stille,
zu Wäldern, Wiesen, Wasser
(ein bisschen wie in Bayern),
zur Heirat und zu Kindern,
zu einer völlig neuen,
guten Art zu leben.

Im Jahr 1997
zu der mir nahestehenden Person
sagte der noch junge Sohn:
"Ich gehe nun auf Reise,
Australien ist mein Ziel.
Ich will es ausprobieren,
ganz anderswo und -wie zu leben."
Der Vater wissend lächelte,
er ahnte dieses schon.
Die Lebensreise endet nicht
nach einer Generation.

Im Jahr 2017
Er blieb für zwanzig Jahre,
es hielt ihn fest die Liebe,
die Arbeit, Frau und Kinder.
Doch dann schickte das Leben
sie alle auf die Reise,
ins Land wo er geboren,
und werden dort auch bleiben,
bis wieder es wird drängen,
das unsesshafte Leben,
mit einer Reise locken.
***
Das Leben ist eine Reise,
du weißt nicht, wohin sie dich führt -
und auch nicht zu wem und zu was.
Vielleicht - über Wege durch Asien -
vom Nürnberger Zentrum nach Fürth.

© Willi Grigor, 2017
Aus dem Leben

Zugehörige Gedichte:
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Interne Verweise

Kommentare

25. Mär 2018

Diese Familienchronik in gedichteter Form habe ich sehr gerne gelesen. Sie führt über Grenzen hinweg und man ahnt, wer die "dir nahe stehende Person" ist , lieber Willi ...

Liebe Grüße - Marie

25. Mär 2018

Danke Dir, Marie.

...und erst als Rentner habe ich begonnen, mich mit unserer Geschichte zu befassen. Da gab es nur noch die jüngere Schwester meiner Mutter. Aber sie hatte noch Erinnerungen von Rumänien und konnte mir viel erzählen, bis hin zu der Zeit, als meine eigenen Erinnerungen einsetzten.

LG
Willi

27. Mär 2018

Lieber Willi,
Deine Ballade hat mich sehr beeindruckt, ich musste sie noch einmal lesen. Liebevoll und gelassen erzählst Du wie Zeit vergeht und was in ihr enthalten ist - so viele Leben, Generationen, Lebensgeschichten & Zeitgeschichte - wie alles zusammenhängt und weitergeht. Das muss man sich mal vorstellen! Bin sehr bewegt, herzlichen Dank für das schöne Gedicht!

Liebe Grüße, Monika

27. Mär 2018

Danke, liebe Monika,
Du hast meine Zeilen so verstanden, wie ich wollte, dass sie verstanden werden.
Deine haben mich erwärmt.

Noch einen schönen Tag wünscht Dir
Willi