Damals – das war wann ...?

von Annelie Kelch
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Damals – in jenen schwarzen Wintermorgen,
Als neben den Geistern der Nacht noch der Tod
Schlief in der Hecke aus Mehlbeersträuchern ...
Mannshoch und hartlaubig schritt sie neben mir
Her unterm frostigen Finsterchoral des Himmels.

Damals … als ich allein war mit den Mehlbeersträuchern
In der Schlucht zwischen Gräben, darin sich Ratten
Paarten, und Deichen, darüber der blutleere Mond,
Eine festgefrorene Scheibe ohne Seele, die Laternen
Ersetzte – das war … wann …?

Das war, als mein Herz sich wand wie ein zitternder
Glasaal und zerspringen wollt vor lauter Angst,
Das war, als ein Meistergesang pastoral erscholl über
Dem Wasser und mich derart erschaudern ließ, dass
Ich mich sputete und den schiefertafellosen Ranzen
Hüpfen ließ über den großen Schulhof und die beiden
Treppen aus Stein. – Das war auch jener Montag, zu dem
Wir Schillers Bürgschaft auswendig lernen sollten.

Im Klassenzimmer war noch High Life:
Einer hatte an die Tafel geschrieben:

„Balladen sind völlig überflüssig
Und sowas von kitschig!“

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Kommentare

26. Feb 2019

Überflüssig scheint es nicht,
Was Dein Text von damals spricht!
(Wobei die "Bürgschaft" ich verweigert habe -
Denn dieser Schiller war doch Schwabe ...)

LG Axel

26. Feb 2019

Die "Bürgschaft" hab ich brav gelernet - Wort für Wort ...
Danach warf ich das Büchlein fort ...
Verweigern -?, hätt ich nicht gedurft -
Die wären mit mir rumgekurvt ...
Aber wie!

LG Annelie

26. Feb 2019

Liebe Annelie, der Titel macht neugierig auf "damals" und je älter wir werden umso mehr " damals" taucht in unseren Erinnerungen auf. Starke Sprachbilder zeichnen Dein Gedicht, sogar ein wenig geheimnisvolle.Und plötzlich findet sich der Lesende in einer Schulsituation wieder, jenem "damals", welches jeder wohl kennt, auch wenn nicht immer "Die Bürgschaft" auswendig zu lernen war.
Herzlichst- Ingeborg

26. Feb 2019

Du hast mal wieder vollkommen recht, liebe Ingeborg - auch von der Glocke weiß ich ein Lied zu singen. Es w a r geheimnisvoll in der Straßenschlucht am Deich, für meine Begriffe etwas z u geheimnisvoll, zumal kaum Licht existierte und oft Nebel wallten. Aber einmal musste man den Weg ja alleine gehen. - Im Sommer war es viel schöner: Da waren bereits die Kühe wach, drängten sich oben an den Stacheldrahtzaun, beobachteten jeden meiner Schritte; manchmal trampelten sie sogar mit bis zur Gorch-Fock-Straße, wo ich abbiegen musste. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich keine Angst mehr vor ihnen hatte und mich ihr Geleit amüsierte. Danke für Deinen lieben Kommentar und ganz herzliche Grüße an Dich,

Annelie

26. Feb 2019

Toller Titel, liebe Annelie. Er macht neugierig auf mehr und man wird nicht enttäuscht. Plötzlich fand ich mich in der eigenen Schulzeit wieder, hatte den Geruch der Schule in der Nase und hörte die Kreide über die Tafel gleiten. Beim Auswendiglernen von langen Gedichten habe ich immer geschummelt. Da die Lehrer möglichst viele abhören wollten, ließen sie uns nur drei bis vier Stopfen aufsagen, was dazu führte, dass ich nur vier Stopfen lernte und mein Glück auf die Probe stellte. Meistens funktionierte es, und wenn nicht, erfand ich eine Ausrede, musste aber dann am nächsten Tag das ganze Gedicht aufsagen.

Und wieder ein Werk,
Das sehr gut gefällt :)
Wie Reisen in vergang'ne Welt
Wo Poesie das Feld bestellt.
Ich bin begeistert und entführt;
Danke, Du hast mein Herz berührt :)

