Was weiß ich von dir, mein Herz …

von Annelie Kelch
Mitglied

Stadt, Land, Fluss … mein Dächermeer
Noch dem Frühtau verschwistert
Das anonyme Treffen der Tauben
Vertagt auf Freitag, und erleichtert
Leer und rein wie ein unbefleckter
Himmel räkelt die Kaimauer ihre
Morgenmüden Glieder um den
Liebenden Hafen –
Sanfte Bö aus Nordost ...

Nach getaner Arbeit gen Mittag
Leg ich die Hände mir über die Augen
Steigt mir das Blut zu Kopf
Beginnt der Schneckenlauf in der
Warteschleife zyklischer Gedanken:
Was weiß ich von dir, mein Herz …?

Was weiß ich schon von dir ...
Die späten Rosen wissen mehr
Entblättern dein Leben: Da seh
Ich dich zweifeln, verzagen …
Mehr als die Blüten lieben dich
Ihre Dornen und mir sind die
Hände gebunden von Sonne
Und Regen aber was ist schon Zeit:
Ein Schreiadlerblick, der mich
Anspornen will ...

Immer die gleichen Gedanken …
In Atempausen schwappt mir
Die Sehnsucht über den Kopf
Fremd in den eigenen Schuhen
Verfall ich im Tagtraum dem Sand
Sylter Dünen, Wälder im Blick
Fall ich ins Dunkel der Nacht
In den Herbst fall ich noch vor dir
Vom Sprungbrett des Lebens
Ins rätselhafte Laub des Todes.

Was weißt du von mir, mein Herz …

Was weißt du von mir, das
Ich nicht selber längst wüsst …
Solange mein Herz nur den Ernst
Des Lebens kennt und ich nicht
Benennen kann jene Berge, die
Sich auftürmen in meiner Seele gleich
Betrogenen Fischen im Makrelennetz
Bleibt mir das erlösende Lachen
im Halse stecken

Enteignet fühl ich mich ohne dich, mein Herz
Besitzlose weinen mit mir, sprechen
Mir Mut zu: Wir leben ja noch …
Im unbegehbaren Land der Liebe
Aber wir leben! ... Doch:

Was weiß ich von dir, mein Herz …
Was weißt du schon von mir:

Nichts!

Copyright: anne li; Quelle: pixabay, stark bearbeitet
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Kommentare

02. Sep 2018

ABSOLUT LESENSWERT, liebe Annelie, und überaus reflektierenswert und ingedankenbehaltenswert,
und die schönste und berührendste Strophe hast du in die Bildkarte eingefügt und ich werds noch 100fach lesen heute.

Liebe Grüße
Anouk

02. Sep 2018

Danke, liebe Anouk; ich bin gerührt und freue mich sehr, dass Dir mein Gedicht gefällt. Aber bitte nicht 100fach lesen: Dann hängt es Dir gewiss irgendwann zum Halse heraus, und das möchte ich auf gar keinen Fall.

Liebe Sonntagsgrüße zu Dir,
Annelie

02. Sep 2018

NICHTS. Alles durchlebt, gedacht, gefühlt und alles endet in "Nichts"; wieder ein Gedicht, liebe Annelie, dessen Intensität in Inhalt und Form berührt und hineinzieht. Liebe Grüsse - Ingeborg

02. Sep 2018

Liebe Ingeborg, danke für Deinen lieben, lobenden Kommentar. Was wissen wir Menschen schon voneinander? Nichts - im Grunde genommen. Denn was wir sind, machen unsere Träume, unsere Gefühle, unser Denken aus; wir sind ja nicht immer das, was wir "tun". Oft sind wir gezwungen, (zu) schnelle Entscheidungen zu treffen, die uns selbst befremden. Fremd sind mir eigentlich auch geblieben jene, die mir nahestanden; denn wer würde es wagen, ein (vorschnelles) Urteil zu fällen ... manchmal lieben wir nur einer Illusion wegen, lieben ein Bild, das wir uns von einem bestimmten Menschen machen, lieben dieses Bild - und fallen aus allen Wolken, wenn es dann später nicht mit unserer Vorstellung von diesem Menschen harmoniert. Man kann sagen, die Menschen, die wir aus eigenem Willen berühren, berühren möchten, sind uns nah, denen fühlen wir uns verwandt - ob wir sie auch "kennen", steht auf einem ganz anderen Blatt. Manchen Menschen fühlen wir uns auch seelisch verwandt. Das ist eine große Gnade.

