Was zögerst du, o fremdes neues Jahr ...

von Annelie Kelch
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Was zögerst du, o fremdes neues Jahr –
Als hätt ein Weib dich vaterlos geboren …
Weshalb kommst du mir so verloren
Vor …, ein heil'ger Narr, der nach dem Start
Sein Schicksal längst erblickt im Traum,
Vorherbestimmt durch Zeit und Raum:
Die dämmernde Gestalt des Todes in dem
Ewig neuen Spiel – steht er mit fassungslosen
Augen vor den Toren der versehrten Welt ...

O liebes Jahr, öffne die Wunderblüte „Unversehrt“,
Zum Himmel stieg sie nachts mit all den anderen …
In sich gekehrt, viel wen'ger unbeschwert und still,
Wobei kein Mensch die Farbe ihrer Blüte sah.
O öffne deine Wunderblume, fremdes neues Jahr,

Auf dass ihr Knospenlicht sich senkt auf Wälder,
Mauern, Städte, schneebedeckte Dächer – schon
Greift das müde Feuer der Gewohnheit um sich aus des
Teufels urbequemen Schlafgemächern; den grauen Schleier
Aus dem alten Jahr möcht ich zerreißen – er neidet mir die
Jungen, frischen Tage, möcht Pelz sein und auf keinen Fall,
Dass ich ein neues, bessres Leben wage. – Lasst uns
Den grauen Schleier schnell zerreißen, das neue Jahr
Nur einmal noch willkommen heißen – still, in unseren
Herzen, auf dass es seine Wunderblüte für uns öffne ...

Lass mich nur einen Blick in deine Wundertüte
Werfen, neues Jahr, und in die Glaskugel, darin
Der Schnee noch stiebt wie wild ... Was werd ich sehn,
Wenn der sich legt? Fische, die ihre Runden drehn
In winddurchtriebenen Gewässern? – Vom alten Jahr

Die Blüte, welk, in Eis und Schnee erstarrt, während
Das neue lächelt, harrt, so zart und tiefbeschämt
Ob seiner Macht, das Menschenhaar ein wenig heller
Noch zu bleichen? – O ungenutzte tote Zeit, o tote Liebe ...
Lass nebenher die Seelen reifen, dass sie den Blick auf
Ihre eigenen Sünden senken und weniger auf fremde
Lenken. – Und leg in dieser kostbaren und viel zu schnell
Verwirkten Gegenwart von Stund zu Stund das Kreuz
Des Friedens und der Liebe uns – in Herz und Mund.

Privates Foto, Copyright; anne li
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Interne Verweise

Kommentare

09. Jan 2019

Den Neujahrs-Geist soll man bewahren -
Im neuen Jahr nicht an ihm sparen ...

LG Axel

09. Jan 2019

Nach Neujahr geht der Trott wohl meistens weiter;
kaum jemand ändert was, bleibt stur auf seiner Hühnerleiter.

LG Annelie

09. Jan 2019

„Lass nebenher die Seelen reifen, dass sie den Blick auf ihre eigenen Sünden senken und weniger auf fremde lenken,“ mächtige, schöne Annelieworte, die ich teile, über die ich nachdenke, sie erfreuen mich, habe schon auf Dein nächstes Gedicht gewartet, und dann – die kleine Annelie, gut an den Augen erkennbar, staunend im Weihnachtszimmer – mit Lieblingsteddy, hast Du ihn noch??

Liebe Grüße nach Lübeck - Marie

09. Jan 2019

Liebe Marie, herzlichen Dank für Deinen lieben Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe. Das bin nicht ich auf dem Foto, sondern mein ältester Sohn. Ich war nie blond, fast immer dunkelbraun von Natur, einmal rot, einmal mit blonden Strähnchen (gefärbt), schwarz auch, jetzt graugesträhnt. - Böööööhteddy hat wahnsinnig lange gelebt für einen Teddy. Mein jüngster Sohn hat ihn später geerbt und lieb gehabt. Nach mehr als dreißig Jahren zerfiel er dann. Zuletzt hieß er Piratenteddy, denn er hatte nur noch ein Auge, da das zweite verlorenging. Ja, Marie, wieviel friedlicher ginge es zu auf dieser Welt und wieviel weniger Blödsinn käme über die Münder mancher Leute, würden die sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, anstatt im Unglück und in den (angeblichen) Verfehlungen anderer herumzuwühlen. Danke für das interessante neue "Foto" - und ja, die "Pech"-Marie zu Deinem letzten Gedicht habe ich keineswegs im Sinne Frau Holles, sondern ganz neu, im Sinne von einem Tag, an dem man wie vom Pech verfolgt wird, gemeint, deshalb auch in Anführungszeichen gesetzt.