Herzliche Abendgrüße
Ella

27. Feb 2019

Liebe Ella, ganz herzlichen Dank für Deinen lieben, ausführlichen Kommentar. Ja, so war es auch bei uns: Das Gedicht wurde, zuerst, in mehrere Verse aufgeteilt, zum Auswendiglernen befohlen, gruppenweise, und dann zum Schluss musste jeder den ganzen Text aufsagen können. Anders als in Mathmatik, hatte ich keine Schwierigkeiten damit; es fiel mir sogar leicht, aber ich war nicht der Typ, der sich danach sehnte, sich vor der Klasse mit irgendwelchen Leistungen zu präsentieren. Ich habe eigentlich immer mehr im Stillen gelernt, sofern es sich nicht gerade um Mathematik gehandelt hat, da habe ich nämlich so gut wie gar nichts gelernt. Thomas Mann soll viel später einmal zu seinem Lehrer in etwa gesagt haben: "Man hat es wohl nicht bemerkt, aber im Grunde genommen war ich (fast) immer aufmerksam und habe viel gelernt (ohne eigentlich stur zu lernen)." So ähnlich ist es mir auch gegangen, nur, dass ich kein Genie bin wie Thomas Mann eines war, der knapp die Mittlere Reife geschafft hat und ein wunderbares, hochintelligentes Werk hinterlassen hat. Daran sieht man, wie wenig Bedeutung Schulabschlüsse haben. Ich freue mich, liebe Ella, dass ich Dein Herz habe berühren können.

Liebe Grüße und einen wunderbaren Tag,
Annelie

27. Feb 2019

Das war wann? Lange her, die Schiefertafel gibt’s nicht mehr …

Sonnige und liebe Grüße zu dir nach Lübeck
Soléa

27. Feb 2019

Nein, liebe Soléa, die Schiefertafel, zerbrechlich, wurde abgeschafft. Du musstest gewiss gleich ins Reine schreiben; es gab ja diese Hefte mit Linien für Buchstaben mit Ober- bzw. Unterlängen (süß). Aber das fiel Dir gewiss ganz leicht, da Du ja in Deinen Lehrer verliebt warst (Das habe ich sehr wohl behalten).

Liebe Grüße, leicht frühlingshaft, zu Dir geweht,
Annelie

28. Feb 2019

Hallo Annelie,
ja lange ist sie her die Schulzeit. Ich musste immer am Friedhof vorbeigehen und das war zu früher Stunde manchmal durchaus gruselig. Später haben wir uns einen Spaß daraus gemacht als Mutprobe um Mitternacht durch den Friedhof zu gehen.
Genauso war es mit Quälgedichten wie der Bürgschaft, denen man am besten mit verulkenden Parodien etwas abgewinnen konnte.
Heute ist die Bürgschaft für mich ein wichtiges Kulturgut, das ich auch schon mal in meinen Texten anklingen lasse. :)
Danke fürs bildstarke Erinnern und LG
Manfred

28. Feb 2019

Hallo, lieber Manfred, schlecht ist die Bürgschaft ganz sicher nicht. Ehrlich gesagt, sie hat mich als Kind sogar ziemlich beeindruckt. Ich weiß noch ganz genau, dass ich mich mit meiner Freundin darüber unterhalten habe, ob wir auch füreinander gebürgt hätten. Ich glaube, wir waren uns darüber einig, dass dies der Fall gewesen wäre. Ich jedenfalls hätte sich nicht im Stich gelassen. -
Vielen lieben Dank für Deinen aufschlussreichen, interessanten Kommentar. Am Friedhof entlang zur Schule ... ich glaube, das wäre nicht unbedingt mein Lieblingsweg geworden.

LG Annelie

01. Mär 2019

Zu einsam heraus beschworenen Schwarzgeistern jener Morgen der blutleer faul entlaubten Dämmerungssichel vor festfrierender Schlucht und Krakensilhuoetten - Waldstück - dahinter verspannt der müddösig muffige Kreidewasserstaubgeruch überfüllt überfordert erhitzter Klassenzimmer wenig Raum für einfühlsames Ankommen im Reich empfindender Lyrik - und doch so eindrücklich eingebrannt in die Schicht prägender Erinnerung - so jeder seine eigene hat und doch Gemeinsamkeit so tief empfunden - an jene längst versunken geglaubten Zeiten...
LG Yvonne

01. Mär 2019

Yvonne, ich weiß gar nicht, was ich "sagen" soll. Das ist wieder mal so treffend gut formuliert - von dieser entlaubten Dämmerungssichel bis zum Kreidewasserstaubgeruch (ich musste laut lachen, obwohl mir während des Lesens ein Schauer über den Rücken rann, verbunden mit und ausgelöst auch durch Erinnerungsfetzen), ab und zu kam auch mal ein Auto vorbei, ein wenig Licht von Scheinwerfern, aber eher selten, eher noch die Fahrradlampe von Marion, die von weit her kam (Marion), fast aus der Blomeschen Wildnis - und dann konnten wir uns gemeinsam gruseln. - Danke für Deinen guten Kommentar.

LG Annelie