Liebe Grüße,
Annelie

02. Sep 2018

Die Sehnsucht des Herzens nach gefühltem Wissen
ist die Quintessenz die wir oft missen ...

Einen lieben Gruß in deinen Sonntag,
Eva

02. Sep 2018

Die Sehnsucht des Herzens, liebe Eva, lässt auf uns schließen:
wenngleich wir nicht alles über diese Sehnsucht wissen;
aber ich weiß genau: Diesen Kommentar von dir, fest umrissen,
möcht ich um nichts auf dieser Welt hier missen.
Nicht nur mein Unterbewusstsein lässt herzlich grüßen
Dich, im Tirolerland ... das soll Dir den Sonntag - versüßen,

Liebe Grüße,
Annelie

03. Sep 2018

„Was weiß ich von dir, mein Herz …
Was weißt du schon von mir“ – ihr wisst es! Man es aus deinen Zeilen heraus spürt.

Viele Montagsgrüße zu dir
Soléa

03. Sep 2018

Liebe Soléa, über Deinen positiven Kommentar habe ich mich sehr gefreut und ganz still vor mich hin gelächelt.

Meinen Grüßen an Dich habe ich soeben Atem eingehaucht:
Sie fliegen gleich zu Dir hinüber,
Annelie

03. Sep 2018

Sehr schönes Gedicht.
Scheue oft davor zurück,
mich auch noch in eine schone lange
Reihe von anerkennenden Kommentaren
einzureihen . . .
lG
ulli

03. Sep 2018

Danke, lieber Ulli, für Deine lobenden Worte, über die ich mich sehr gefreut habe.

Liebe Grüße zu Dir und einen schönen Montag,
Annelie

03. Sep 2018

Tiefsinniger, guter Anne Li Text, mehmals mit wachsendem Interesse gelesen, wir wisen zwar nicht viel voneinander, aber wir ahnen, denn die Texte und Gedichte sagen viel aus über das WESEN Persönlichkeiten, die sie verfasst haben ...

LG Marie

03. Sep 2018

Liebe Marie, danke für Deinen guten Kommentar. Gewiss sagen die Texte viel aus über uns Autoren -, aber leider nicht das Wesentliche ... ob man ihnen/uns vertrauen kann, ob sie/wir es wirklich gut mit anderen Menschen meinen, und wie ernst sie/wir die Dinge des Lebens nehmen. Ich las über Wolfgang Hilbig, den ich gerne gelesen habe ("AlteAbdeckerei" etc.), er sei ein sehr konträrer Charakter gewesen, nichts sei so, wie in seinen Gedichten geschrieben, er sei ein ganz anderer Mensch ... Dies schrieb (sehr negativ) eine seiner Lebenspartnerinnen, was durchaus nachvollziehbar ist, wenn es denn wahr ist, was sie in einem Buch beschrieben hat. Es ging vor allem darum, wie er sie behandelt hat, schäbig nämlich. Aber ich behalte Wolfgang Hilbig, dem ich einmal auch persönlich auf einer Lesung begegnet bin, so in Erinnerung, wie ich ihn von seinen her Büchern verinnerlicht habe. Er war Alkoholiker - und das erklärt so manches. Dessen ungeachtet, war er ein hervorragender Schriftsteller - nicht nur allein wenn man bedenkt, das er durch und durch Autodidakt war.

Liebe Grüße und Dir einen schönen Tag,
Annelie