Liebe Grüße zu Dir nach Frankfurt,
Annelie

09. Jan 2019

In wunderschönste Poesie verfasst du Deine Gedanken zu einem neuen Jahr; vielleicht ist alles schon vorbestimmt oder gibt es den Zufall? Als Teil der Natur sind wir auch unentrinnbar ihren Abläufen unterworfen, der Zeit entkommen wir nicht, s." das Menschhaar ein wenig (...) zu bleichen. Aber , s. " das Kreuz des Friedens und der Liebe uns - in Herz und Mund ", da können wir uns einbringen, wirken und unermüdlich dran bleiben... Sei herzlichst gegrüßt, liebe Annelie. Ingeborg

09. Jan 2019

Liebe Ingeborg, weise wie immer war Dein Kommentar. Es ist schwierig, gute Vorsätze in die Tat umzusetzen. Und siehe Herr: Ich habe gesündigt, nämlich vorgestern und gestern - trotz guter Vorsätze - den zweiteiligen Krimi gesehen: "Die verschwundene Familie", der doch an die Realität anknüpft; es gibt tatsächlich in Deutschland so einen Fall, der weder allzu lang her noch aufgeklärt ist. Ich konnte nicht widerstehen, spielte doch Ferch diesen unausstehlichen, coolen Kommissar - und Barbara Auer seine Kollegin, wiederum eine Kollegin von Angélique, die ich auch gerne sehe. - Das neue Jahr ist viel zu schnell wieder ein altes geworden. Die wahre Feierlichkeit, der Neujahrstag, geht doch bei den meisten unter im "Kater" und dem Stunden vorher erfolgten "Böllernebel". Das neue Jahr wird irgendwann seine Blüte öffnen für mich, nämlich dann, wenn ich mit meinen wichtigsten Büchern umgezogen bin, damit sie sich in der neuen Wohnung ungehindert vermehren können. Hier ist zu wenig Platz und zu wenig Ruhe zum Schreiben, so dass ich wieder von morgens bis abends Ohropax trage, um von dem ganzen Kram, der mich eh nicht interessiert, nichts mitzubekommen. Manchmal denke ich, es wäre schön, vorauszuschauen, was das neue Jahr uns bringt ... wenn man bereits vorher die Richtung ändern bzw. Entscheidungen zum Positiven beeinflussen könnte.

Sei auch Du herzlich von mir gegrüßt, liebe Ingeborg,
und dass die Wunderblüte des neuen Jahres nur
angenehme, schöne Überraschungen für Dich bereithält,

Annelie

09. Jan 2019

Oh, welch einen Schritt
wagst du in dieses
Wundertütenschneeglasgestieber:
EinBlick der Hoffnung auf ein
tiefbeschämtes leiskostbares
Einlenken gereifter Seelen
hin zu jenem wahrhaft weiten
friedensvollen Lieben sich bekennend
-ja- das wäre …

so wichtig, richtig - für alle und alles -

LG Yvonne

09. Jan 2019

Danke, liebe Yvonne, für die poetische Zusammenfassung meines Textes, die Dir ganz vortrefflich gelungen ist. Gewiss wünscht Du Dir von Deinen Schülern auch ein bisschen mehr Reife - zumindest hin und wieder - ; jedes Jahr ein bisschen mehr, damit alle das gewünschte Ziel erreichen. Reife fördern kann man, denke ich, mit ausgezeichneten Büchern, Kursen - aber am nachhaltigsten prägt m.E. immer noch die persönliche Erfahrung, die uns oft zum Umdenken zwingt. Ich mag Menschen, die mit Ruhe, Leidenschaft und Hingabe ihren Berufen (Berufungen) nachgehen. Ganz sicher bist Du eine hervorragende Lehrerin, die viele Denkanstöße gibt, statt stur den Lehrplan abzuspulen.

Liebe Grüße,
Annelie

09. Jan 2019

ein herausragend gutes Gedicht.Und ein schönes Bild.
ulli

09. Jan 2019

Danke, lieber Ulli, ich freue mich sehr über Deine lobenden Worte.

LG Annelie

09. Jan 2019

Von Wunschblüte und Wundertüte,
die ich als Kind besonders liebte,
stehe ich heute viel mehr auf Friede und Herz -
im neuen Jahr, das ist wahrlich kein Scherz!

Auf ein nicht zögerndes gutes Jahr, Annelie
Liebe Grüße
Soléa

09. Jan 2019

Liebe Soléa,
Friede und Herz -
auch zwischen uns zweien ...
wünsch ich mir im neuen Jahr
nicht nur bis zum März.
Die Wundertüte ... ein Hit aus Kindertagen,
obwohl darin meist doofe Sachen lagen.
Meist war die Enttäuschung doch riesengroß,
dann noch lieber vom Jahrmarkt - ein Los.
Auf dass Dein Jahr nicht zögert und nicht Halt macht,
sondern ganz leicht die Kurve kriegt und Dir das Glück lacht.

Liebe Grüße und nochmals ein frohes, lebendiges Jahr,
liebe Soléa,
Annelie

09. Jan 2019

Hallo Annelie,
die Wunderblüten der Hoffnungen und Wünsche sind vielzählig und lautstark in den Neujahrshimmel aufgestiegen.
Was blieb ist grauer Rauch und die Tristess des Immergleichen, der wir nur unsere eigenen kleinen Wunderblumen entgegenstellen können. Dein Gedicht ist für mich ein lyrisches Feuerwerk, das ganz ohne Primborium den Lesehimmel ausfüllt und schmückt.
LG
Manfred

09. Jan 2019

Wow, Manfred, das hast Du so wunderbar formuliert, da erkenn ich ihn wieder,
unseren Dichter Manfred Peringer, genannt Perry. Vielen herzlichen Dank für
diesen Kommentar; ich habe den Text mit den Augen in mein Hirn kopiert
und würde mich nicht wundern, wenn aus meinem Kopf vor Freude kleine
Wunderblumen sprießen würden.

LG und noch einen schönen Abend,
Annelie

12. Jan 2019

Dein Gedicht ist sehr schön zu lesen, liebe Annelie. Ich tu' mich manchmal schwer, angemessene Worte zu Deiner kraftvollen Lyrik zu finden, doch bin ich jedesmal wieder auf's Neue gefesselt und - naja, Du weißt schon, ich zieh' die Strickmütze.

Liebe Grüße, Susanna

12. Jan 2019

Liebe Susanna, ganz herzlichen Dank für Deinen wundervollen Kommentar, der mir diesen piesepampeligen grauen Samstag viel liebenswerter macht. Strickmütze find ich cool bei diesem Wetter, Kapuze weht bei stärkerem Wind immer vom Kopf, ganz ohne Kopfbedeckung, was ich eigentlich bevorzuge, weht einem dauernd das Haar ins Gesicht, was nervt.

Ein wunderschönes Wochenende wünsche ich Dir
mit vielen kleinen oder großen Freu(n)den.
Liebe Grüße,
Annelie

13. Jan 2019

Die guten Wünsche mögen unser Herz erreichen,
Das Schlechte möge vor uns stetig weichen :)

Deine Sprache ist so kraftvoll und einzigartig schön, liebe Annelie. Ich bin jedes mal aufs Neue überrascht, überwältigt, beeindruckt und berührt.

Herzliche Abendgrüße,
Ella

15. Jan 2019

Liebste Ella, erst jetzt habe ich Deinen wundervollen Kommentar entdeckt und bedanke mich ganz herzlich für die schönen Zeilen. Ich werde heute noch oft an sie denken und deshalb einen herrlichen Tag haben.

Auch Dir noch schöne Stunden heut,
und dass Du triffst nur gute Leut'!

Liebe Grüße,
Annelie